Grundsatzrede von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker
Euro für alle: Hoffentlich nur eine symbolische Geste

Politik
Weiden in der Oberpfalz
13.09.2017
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Auch wenn man es ihm nicht ansieht: Jean-Claude Juncker brennt für Europa. Der Kommissionspräsident erstarrt nicht in technokratischer Routine, wie sie "Brüssel" oft angekreidet wird. Sein Glühen für Ideale wie Freiheit, Gleichberechtigung, Rechtsstaatlichkeit trifft in eine Zeit, in der Europa auf Bürokratie und Wirtschaftshilfen banal reduziert wird. Gerade deshalb sind Junckers Anstöße über die Tagespolitik hinaus nachdenkenswert - etwa für eine europäische Bluecard (Lenkung der legalen Einwanderung) oder Gleichklang bei den Steuern.

Destabilisierend wirkt dagegen seine Forderung nach dem Euro für alle EU-Staaten unter dem Motto "der Euro soll einen, statt spalten". Schon vergessen, dass der Euro noch vor kurzem um das Überleben kämpfte und sein baldiges Aus prognostiziert wurde? Die existenzielle Krise der europäischen Einheitswährung resultierte nicht zuletzt aus dem absurd hohen Ungleichgewicht zwischen wirtschaftlichen Riesen (wie Deutschland) und Zwergen. Südeuropäische Staaten wie Portugal und Spanien hingen am finanziellen Tropf der EU. Ein Rettungspaket jagte das andere, Griechenland steht weiter wirtschaftlich am Abgrund. Soll der historische Fehler, Griechenland in die Euro-Zone aufzunehmen, mit Rumänien oder Bulgarien wiederholt werden?

Faktisch einte der Euro bei dieser Krise nicht Europa, sondern schürte Europa-Skepsis: Bei jenen Völkern, die mit harten Spar-Diktaten überzogen wurden, und bei anderen Völkern, die zahlen und haften. Die geringe Inflation ist nur ein Grund, warum die EZB bis heute den Markt mit frischem Geld flutet sowie notleidende Staats- und Unternehmenspapiere aufkauft. Die griechische Tragödie hat die ruinöse Wettbewerbsverzerrung durch den Euro für unterentwickelte Länder vor Augen geführt. Hoffen wir, dass Junckers Euro-Idee nur als symbolische Geste zu verstehen ist.

clemens.fuetterer@oberpfalzmedien.de
1 Kommentar
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Hans Werner aus Schmidgaden | 15.09.2017 | 00:16  
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