Interview mit Professor Lothar Koppers aus Flossenbürg
"Gerechtigkeit kostet Geld"

"Wir müssen Schwerpunkte bilden - etwa für Standesamt, Bauhof oder Kämmerei. So bleiben auch kleine Rathäuser erhalten und die Gemeinden sparen richtig Geld." Zitat: Prof. Dipl.-Ing. Lothar Koppers
Politik
Weiden in der Oberpfalz
06.02.2018
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Weiden/Amberg. Professor Lothar Koppers gilt als "Demografie-Papst" der Region. Vor diesem Hintergrund berief ihn der Landtag in die Enquete-Kommission "Gleichwertige Lebensbedingungen und Arbeitsverhältnisse in ganz Bayern". Der an der Hochschule Dessau lehrende Direktor des Instituts für angewandte Geoinformatik und Raumanalysen (agira) und in Flossenbürg (Kreis Neustadt/WN) lebende Experte will auch in mittlere Orte eine "bedarfsgerechte Zentralität" zurückholen. "Wenn uns dies nicht gelingt, stimmen die Menschen mit den Füßen ab."

Unsere Region verliert nach wie vor deutlich an Einwohnern, obwohl die Abwanderung weitgehend gestoppt ist. Wie lässt sich langfristig die aufwendige Infrastruktur im ländlichen Raum halten?

Prof. Dr.-Ing. Lothar Koppers: Die entscheidende Frage für die Zukunftsgestaltung lautet - was ist wirtschaftlich machbar und wie kann sich hier der Staat als Gewährleister von Gerechtigkeit einbringen? Räumliche Gerechtigkeit kostet Geld, das muss uns klar sein. Die Menschen stimmen mit den Füßen ab.

Auch in der Nordoberpfalz zieht es die Alleinerziehenden mit ihren Kindern in die Städte. Die Kommunen auf den Land müssen sich um diese Gruppe bemühen, sie stellt schließlich auch eine junge Familie dar.

Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs mit einem "fußläufig erreichbaren Haltestellen-Netz" ist eine zentrale Forderung der Enquete-Kommission. Wie soll das funktionieren?

Gerade über die freiwilligen Leistungen stehen die Kommunen im Wettbewerb. Unter die freiwillige Subventionierung fällt bisher auch der ÖPNV; seine Finanzierung muss künftig zu einer Pflichtaufgabe werden. Der Mensch lebt heute von Mobilität; wo sie fehlt, werden Orte und Regionen abgehängt. Es ist eine politisch-gesellschaftliche Entscheidung, ob man den Nahverkehr mit kurzfristigen Taktungen haben will oder nicht. Wenn wir den Menschen lebenslanges Lernen im ländlichen Raum ermöglichen wollen, braucht es Zuverlässigkeit: Einjährige Testphasen für den Nahverkehr bringen deshalb nichts.

Viele Ortskerne dünnen aus. Immer mehr Häuser an Marktplätzen beziehungsweise in den Zentren stehen leer und verfallen.

Diese Objekte weisen einen negativen Wert auf, sie sind im Prinzip unverkäuflich. Wir benötigen ein staatliches Ertüchtigungsprogramm mit hohen Fördermitteln, um die Kommunen in die Lage zu versetzen, auf diesen Brachen qualitativ hochwertigen Mietwohnraum zu schaffen. Der darf sich dann durchaus rechnen ... Bei diesen Wohnungen sollten wir auch an die Rückkehrer aus den Ballungszentren denken, oder an Leute, die nicht selber bauen.

Wenn wir die Menschen in den Orten halten wollen, müssen wir Zentralität bewerkstelligen - und ihnen ein Angebot für die Bedürfnisse im gesamten Lebenszyklus bereitstellen.

Es hapert vielfach noch an interkommunaler Zusammenarbeit ...

Ländliche Entwicklung muss über Gemeindegrenzen hinaus gehen. Wir müssen Schwerpunkte in den Kommunen bilden - etwa für zentrales Standesamt, Bauhof oder Kämmerei. So bleiben auch kleine Rathäuser erhalten und die Gemeinden sparen dabei richtig Geld. Weil die Anforderungen immer komplexer werden, sind Professionalisierung und Spezialisierung der Verwaltung angesagt.

Wir müssen Schwerpunkte bilden - etwa für Standesamt, Bauhof oder Kämmerei. So bleiben auch kleine Rathäuser erhalten und die Gemeinden sparen richtig Geld.Prof. Dipl.-Ing. Lothar Koppers
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