Genossen bleiben bei Diskussionsabend unter sich
"Türken sind selbst verunsichert"

Sie wollten mit Mitbürgern türkischer Herkunft diskutieren und blieben doch unter sich. Die Weidener Genossen mit Bundestagsabgeordnetem Uli Grötsch und Europaabgeordnetem Ismail Ertug. Bild: Kunz
Politik
Weiden in der Oberpfalz
19.12.2016
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Egal, wer in der Türkei regiere. Die zentrale Botschaft des Abends war: Menschen türkischer Herkunft, die in Deutschland leben, hätten auch in Zukunft hier ihre Heimat, formulierte Bundestagsabgeordneter Uli Grötsch am Freitagabend bei einer Diskussionsveranstaltung der SPD mit dem Europaabgeordneten Ismail Ertug zum Thema "Stolzer Partner - fremder Freund?" im "Café Mitte". Die Einladung richtete sich explizit an türkischstämmige Bürger. Umso mehr bedauerten die Veranstalter, dass die angesprochenen Bürger fern blieben und nur Genossen gekommen waren, die sich für das Verhältnis Deutschlands und der Türkei interessierten. Grötsch machte deutlich, dass "wir den Konflikt in der Türkei nicht bei uns haben wollen."

Unabhängig davon, ob jemand ein glühender Anhänger Erdogans sei oder Kurde: "Bei uns hat jeder seinen Platz, solange er sich auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bewegt." Schade nur, so Grötsch, dass trotz zweisprachiger Einladung auf den Plakaten keiner aus der türkischen Gemeinde gekommen sei. Grötsch formulierte sein Enttäuschen auf Oberpfälzisch: "Hertrong kamma halt koin."

Ismail Ertug sprach zu den Ereignissen in der Türkei und deren Auswirkungen auf die Europäische Union. "Wir wissen sehr wohl, dass die Türkei sehr schwierige Zeiten durchläuft und mit dem Putschversuch am 15. Juli ein nationales Trauma durchlitten hat." Gleichwohl tadelte er die Rechtsverstöße im Land seit dem 16. Juli. "Die Europäische Union tut sich beim Einordnen der Geschehnisse furchtbar schwer." Vor allem, da aktuell Beitrittsverhandlungen laufen. "Man muss die Türkei verstehen lernen. Das ist ein komplexes Land mit den unterschiedlichsten Verwicklungen und einer Nähe zur Europäischen Union. Aber mit einer Regierung, die den Glauben an die Europäische Union verloren hat."

Latente Animositäten

OB Kurt Seggewiß schilderte das Zusammenleben aus Sicht der Stadt. "Ich kenne die türkischen Familien sehr gut und kann feststellen, dass sie verunsichert sind von dem, was aus der Türkei kommt." Inzwischen gebe es latente Animositäten zwischen Erdogan-Anhängern und -Gegnern. "Die Leute haben zum Teil Angst." Seggewiß weiter: "Ich merke verstärkt, dass Unterschiede gemacht werden zwischen Türken sunnitischen und alevitischen Glaubens. All dies spielt sich in unserer Stadt auch ab." Nichtdestotrotz müsse man mit den türkischstämmigen Mitbürgern im Gespräch bleiben. "Wir sind ja zum Teil mit vielen befreundet." Seine Erfahrungen: "Viele sind mit dem, was Erdogan in der Türkei macht, überhaupt nicht einverstanden. Sie trauen sich bloß nicht, das zu äußern." Viele lebten schon in der zweiten oder dritten Generation in Weiden und hätten dazu beigetragen, dass es der Stadt gut gehe. "Man grüßt sich, geht aufeinander zu."

Aber, so der Oberbürgermeister weiter: "Ich weiß auch, dass eine stärkere Religiosität auftritt, aber nicht bei allen." Deshalb sein Appell an die muslimische Gemeinde, türkischer Ausrichtung: "Zeigen Sie sich mehr, nehmen Sie am gesellschaftlichen Leben teil und verkriechen Sie sich nicht in der Moschee."
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