19.06.2017 - 21:12 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Landwirtschaft in der Verantwortung Mehr als ein Drittel der Oberpfälzer Trinkwasser-Brunnen Nitrat-belastet

Verschämt stülpen viele Kommunen den Mantel des Schweigens über das Problem. Offiziell ist das Trinkwasser zwar frei von jeglichen Nitrat-Grenzwert-Belastungen. Aber erst die Beimischung - die Verdünnung - sorgt für unbedenkliche Werte aus dem Wasserhahn.

Ende der Beschwichtigungs-Rhetorik: "Der wesentliche Anteil des Stickstoffeintrags in das Grundwasser ist auf die landwirtschaftliche Nutzung zurückzuführen", sagt die Bezirksregierung. Bild dpa
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Weiden/Amberg. Tatsächlich sind rund 33 Prozent der geförderten "Rohwassermenge" in den Trinkwasserbrunnen der Oberpfalz mit Nitratgehalten zwischen 25 und 50 Milligramm pro Liter (mg/l) als "belastet" bis "stark belastet" einzustufen (Bayern: nur 16 Prozent). Diese alarmierenden Zahlen bestätigte auf Nachfrage Leitender Baudirektor Klaus Meierhofer von der Regierung der Oberpfalz. 3,7 Prozent (Bayern: 3,4 Prozent) dieser "Rohwassermenge" überschreiten sogar den amtlichen Grenzwert von 50 mg/l für das gesundheitsschädliche Nitrat. Es ist in vielen Kommunen diskrete Praxis, "das Rohwasser mit Wasser aus einer weniger belasteten Wasser-Gewinnungsanlage zu mischen oder einen neuen, weniger belasteten Brunnen-Standort zu erschließen", sagt diplomatisch die Bezirksregierung.

Für die Verseuchung des wichtigen Lebensmittels soll vor allem die Landwirtschaft verantwortlich sein. Für die Regierung besteht kein Zweifel, dass "der wesentliche Anteil des Stickstoffeintrags in das Grundwasser auf die landwirtschaftliche Nutzung zurückzuführen" ist. Dies zeige sich daran, dass die Nitratkonzentrationen in den Landkreisen des Bayerischen und Oberpfälzer Waldes - mit meist extensiver Landwirtschaft und großen Waldbeständen - "in der Regel unter 25 mg/l liegen".

Es ist für den Verbraucher immerhin beruhigend, dass - durch die emsige Verdünnung - der Nitrat-Grenzwert des Trinkwassers "bei keiner Wasserversorgung in der Oberpfalz überschritten wird", versichert die Regierung. Noch braucht es keine teuren Denitrifikations-Anlagen, um mit Nitrat belastetes Grundwasser aufzubereiten. In einer im Auftrag des Umweltbundesamtes erstellten Studie wurden dafür die Kosten zwischen 0,55 und 0,76 Euro je Kubikmeter Trinkwasser ermittelt. Bringt eine ökologische Bewirtschaftung der Agrarflächen Abhilfe? "Grundwasser hat ein langes Gedächtnis, so dass sich Umstellungen in der Landbewirtschaftung erst langfristig auf die Grundwasserbeschaffenheit auswirken werden", lautet dazu die ernüchternde Antwort aus Regensburg.

Problemlose "Vieh-Dichte"

Es gilt als offenes Geheimnis, dass zahlreiche Kommunen in der (gesetzlichen) Pflicht stehen, das wenig belastete Wasser der Steinwaldgruppe "beizumischen", um den Nitrat-Grenzwert zu unterschreiten. Die Steinwaldgruppe lieferte 2016 rund 2,8 Millionen Kubikmeter an inzwischen 34 Gemeinden und Wasserzweckverbände in der nördlichen und mittleren Oberpfalz. "Wir sind jedoch nicht in der Lage, die Versorgung der ganzen Region zu übernehmen", betont Geschäftsführer Bernhard Eigner. Die wasserrechtliche Genehmigung - Kapazitätsgrenze - liegt bei 3,5 Millionen Kubikmetern: Dies ist exakt so viel, wie die Stadtwerke Amberg im vergangenen Jahr ausschütteten, die Nachbargemeinden Ammerthal, Freudenberg und Immenstetten inklusive. "Nitrat ist noch kein Problem", betont Martin Malitzke (Leitung Technik).

Auch eine konventionell betriebene Landwirtschaft könne zum Gewässerschutz beitragen, "wenn sie sich an die Regeln hält", warnt Landwirtschaftsdirektor Reinhold Kräckl vor pauschalen Urteilen. Der Bereichsleiter am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Amberg beurteilt die "Vieh-Dichte" in der mittleren Oberpfalz als unproblematisch.

Freiwillige Kooperationen

Auch dem Geschäftsführer des Bauernverbands Weiden-Neustadt, Hans Winter, ist "industrielle Massentierhaltung in der Region nicht bekannt". Winter favorisiert die "bedarfsgerechte Düngung" und redet freiwilligen Kooperationen (etwa mit dem Wasserwirtschaftsamt) ebenso das Wort wie Treffen der Beteiligten von Wasserversorgern, Landwirtschaft und Kommunen.

Hier geht es zum Kommentar von Clemens Fütterer: Wo bleibt der Proteststurm der Wasserverbraucher?

Praxisfremde Regulierungen führen nur zu einem weiteren Höfe-Sterben.Hans Winter
Wir sind jedoch nicht in der Lage, die Versorgung der ganzen Region zu übernehmen.Bernhard Eigner, Geschäftsführer Steinwaldgruppe

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