12.07.2017 - 13:58 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Expertinnen der Beratungsstelle "Dornrose" wissen: "Missbrauch gibt es auch bei uns"

Die Zahlen schockieren: Mehr als 87 000 Menschen nutzten die Kinderpornografie-Plattform "Elysium", die jetzt aufgedeckt wurde. Ein Vater soll seine zwei Kinder sogar an andere Männer vermittelt haben. Ein Pressebericht, der Elisabeth Scherb erschüttert. Dabei weiß sie aus ihrer Arbeit nur zu gut, wie weitverbreitet Kindesmissbrauch ist.

Wer Missbrauch verhindern will, muss Kinder frühzeitig aufklären und ihr Selbstbewusstsein stärken, sagt Diplom-Sozialpädagogin Elisabeth Scherb. Sie wünscht sich deshalb mehr Geld für die Beratungsstelle "Dornrose", damit das Personal und die Präventionsarbeit ausgebaut werden können. Bild: Schönberger
von Jutta Porsche Kontakt Profil

"Mein Vater hat mich als Kind sexuell missbraucht und mich an andere Männer verkauft." Diesen oder ähnliche Sätze bekommen die Mitarbeiterinnen der Weidener Beratungsstelle "Dornrose - gegen sexualisierte Gewalt an Frauen und Kindern" immer wieder zu hören. "Etwa jeder siebte Erwachsene in Deutschland war in seiner Kindheit oder Jugend von sexualisierter Gewalt betroffen", verweist Diplom-Sozialpädagogin Elisabeth Scherb auf neueste Studien.

Lebenslange Folgen

Die Folgen sind gravierend. "So ein Missbrauch hat nicht nur Auswirkungen auf die Kindheit. "Er beeinträchtigt das ganze Leben", sagt Scherb. Viele Frauen sind schwer traumatisiert, können keiner Arbeit nachgehen. Sie leiden an Depressionen, Angstzuständen oder dem Borderline-Syndrom, fügen sich also selbst Verletzungen zu. "Das erleben wir auch in unserer Arbeit vor Ort."

Sexuelle Gewalt in der Kindheit ist die häufigste Ursache, weshalb Ratsuchende im vergangenen Jahr die Beratungs- und Fachstelle Dornrose aufgesucht haben. Unter den 171 Fällen, die die Mitarbeiterinnen 2016 insgesamt betreuten, betrafen 72 konkret den sexuellen Missbrauch in der Kindheit. Dazu kamen weitere 19 Verdachtsfälle, außerdem 21 Fälle von sexuellen Übergriffen durch Kinder beziehungsweise Jugendliche sowie 10 Fälle von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Beachtliche Zahlen, wenn man bedenkt, dass gerade in diesem Bereich noch vieles unter den Teppich gekehrt wird.

Genau dagegen wollen die Expertinnen von "Dornrose" angehen. Und das noch stärker als in der Vergangenheit. "Mit Prävention ließe sich da noch viel mehr aufdecken oder sogar im Vorfeld verhindern", sagt Scherb. Sie und ihre Kollegin, die Diplom-Sozialpädagogin Karin Schmidt, leisten auch Vorbeugungsarbeit. Doch sie besetzen rein rechnerisch zusammen eineinhalb Stellen. "Präventionsarbeit kommt da immer zu kurz", sagt Elisabeth Scherb. "Obwohl der Bedarf da ist."

Das belegen unter anderem ihre Fachvorträge in den Berufsschulen in Grafenwöhr und in Weiden. Scherb: "Die sind bei Schülern und Schulleitung sehr gut angekommen." Die Resonanz auf die Themen "K.-o.-Tropfen" und "Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz", die sie dort erlebt hat, beweisen, dass die heile Welt auch in der nördlichen Oberpfalz Risse hat. "Manche Jugendliche hatten selbst schon Erfahrungen mit K.-o.-Tropfen, andere hatten Freunde, die so etwas erlebt haben."

Belästigung am Arbeitsplatz

Was die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz betrifft, so sei es vor allem für Jugendliche schwer einzuordnen, wo hier die Grenzen verlaufen und welche Rechte sie haben. Deshalb sei Aufklärung dringend nötig, meint Scherb und belegt das mit folgendem Vorfall: "Eine Jugendliche ist nach dem Vortrag zu mir gekommen und hat gefragt: Ist es sexuelle Belästigung, wenn mir dieser Kunde zu nahe kommt?" Übrigens gilt laut Scherb: Die übergriffigen Personen sind in der Mehrzahl männlich, aber auch unter den Opfern sind häufig junge Männer.

Mehr Aufklärungsarbeit wäre unbedingt wünschenswert, meint Scherb. Ihr Wunsch an die Politiker vor Ort und an das Bundesfamilienministerium lautet deshalb: Mehr finanzielle Unterstützung für die Beratungsstelle "Dornrose", damit das Personal aufgestockt und die Präventionsarbeit ausgebaut werden kann. Sinnvoll wäre laut Scherb auch die Einrichtung einer halben Stelle in Tirschenreuth. "Nicht jede Frau aus dem Raum Tirschenreuth ist so mobil, dass sie leicht nach Weiden kommen kann." "Dornrose" ist zuständig für den Bereich Weiden-Neustadt-Tirschenreuth. Elisabeth Scherb: "So ein großes Gebiet, das ist eine Herausforderung."

Um sexuellen Missbrauch aufzudecken oder zu verhindern, seien aber auch Schulen und Kindergärten gefordert, meint die Sozialpädagogin. Denn der Täter kommt häufig aus dem familiären Bereich, das Kind steht unter massivem Druck. Ihre Kollegin Karin Schmidt bietet deshalb an, gemeinsam mit den Verantwortlichen in Heimen, Vereinen, Schulen oder Kindergärten Schutzkonzepte für die jeweilige Einrichtung zu erstellen. Scherb: "Prävention ist sehr wichtig und sollte so früh wie möglich ansetzen."

Selbsthilfegruppe

Seit Herbst 2016 existiert für den Raum Weiden-Neustadt-Tirschenreuth eine Selbsthilfegruppe von Frauen, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden. Die Treffen sind jeden ersten und dritten Montag im Monat in den Räumen der Beratungsstelle "Dornrose", Goethestraße 7, in Weiden und beginnen um 16 Uhr. Angeleitet wird die Gruppe von der Sozialpädagogin Elisabeth Scherb. Bei ihr sollte vor dem ersten Besuch auch eine Voranmeldung erfolgen unter der Telefonnummer 0961/33099. (ps)

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