31.01.2018 - 17:26 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Handyverbot auf der Kippe Schulstreit um Smartphones

Ist das Handyverbot an Bayerns Schulen noch zeitgemäß? Ein Oberpfälzer Lehrer-Vertreter sagt Ja, der bayerische Elternverband Nein. Schulleiter in der Region sind ebenso verschiedener Meinung.

Laut bayerischem Gesetz verboten: Nachrichten schreiben und telefonieren mit dem Handy auf dem Schulhof. Außer eine Lehrkraft erlaubt die Nutzung, um zum Beispiel die Eltern anzurufen. Symbolbild: Sebastian Kahnert/dpa
von Julian Trager Kontakt Profil

Weiden/Amberg. Der Bildungsausschuss des Landtags berät an diesem Donnerstag über ein Handyverbot. Einige Schüler haben schon eine Meinung: Sie finden es doof. Aber erstaunlicherweise sagen auch viele Schüler vom Kepler-Gymnasium in Weiden: Das Handyverbot an Schulen ist gar nicht so schlecht. Vor allem im Unterricht störe das Gebimmel. Aber in der Pause würden sie es dann doch gerne benutzen wollen.

Ähnlich uneinig sind Experten und Schulleiter aus der Oberpfalz bei der Frage, ob Handys an Schulen erlaubt sein sollten. Dieter Lang, Landesvorsitzender des Bayerischen Schulräteverbands, bringt das Problem auf den Punkt: "Smartphones haben so viel Positives, man kann damit aber auch verdammt viel Mist anfangen." Bayern ist das einzige Bundesland mit gesetzlichem Handyverbot an Schulen. Seit 2006 müssen die Geräte dort ausgeschaltet sein, mit Ausnahmen - wenn es die Aufsicht habende Lehrkraft erlaubt. Über das Gesetz wurde heftig diskutiert. Vor kurzem hat der bayerische Elternverband (BEV) die Diskussion neu angefacht. Er forderte eine Lockerung des Gesetzes, die Regelung über Ausnahmen sollte künftig von der Schulgemeinschaft vereinbart werden.

Das sieht auch Wolfgang Wolters so. Der Schulleiter des Amberger Max-Reger-Gymnasiums würde sogar einen Schritt weiter gehen. "Das Gesetz ist nicht zeitgemäß". Auf der einen Seite werde ein vernünftiger Umgang mit den neuen Medien gefordert, auf der anderen Seite werde er verboten. "Darüber bin ich nicht besonders glücklich." Wolters befinde sich in einer Zwickmühle: Er muss sich ans Gesetz halten, so wie alle anderen Schulleiter in Bayern auch, - ob er es nun gut findet oder nicht.

Immer wieder überprüfen

Natürlich gebe es Ausnahmen. Wenn die Schüler mit dem Handy recherchieren dürfen, zum Beispiel. Aber sonst müssten die Geräte ausgeschaltet sein. Das versteht Wolters nicht. Zumindest ab der Mittelstufe sollte es den Schülern - außerhalb des Unterrichts - erlaubt sein, ihr Handy zu nutzen. Smartphones gehörten mittlerweile zum Alltag, viele Kinder hätten gar keine Uhr mehr - die Funktion hat das Handy übernommen. Mit seiner Meinung sei er aber in der Minderheit, weiß Wolters. Von den befragten Oberpfälzer Schulleitern lässt einzig auch Knut Thielsen vom Gymnasium Eschenbach Änderungswünsche durchscheinen. "Wie alle Gesetze ist auch dieses immer wieder auf seine Zeitgemäßheit und Durchsetzbarkeit hin zu durchleuchten und gegebenenfalls zu modifizieren", sagt Thielsen. "Verbote allein bewirken wenig."

Erforderlich bleibe eine auf die aktuelle Situation zugeschnittene, mit Augenmaß durchgeführte Medienerziehung. "Durch Verteufelung und Verbot der neuen Medien wird man dem Problem und vor allem den jungen Menschen nicht gerecht." Am Eschenbacher Gymnasium dürften Oberstufenschüler in bestimmten Räumen Smartphones ohne Bestrafung nutzen - sofern keine Fotos und Filme gemacht werden. Für Sigrid Bloch, Rektorin am Kepler-Gymnasium, macht das Gesetz Sinn, weil es eben auch Ausnahmen zulasse. Wie für Johannes Werner, Schulleiter am Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium in Schwandorf. Eine Auflockerung des Gesetzes? Unnötig. Weil dadurch die Präsenz des Handys reduziert werde. "Die Schüler sollen sich miteinander unterhalten." In ihrer Freizeit hängen sie ohnehin schon an den Geräten.

Medienkompetenz fehlt

Das findet auch der Amberger Albert Schindlbeck, als Vorsitzender des Bezirkspersonalrats der Regierung Oberpfalz zuständig für alle Lehrer an Grund-, Mittel- und Berufsschulen. Er befürwortet das Handyverbot, auch in der jetzigen Form. Den Kindern fehle es an Medienkompetenz. "Das ist gefährlich." Als jahrelanger Konrektor der Grund- und Mittelschule Freudenberg habe er viele Erfahrungen mit Handys gesammelt. Nicht immer waren die gut. Einmal hätten Schüler miteinander gerangelt, wie beim Wrestling. Einer habe den anderen im Würgegriff gehabt. Kurz darauf landete die Aktion als Video auf Youtube. Die Kinder müssten erst lernen, wie mit diesen Medien umgegangen wird. Das müsse auch in der Schule passieren, aber unter Aufsicht von Lehrern.

Und was sagt das bayerische Kultusministerium? Nicht viel und nichts Neues. Staatsminister Ludwig Spaenle wolle in diesem Jahr mit der "Schulfamilie" an einem Runden Tisch darüber reden.

Neues Denken

Angemerkt von Frank Werner

Das Handyverbot im Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetz stammt aus dem Jahr 2006 - und ist bereits überaltert. Die Lebenswirklichkeit hat den Artikel 56 längst überholt. Die vernetzte und digitalisierte Welt soll ausgerechnet vor der Schultür ausgeschaltet werden? Willkommen in der Steinzeit!

Natürlich muss nicht darüber diskutiert werden, dass während des Unterrichts nicht gechattet, telefoniert oder heimlich gesurft werden darf. Das wird ja wohl noch jeder Schüler kapieren. Von den Lehrern ganz zu schweigen, die wahrlich nicht immer mit gutem Beispiel vorangehen - auch während der Schulstunde.

Es geht darum, die Chancen eines virtuellen Klassenzimmers zu nutzen. Warum werden immer mehr Tablets für die Schulen angeschafft, Handys aber auf den Index gesetzt? Es geht um den richtigen Umgang mit den mobilen Geräten. Und hier gibt es noch eine Menge Hausaufgaben zu erledigen. Kinder müssen zum Beispiel aufgeklärt werden über das Recht am eigenen Bild, die Vertraulichkeit des Wortes und Urheberrechtsfragen. Analoge Betonmauern um die Schulen zu bauen, ist weder pädagogisch sinnvoll, noch zeitgemäß.

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