19.04.2018 - 16:48 Uhr
Oberpfalz

Interview mit Gesundheitsministerin Melanie Huml beim BRK-Pflege-Forum Herzwerker für besseres Image der Pflegeberufe

Fachkräftemangel, schlechtes Image der Pflegeberufe, zu wenig Wertschätzung. Die Liste der Probleme in der Pflege ist lang. Um nach Lösungen zu suchen, treffen sich BRK-Verantwortliche in Weiden. Auch Ministerin Melanie Huml (CSU) nimmt daran teil.

Zum Pflege-Forum des Bayerischen Roten Kreuzes in Weiden kam auch Gesundheitsministerin Melanie Huml (Mitte). Wolfgang Obermair, Stellvertretender BRK-Landesvorsitzender, und Brigitte Meyer, BRK-Vizepräsidentin, begrüßten die Politikerin. Bild: Schönberger
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Beim BRK-Pflegeforum in der Max-Reger-Halle hat Gesundheitsministerin Huml auf die Erfolge der Politik hingewiesen, aber auch gesagt: "Manches geht auch mir nicht schnell genug." Sie gab Oberpfalz-Medien ein Interview, in dem sie auch auf den Entwurf zum Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz und das neue Landesamt für Pflege in Amberg einging:

Es wird viel über den Pflegenotstand, Fachkräftemangel und schlechte Bezahlung in Pflegeberufen geredet. Wann passiert denn mal was?

Melanie Huml: Das Thema Pflege liegt mir schon lange am Herzen. Auf Bundesebene hatten wir mit den Pflegestärkungsgesetzen die größte Reform der Pflegeversicherung der letzten Jahrzehnte. Mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff ist die Pflegeversicherung fairer geworden - und es stehen insgesamt fünf Milliarden Euro mehr für die pflegerische Versorgung zur Verfügung. Klar ist, dass es durch diese Verbesserungen für die Pflegebedürftigen nicht automatisch mehr Pflegefachkräfte gibt.

Diese Reform in der Praxis umzusetzen, braucht Zeit. Darüber hinaus wollen wir die Pflege im häuslichen Umfeld verbessern und die Unterstützung für pflegende Angehörige verstärkt ausbauen.

Außerdem sollen die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften so attraktiv gestaltet werden, dass ausreichend Menschen den Pflegeberuf ergreifen und auch dabei bleiben. Ich freue mich sehr, dass unsere Forderung nach einer 'Konzertierten Aktion Pflege' umgesetzt werden soll.

Im Berliner Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD unter anderem darauf verständigt, die Bezahlung nach Tarif zu stärken. Klar ist: Die Pflegekräfte brauchen unsere Unterstützung. Deshalb wollen wir gemeinsam mit den Tarifpartnern dafür sorgen, dass Tarifverträge flächendeckend zur Anwendung kommen. Und genau dafür werden wir die gesetzlichen Voraussetzungen schaffen. Insgesamt brauchen wir auch noch mehr gesellschaftliche Anerkennung für den Pflegeberuf.

Ferner hat das bayerische Kabinett vor einer Woche ein wichtiges Pflege-Paket für Bayern auf den Weg gebracht, das sehr schnell ganz konkrete Verbesserungen bringen wird. So wird es bereits ab dem Spätsommer 2018 ein Bayerisches Landespflegegeld für Pflegebedürftige in Höhe von jährlich 1.000 Euro geben. Ziel ist, die Selbstbestimmung Pflegebedürftiger zu stärken. Sie können entscheiden, ob sie mit dem Geld zum Beispiel Angehörigen oder anderen Menschen, die sie unterstützen, eine materielle Anerkennung zukommen lassen - oder sich damit selbst etwas Gutes tun.

Das Landespflegegeld bekommen Pflegebedürftige, die ihren Hauptwohnsitz in Bayern und mindestens Pflegegrad 2 haben. Die erforderlichen Haushaltsmittel sollen mit einem zweiten Nachtragshaushaltsgesetz 2018 bereitgestellt werden. Die Kosten für das neue Landespflegegeld werden bei rund 400 Millionen Euro jährlich liegen.

Klar ist: Wir müssen Menschen in herausfordernden Lebenssituationen mit besonders viel Respekt und Würde begegnen. Deshalb wollen wir die hospizlichen und palliativmedizinischen Versorgungsangebote in Bayern in den nächsten fünf Jahren verdoppeln.

Viele Menschen haben den Wunsch, möglichst zu Hause in ihrem gewohnten Umfeld sterben zu können. Das schließt insbesondere auch die stationären Einrichtungen der Pflege ein. Für viele Menschen ist die stationäre Einrichtung der Pflege ihr letztes Zuhause; hier leben sie - und hier sterben sie. Unser Ziel ist es deshalb, qualitativ hochwertige hospizliche und palliativmedizinische Versorgungsangebote dort zu schaffen, wo die Menschen leben.

Der Ministerrat hat ferner eine neue staatliche Investitionskostenförderung für stationäre Pflegeplätze in Höhe von 60 Millionen pro Jahr beschlossen. Das Konzept sieht vor, jährlich 1.000 neue Pflegeplätze zu fördern. Neben der Fortentwicklung bestehender Pflegeplätze brauchen wir auch bedarfsgerechte neue Pflegeplätze. Beides ist erforderlich, um für die anstehende demografische Entwicklung gewappnet zu sein.

Nur der Mix aus verschiedenen Angeboten sichert auch zukünftig eine hochwertige Pflege. Wir wollen damit zum einen die Anpassung der Versorgungslandschaft an die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen ermöglichen und zum anderen entlasten wir damit Pflegebedürftige in stationären Einrichtungen hinsichtlich der - teilweise hohen - Investitionskosten, an denen sich die Pflegeversicherung seit jeher nicht beteiligt.

Darüber hinaus soll ein Fünf-Millionen-Euro-Programm für mindestens 500 neue Plätze für die Kurzzeitpflege in Bayern sorgen. Denn häuslich Pflegende werden durch verstärkte Möglichkeiten, Angehörige in Kurzzeitpflege zu geben, spürbar entlastet. Auch das trägt dazu bei, dass Pflegebedürftige möglichst lange in der gewohnten häuslichen Umgebung bleiben können.

Wie soll das Image der Altenpfleger verbessert werden?

Ich habe bereits vor Jahren einen Fünf-Punkte-Plan zur Verbesserung der Ausbildung aufgelegt. Er enthält unter anderem die Herzwerker-Kampagne. Damit wollen wir das Image des Altenpflegeberufs verbessern und die Ausbildungszahlen in der Altenpflege steigern.

Ein Kernelement zur Gewinnung von Nachwuchskräften in der Altenpflege ist das Herzwerker-Theater. Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern sowie echten Herzwerkern, also Fachkräften aus der Altenpflege, erarbeitet der Theaterpädagoge Jean-Francois Drozak in jedem Regierungsbezirk in Bayern jährlich ein Theaterstück, das vor der gesamten Schule aufgeführt wird. So wird ein realistisches Bild vom Berufsalltag der Herzwerker vermittelt. Es trägt zur Wertschätzung für die Altenpflege bei und weckt das Interesse an diesem Berufszweig. Seit 2011 haben 400 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren an diesen Aufführungen mitgewirkt - und 25.000 Jugendliche im Alter zwischen 13 und 17 Jahren waren unter den Zuschauern.

Mit der Herzwerker-Kampagne der Bayerischen Staatsregierung konnten bereits viele junge Menschen für den Pflegebereich gewonnen werden. Seit dem Start der Image-Kampagne im Jahr 2010 sind die Schülerzahlen in der Altenpflege um rund 34 Prozent gestiegen. 2016/2017 haben insgesamt 7.618 Schülerinnen und Schüler eine Ausbildung in der Altenpflege gemacht (Hinweis: Die Zahl ergibt sich durch Addition der Ausbildungszahlen aller drei Schuljahre).

Außerdem hat die Staatsregierung zum Beispiel im Jahr 2013 die Abschaffung des Schulgeldes ermöglicht, bereits im Jahr 2010 das bayerische "Bündnis für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in der Altenpflege" geschlossen und gemeinsam mit dem Bund und den anderen Bundesländern im Jahr 2012 die Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive Altenpflege gestartet.

Fakt ist: Die Bedeutung der Pflege wird in unserer alternden Gesellschaft weiter zunehmen. Es werden in diesem Bereich mehr Fachkräfte gebraucht, weil die Zahl der Pflegebedürftigen steigt. Mein Ziel ist deshalb, mehr junge Frauen und Männer für den Pflegeberuf zu begeistern. Dazu kommt: Die beruflichen Aussichten in der Altenpflege sind so gut wie nie - und sie werden auch in Zukunft gut bleiben.

An der OTH Regensburg gibt es den dualen Studiengang Pflege. Was bringt die Akademisierung der Pflegeberufe?

Akademisierte Pflegekräfte wirken sich zum Beispiel positiv auf die Versorgungsqualität und die wirtschaftliche Stabilität in Pflegeeinrichtungen aus. Folgerichtig wurde die hochschulische Pflegeausbildung ebenfalls in das neue Pflegeberufegesetz aufgenommen.

Aber: Wir brauchen in der Pflegebranche eine gute Mischung: Generalisten und Spezialisten, "Gelernte und G'studierte", wie wir in Bayern sagen. Wenn in der Pflege Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationen und Abschlüssen gut zusammenarbeiten, wenn sie sich gegenseitig bereichern und ergänzen, dann haben wir einen optimalen Mix für die Menschen, die unsere Pflege brauchen. Das ist der Weg, auf dem wir auch in Zukunft eine hochwertige pflegerische Versorgung in unserem Land sicherstellen können.

Pflege ist eine "Hands-on-Disziplin", die immer mehr durch Erkenntnisse der Pflegeforschung und Pflegewissenschaft beeinflusst wird. Das bedeutet für das klinische Lehrpersonal eine große Herausforderung: nämlich die gleichzeitige Vermittlung von Theorie, Praxis und Problemlösungskompetenz.

Ein guter "Theorie-Praxis-Transfer" ist in meinen Augen auch ein wichtiger Beitrag zur Lösung des Fachkräftemangels in der Pflege. Dabei dürfen wir nicht vergessen: Die praktische Ausbildung ist nicht nur Aufgabe der Berufsschulen und Hochschulen, sondern auch der Pflegeunternehmen und der gesamten Berufsgruppe. Das bayerische Gesundheits- und Pflegeministerium hat sich beim Gesetzgebungsverfahren zum neuen Pflegeberufegesetz erfolgreich für eine Verbesserung der praktischen Ausbildung eingesetzt. Künftig gibt es einen Mindestumfang an Praxisanleitung von 10 Prozent der praktischen Einsatzzeit. Die dabei entstehenden Kosten finanzieren wir dauerhaft über einen Ausbildungsfonds.

Das geplante Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz der Staatsregierung hat heftige Kritik geerntet. Wie finden Sie es, dass in der Unterbringungsdatei fünf Jahre gespeichert wird, wer sich wegen Depressionen in stationäre Behandlung begab? Schreckt das nicht Patienten ab?

Wir sind für den Hilfe-Teil des PsychKHG zuständig, der überwiegend auf Zustimmung gestoßen ist. Richtig ist, dass mit dem neuen Gesetz wegweisende Verbesserungen der psychiatrischen Versorgung auf den Weg gebracht werden sollen. Und Tatsache ist auch, dass ich mich schon seit Jahren intensiv dafür einsetze, psychische Krankheiten zu entstigmatisieren. Wichtig ist für mich nun, dass insbesondere der Hilfe-Teil des Gesetzes möglichst schnell in Kraft treten kann und es keine unnötigen Verzögerungen gibt. Aber ich setze darauf, dass wir jetzt das gesamte Gesetz zügig auf den Weg bringen können. Dabei nehmen wir natürlich Bedenken ernst und sind auch offen für Veränderungsvorschläge.

Warum werden in dem Gesetz Patienten wie Straftäter behandelt, zum Beispiel ihre Entlassung der Polizei gemeldet?

Die Frage liegt in der Zuständigkeit des bayerischen Sozialministeriums.

Sie haben gesagt, sich für die schnelle Verbesserung der psychiatrischen Versorgung einzusetzen, landesweite Krisendienste sollen geschaffen werden. Wozu?

Mit diesem niederschwelligen psychosozialen Beratungs- und Hilfeangebot schließen wir eine bislang bestehende Versorgungslücke. Erstmals erhalten Menschen in psychischen Krisen und deren Angehörige in ganz Bayern Hilfe in psychischen Notsituationen.

Amberg bekommt ein Landesamt für Pflege. Bürokratie soll aber abgebaut werden. Wozu soll es dienen?

Mit der Errichtung eines Landesamtes für Pflege werden Aufgaben, die bisher auf verschiedene Stellen verteilt sind, effektiv gebündelt. Dazu gehören insbesondere pflegefachliche Themen, aber auch die Hospiz- und Palliativversorgung und zukünftig auch der Vollzug des Landespflegegelds. Dadurch ist sichergestellt, dass die Hilfe besser bei den Menschen ankommt. Aktuell erarbeiten wir die rechtlichen Grundlagen. Das Landesamt für Pflege soll beginnend ab Sommer 2018 schrittweise aufgebaut werden.

Das Pflege-Forum nutzten die Verantwortlichen des BRK, um auf Probleme aufmerksam zu machen:

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