01.09.2017 - 20:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Entscheidung über erneute Kandidatur erst am 16. Oktober Kurt Seggewiß 10 Jahre im Amt

Es war ein politischer Erdrutsch, der sich im Juli 2007 in Weiden abspielte. Es ging um die Nachfolge des offiziell aus Krankheitsgründen ausgeschiedenen Hans Schröpf. Und der SPD-Kandidat Kurt Seggewiß schlug in der Stichwahl mit 58,37 Prozent den CSU-Bewerber Lothar Höher aus dem Feld. Am 1. September 2007 wurde Seggewiß als neuer Oberbürgermeister vereidigt.

Stichpunkte für alles, was ihm wichtig ist. Diesen fast künstlerisch gestalteten Zettel brachte Seggewiß zum Interview mit.
von Volker Klitzing Kontakt Profil

Das ist jetzt genau zehn Jahre her. Aus den beiden politischen Gegnern sind Freunde geworden. CSU-Mann Höher steht loyal zum SPD-OB. Aber auch sonst hat sich in der Stadt einiges verändert. Im Jubiläums-Interview wird das deutlich. Mit Seggewiß sprachen die Redakteure Ralph Gammanick und Volker Klitzing.

Vom Beginn Ihrer Amtszeit ist uns der Spruch in Erinnerung: "Ich will Kräne sehen." Haben Sie heute schon nachgezählt, wie viele in der Stadt zu sehen sind?

Kurt Seggewiß: Nicht nachgezählt, aber es sind eine ganze Menge angesichts der vielen Baustellen in der Stadt. Am meisten Freude machen mir die Kräne für das NOC, das neue Einkaufszentrum. Aber wir haben auch noch die Projekte am Hammerweg und an der Mooslohstraße, das E-House, die Kliniken AG und die Megal in Rothenstadt.

Zurück zum Tag Ihrer Wahl. Was haben Sie besonders in Erinnerung?

Zwei Dinge. In unserem Wahllokal, im Postkeller, war eine gigantische Stimmung. Und auch im Neuen Rathaus war alles sehr bewegend. Schon auf der Fahrt dorthin haben uns die Menschen zugejubelt. Es war eine Wechselstimmung spürbar. Und dass dann der Wechsel tatsächlich kam, war für viele Weidener eine Erleichterung.

Sie sind überzeugter SPD-Genosse und damit eher ein linker Oberbürgermeister. Wo zeigt sich das in der Stadt?

Vom Beruf her ist mir die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in die Wiege gelegt. Auf kommunaler Ebene ist uns die Halbierung geglückt. Das Ziel von 6 Prozent haben wir mehr als erreicht. Deshalb wollen wir auch mit der Arbeitsmarktinitiative weitermachen. Noch viele Kinder leben in Bedarfsgemeinschaften. Deshalb haben wir die Schulsozialarbeit ausgebaut. Beim Sozialbürgerhaus sind wir auf dem Weg. Wie wir das konzeptionell angehen, ist einmalig in Bayern. Nicht nur das Jobcenter ist dabei, auch die Bundesagentur. Und das alles unter einem Dach. Das führt zu kurzen Wegen.

Sie haben die Bürgerversammlungen wieder eingeführt.

Mein Vorgänger hat sie einschlafen lassen. Aber die Bürgerbeteiligung trägt auch eine sozialdemokratische Handschrift. Wir haben drei Arten, die allgemeine, die stadtteilbezogene und die themenbezogene. Hier hatten wir beim Einkaufszentrum mit dem runden Tisch eine Bürgerbeteiligung wie aus dem Lehrbuch.

Was ist aktuell geplant?

Wir machen im Herbst noch eine allgemeine Bürgerversammlung. Auch das Thema Innenstadtentwicklung kommt noch dran. Derzeit fehlen die konkreten Planungen. Auch der Ostbayernring steht als Thema an, obwohl der mehr in den Bereich des Landkreises fällt. Wir haben uns das aufgeteilt, wobei wir mehr für den Bahnlärm zuständig sind. Aber das klappt, das Verhältnis zu Landrat Meier ist sehr, sehr positiv.

Woran erkennt man das verbesserte Verhältnis?

Ich nenne nur einige Stichpunkte: BRK, ILS, ETZ, VHS und Biomüll. Man merkt einfach, dass eine Vertrauensbasis vorhanden ist.

Was sticht noch positiv aus Ihrer Bilanz heraus?

Die Konsolidierung des Haushalts schreitet voran. Auch die Neuausrichtung des Konzerns Stadt Weiden ist gelungen. Projekte der SGW-Töchter wie das Großprojekt am Hammerweg und die Sanierung der Tiefgarage hätten wir über den städtischen Haushalt nie stemmen können.

Die Haushaltslage hat sich verbessert.

Ja, wir haben das Tal der Tränen durchschritten, insgesamt hat sich die Steuerentwicklung verbessert.

Wie nachhaltig ist diese Entwicklung?

Wir werden sehen. Die Wirtschaft boomt. Das Auftragsvolumen ist für die nächsten zwei Jahre gesichert.

Verraten Sie uns, was Sie auf Ihrer Liste noch stehen haben.

Ja, zum Beispiel die Kliniken AG oder die Sparkasse. Hier ist die Fusion mit den Vereinigten Sparkassen derzeit zwar zurückgestellt, aber die Zeit wird noch kommen. Wir können froh sein, dass wir einen Vorstand haben, der sein Handwerk echt versteht. Die Europa-Berufsschule entwickelt sich prächtig, so mit der Fremdsprachen-Akademie, die junge Leute aus ganz Bayern nach Weiden holt. Den Neubau von FOS/BOS haben wir gegen größte Widerstände durchgesetzt. Eine der knappsten Entscheidungen im Stadtrat. Da müssen wir uns bei der CSU-Politikerin Dagmar Brühler bedanken für die entscheidende Stimme. Heute will die Schule keiner mehr missen. Und nebenan nimmt die OTH eine schier unglaubliche Entwicklung.

In fünf Wochen soll Richtfest für das Einkaufszentrum NOC sein. Kaum zu glauben.

Ja, wenn wir uns erinnern: Bei der Hertie-Schließung herrschte Untergangsstimmung in Weiden. Schwarze Luftballons und weinende Mitarbeiterinnen. Und dann der Wechsel von Sonae Sierra zu Fondara, die in der Folge die ganze Breitseite abbekommen haben, von der Bürgerinitiative bis zu gerichtlichen Klagen. Ich kann das Beharrungsvermögen des Investors nur bewundern. Andererseits muss man feststellen, dass bei manchem Bürger nicht gerade das Gemeinwohl im Vordergrund steht.

Was zählen Sie zu Ihren Stärken?

Wenn ich von etwas überzeugt bin, dann gebe ich nicht auf. Wenn der gerade Weg nicht geht, nehme ich den mit den Kurven. So musste ich mit der Gründung der Stadtentwicklungsgesellschaft SGW warten, bis sich die Mehrheitsverhältnisse geändert hatten.

Welche Kurven mussten Sie denn beim Erhalt des Bundeswehrstandortes Weiden nehmen?

Die Herren der Bundesimmobilien-Verwaltung saßen bei mir und wollten schon das Gelände entwickeln und über Vermarktung reden. Ich habe sie rausgeschmissen. Und dann habe ich mit Oberstleutnant Bernd Henn und weiteren Unterstützern gekämpft. Henn war klasse. Er hat mich immer gerade dort hingeschickt, wo ich sein musste.

Wo sehen Sie Ihre Schwächen?

Meine Ungeduld. Und dass ich mein Herz auf der Zunge trage, ist in gewissen Situationen nicht gut.

Sie sind ein emotionaler Mensch. Was treibt Sie im Stadtrat immer noch zur Weißglut?

Ewig lange und sinnlose Diskussionen. Der Stadtrat gibt da kein gutes Bild ab. Entscheidungen werden nicht akzeptiert, immer wieder kommt die Rolle rückwärts. Ständig wird nach neuen Gutachten verlangt. Dann glaubt man dem Gutachter nicht und will ein weiteres Gutachten. Wenn das dann das erste Gutachten bestätigt, wird das immer noch infrage gestellt. So etwas bringt mich zur Weißglut.

Sie verlassen dann immer wieder mal den Sitzungssaal und beruhigen sich auf dem Balkon mit einer Zigarette. Könnten Sie bei den Sitzungen nicht einfach die Zügel straffer in die Hand nehmen?

Sie reden sich leicht. Wo zieht man die Grenze? Die Stadträte haben ein Recht zu sprechen, und schnell kommen Vorwürfe, es fehle am Demokratieverständnis. Ich sage dann lieber, um 18 Uhr ist Ende der Sitzung. Manche Anträge bleiben dann halt liegen.

Was ist bisher nicht gelungen? West IV lässt auf sich warten.

Die gesetzten Ziele sind entweder erreicht oder sie sind auf dem Weg. Beim Gewerbegebiet wird sich der Stadtrat im Oktober mit dem aktuellen Planungsentwurf beschäftigen. Eine große Hürde sind die Staatsforsten und die staatliche Immobiliengesellschaft, die noch nicht mit uns an einem Strang ziehen.

Eine der größten Herausforderungen in Ihrer Amtszeit dürfte die Bewältigung der Flüchtlingssituation sein. Wie ist der Stand?

Dank großer ehrenamtlicher Mithilfe sind wir das würdig und menschlich angegangen. Da kann die Stadtgesellschaft stolz zurückblicken. Aktuell beherbergen wir 500 Flüchtlinge, davon 120 dezentral. Problematisch ist, dass uns vorwiegend junge Männer zugewiesen werden. Das birgt Konfliktstoff. Deshalb brauchen wir einen Sicherheitsdienst. Die Regierung hat uns diesen zum 1. Oktober zugesagt.

Bürgermeister Lothar Höher war vor zehn Jahren Ihr Gegenkandidat, und er musste eine schmerzliche Niederlage hinnehmen. Heute scheinen Sie gut befreundet zu sein.

Der Lothar hat mir die Hand gereicht und mir seine Mitarbeit zum Wohle der Stadt angeboten. Eine große Geste. Und er hat Wort gehalten. Viele Dinge besprechen wir gemeinsam, und auch mit Bürgermeister Jens Meyer.

Werden Sie bei der nächsten OB-Wahl 2020 nochmals antreten?

Am 14. Oktober werde ich 60. Zwei Tage später gibt es einen Empfang im Neuen Rathaus. Bei dieser Gelegenheit werde ich meine Entscheidung kundtun.

Haben Sie sich schon entschieden?

Ich werde das mit meiner Familie besprechen und am 16.10. kundtun.

Du kannst planen, was Du willst. Meist kommt es eh anders. Deshalb: Niemals aufgeben.Lebensmotto von Oberbürgermeister Kurt Seggewiß

Zur Person

Im westfälischen Bocholt ist Oberbürgermeister Kurt Seggewiß am 14. Oktober 1957 geboren. Aufgewachsen ist er in Weiden. Er ging zur damaligen Bundesanstalt für Arbeit, der jetzigen Bundesagentur und studierte an der Fachhochschule des Bundes Arbeitsverwaltung. Er schloss als Diplomverwaltungswirt ab. Anfang der 90er Jahre ging er in Sachen Aufbau Ost in leitender Position nach Halle.

Über die Auseinandersetzungen um die geplante WAA in Wackersdorf kam Seggewiß zur SPD. Für die Sozialdemokraten kandidierte er im Juli 2007 zur OB-Wahl und setzte sich in der Stichwahl mit 58,37 Prozent gegen CSU-Bewerber Lothar Höher durch. Bei der Wahl 2014 bestätigten ihn die Weidener gegen fünf weitere Kandidaten im ersten Wahlgang mit 52,5 Prozent im Amt.

Seggewiß ist seit 31 Jahren mit Ehefrau Maria verheiratet. Früher war er begeisterter und erfolgreicher Tennisspieler. Inzwischen tankt er Energie im heimischen Garten und beim wöchentlichen Saunabesuch. Zur engeren Familie gehört auch der volljährige Sohn Jan. (vok)

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