26.01.2018 - 18:56 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Gespräch mit IG-BCE-Hauptvorstandsmitglied Francesco Grioli Gewerkschaft will Digitalisierung gestalten

Francesco Grioli verkörpert die Zukunftshoffnung im Hauptvorstand der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Nicht, weil der 45-Jährige der Jüngste im Führungsgremium in Hannover ist, sondern weil er für das Thema die Verantwortung trägt, das Unternehmen und Arbeitswelt nachhaltig verändern und prägen wird: das Thema Digitalisierung.

Francesco Grioli, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE. Bild: Gabi Schönberger
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Grioli macht an Freitag im Gespräch mit unserer Zeitung im Büro des Bezirks Nordostbayern in Weiden deutlich, dass er darin eine große Chance sieht. Und der Gewerkschafter sagt, dass er die Sorge hat, dass Wirtschaft und Politik wegen eines "eher veralteten Blicks auf die Industrie" diese Chance liegen könnten.

Digitalisierung bedeute mehr als Effizienzsteigerung. Es entstünden neue Geschäftsmodelle und innovative Produktionsabläufe. Für diese Entwicklung will die IG BCE sensibilisieren. Dazu hat die Gewerkschaft eine Zukunftskommission digitale Agenda eingerichtet. Sie soll beraten, analysieren und vernetzen. Jenseits des Engagements für Arbeitnehmerrechte und -schutz will die IG BCE den Prozess der Digitalisierung gestalten und begleiten. Wenn es gelänge, deutsche Ingenieurskunst mit dem Geist von Silicon Valley zu verbinden, betont Grioli, "käme eine Rakete, mit viel, viel PS auf die Straße".

Unternehmen müssten ihren Arbeitnehmern Schutz und Sicherheit im Prozess des Wandels garantieren. Dazu gehöre regelmäßige Weiterbildung, nicht nur wenn eine neue Maschine komme: Mitarbeiter müssen das Gefühl haben "Ich werde fit gehalten." Unternehmen, die dies erkennen, würden die Chancen der Digitalisierung realisieren können. Deshalb unterstützt Grioli die Idee eines Weiterbildungsanspruches. Zudem plädiert er für Ausbildungsverbünde und für staatliche überbetriebliche Ausbildungszentren, da kleine und mittlere Unternehmen nicht alles selbst leisten könnten. Dazu gehört für ihn, dass Unternehmen in Forschung und Entwicklung hierzulande investieren und nicht in Asien.

Auch beim Thema Arbeitszeit ist die IG BCE ein Vorreiter. Mit dem Potsdamer Modell hat sie für die Chemiebranche in Ostdeutschland das vereinbart, wofür die IG Metall in ihrer Branche kämpft: eine flexible Wochenarbeitszeit. In der Chemiebranche können Arbeitnehmer zwischen 32 und 40 Stunden wählen. Für Grioli eine kluge Antwort auf die Anforderungen der Gegenwart und der Zukunft. Er verweist auf die Rente mit 67 Jahren, die dazu führt, dass etwa Schichtarbeiter länger in den Betrieben bleiben, den Wunsch der Jungen nach einer besseren Work-Life-Balance und das Thema Pflege.

Forderungen aus Arbeitgeberverbänden nach einer Verkürzung der gesetzlichen Ruhezeit weist der Gewerkschaftsvorstand entschieden als "reaktionären Mist" zurück. In Unternehmen sei dies kein Thema, nur im Verband. Die Arbeitnehmer brauchen Zeit zur Erholung, sonst erreiche keiner das Rentenalter von 67 Jahren, macht Grioli deutlich.

Vergangenes Jahr verlor die IG BCE rund 7000 Mitglieder. Allerdings ist die mit rund 645 000 Mitgliedern drittgrößte Gewerkschaft im Deutschen Gewerkschaftsbund stolz auf ihren hohen Organisationsgrad. Zudem erfreut sich die IG BCE großen Zuspruchs bei Jugendlichen. Von drei Auszubildenden treten zwei zu Beginn ihrer Ausbildung ein. Weniger zufrieden ist Grioli damit, dass es viele gerade neue Unternehmen gibt, die keine Tarifbindung haben. Die Gewerkschaft kämpft um diese Betriebe. Auch deshalb erinnert er Bundeskanzlerin Angela Merkel an ihre Zusage beim Kongress in Hannover, dass sie alles dafür tun wolle, "die Tarifbindung wieder zu steigern".

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