06.06.2017 - 21:46 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Interview mit Textilunternehmer Hans-Jochen Müller, der in der Türkei seit fast 30 Jahren ... „Nicht einfach, in Türkei sicher zu leben“

Grundsätzlich lobt der Unternehmer Hans-Jochen Müller das türkische Volk: "Das sind sehr fleißige, tüchtige und hilfsbereite Menschen." Sorgen macht dem geschäftsführenden Gesellschafter des Textilunternehmens Hajo Strick (hajo mode) die Veränderung der türkischen Gesellschaft unter Präsident Recep Tayyip Erdogan: hin zu islamisch geprägtem Nationalismus und Unrechtsstaat. Hajo Strick mit Hauptsitz in Weiden zählt rund 350 Beschäftigte (davon fast 200 in Südchina) und lässt in der Türkei - über Lohn- und Heimarbeit - Zehntausende Teile Nachtwäsche fertigen.

International ist der Unternehmer Hans-Jochen (Hajo) Müller aktiv. Wegen der schnellen Lieferzeiten unterhält er in der Türkei eine Art "verlängerte Werkbank" für Lohn- und Heimarbeit. Bild: Archiv
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Ihr verantwortlicher Mitarbeiter in der Türkei ist Armenier und orthodoxer Christ. Wie ergeht es ihm?

Hans-Jochen Müller: Der Mann ist seit 1989 bei mir beschäftigt. Er hat - gegen den Widerstand der Familie - eine Muslima geheiratet. Man hat mich damals gefragt, ob ich denn keinen anderen Mitarbeiter als diesen "armenischen Hund" finde ...

Er ist nicht nur Armenier, sondern auch Christ.

Die Kirche befindet sich in einem Keller. Nach dem Gottesdienst verteilen sich die Christen unauffällig, um ja nicht aufzufallen. Auf dem Land ist das Tragen von Kreuzen gefährlich, und selbst in Istanbul anrüchig und nicht opportun. Prozessionen sind sowieso verboten, Christen müssen jede öffentliche Aufmerksamkeit vermeiden. Diese Situation hat sich unter Erdogan deutlich verschärft. Mein Mitarbeiter gibt sich in der Öffentlichkeit nicht als Christ zu erkennen.

Wie nehmen Sie die Veränderungen in der Türkei wahr?

Vor einiger Zeit unternahm ich einen Ausflug zu einem Dorf am Schwarzen Meer, nur etwa 30 Kilometer von Istanbul entfernt. In einem Café bestellte ich mir unbedarft ein Bier. Die anderen Gäste begegneten mir daraufhin mit einer eisigen, aggressiven Stimmung. Mein Mitarbeiter dolmetschte von einem "Missverständnis" und bewahrte mich wahrscheinlich vor Schlimmerem. Sogar in Istanbul gibt es eine Tendenz zur "Entwestlichung".

Warum lassen Sie in der Türkei fertigen?

Wegen der schnellen Lieferzeiten, da kann Südchina nicht mithalten. China hat zwar die besseren Maschinen, ist aber schwerfälliger.

Haben Sie wegen des Interviews keine Angst bei Ihrem nächsten Besuch in der Türkei?

Überhaupt nicht, ich bin dort Kunde und Investor. Die Menschen in der Türkei tun mir leid: Für sie ist es nicht einfach, sicher zu leben.

Türkei wichtig für Wirtschaft in der Oberpfalz

Der Außenhandelsexperte der IHK Regensburg, Dr. Alfred Brunnbauer, weiß von "keinen Negativ-Meldungen aus der Wirtschaft". Aktuell unterhalten 179 Oberpfälzer Unternehmen Geschäftsbeziehungen in die Türkei. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Ausfuhren. 119 Firmen exportieren aus der Oberpfalz in das Land am Bosporus. "Wir hoffen sehr, dass es wegen der politischen Entwicklung keinen Rückschlag bei den Handelsbeziehungen gibt", betont Dr. Brunnbauer. 2016 wuchsen die Exporte in die Türkei um zehn Prozent. (cf)

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.