02.03.2017 - 20:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Lebensrettende Medikamente Leider nicht immer lieferbar

Die Erkrankung ist lebensbedrohlich, Hilfe dennoch möglich - auch dank moderner Arzneimittel. Was aber, wenn an das rettende Medikament einfach nicht heranzukommen ist?

Nicht immer sind wichtige Medikamente lieferbar. Die Apotheker müssen dann zu Alternativpräparaten greifen - sofern das überhaupt möglich ist. Bild: dpa
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Weiden/München. Bei einem solchen Szenario denken die meisten Deutschen eher an ein Entwicklungsland. Falsch gedacht - auch in einem der höchstentwickelten Länder der Welt, in der Bundesrepublik, kommt es zu Versorgungsengpässen bei Arzneimitteln. Nicht immer, aber immer öfter, und mit teils nicht absehbaren Folgen für die Patienten.

So musste zwischen Mitte 2015 und Mai 2016 bei 48 Patienten die dringend nötige Stammzelltransplantation verschoben werden, weil das vorbereitende Krebsmedikament Alkeran nicht lieferbar war. Bei einer Routine-Inspektion der Produktionsstätte waren zuvor Mängel festgestellt worden. Ein Ersatz-Präparat für den europäischen Markt gibt es jedoch nicht. "Theoretisch kann durch die Verzögerung des OP-Termins jemand gestorben sein", sagt Dr. Werner Speckner, der die Apotheke der Kliniken Nordoberpfalz AG in Weiden leitet.

Antrag im Landtag

Und die Lage bleibt brisant: Für den heutigen Freitag lädt die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO) in Berlin zu einer Pressekonferenz zum Thema Arzneimittelengpässe ein. Auch der Bayerische Landtag befasste sich bereits mit der Problematik. Ende November 2016 diskutierte und entschied das Landesparlament über einen Antrag mehrerer SPD-Abgeordneter, die eine Bundesratsinitiative angeregt hatten, um neben pharmazeutischem Großhandel und Apotheken endlich auch die Hersteller von Arzneimitteln zu einer Lagerhaltung zu verpflichten.

Man organisiert halt den Notstand.Dr. rer. nat. Werner Speckner, Chefapotheker am Klinikum Weiden

Der Antrag wurde nach einer lebhaften Aussprache letztlich mit 97 zu 48 Stimmen abgelehnt. Die CSU-Fraktion, aber auch die Freien Wähler wiesen es zurück, einen wichtigen Wirtschaftszweig wie die pharmazeutische Industrie gesetzlich stärker zu regulieren. Zunächst sei eine Lösung auf freiwilliger Basis zu suchen. Für die Apotheker in den deutschen Krankenhäusern heißt das laut Speckner: "Man organisiert halt den Notstand." Vor allem in den vergangenen zwei Jahren hätten sich die Lieferengpässe zu einem ernsten Problem entwickelt, "und das Thema wird uns noch lange begleiten".

Dabei geht es bei weitem nicht nur um so spezielle Medikamente wie das Zytostatikum Alkeran. Antibiotika, Insuline, Hormone, Schmerzmittel - so gut wie alle Wirkstoffgruppen seien betroffen. "Aber diese Medikamente kann man wenigstens irgendwie ersetzen", betont der Pharmazeut. So sei erst kürzlich ein Narkosemittel nicht lieferbar gewesen. "Wir greifen dann eben notgedrungen auf ältere Medikamente zurück." Gleiches geschehe, wenn ein spezielles Antibiotikum ausfalle. "Dann müssen wir unter Umständen vielleicht ein schlechteres nehmen."

Ganze Charge fehlt

Auch die niedergelassenen Pharmazeuten haben mit der Problematik zu kämpfen. Andreas Biebl, Inhaber der Mohrenapotheke und Sprecher der Apotheker in Weiden, nennt als Beispiel einen Engpass des Schilddrüsenhormons L-Thyroxin. Hier habe es bei einem Hersteller "Stabilitätsprobleme" gegeben, weswegen eine ganze Charge nicht wie vorgesehen in den Handel gelangte.

Ohne Rücksprache mit dem verordnenden Mediziner dürfe der Apotheker in diesem Fall das Medikament aber nicht einfach durch ein Präparat eines anderen Herstellers austauschen. "Zusammen mit dem Arzt gibt es fast immer eine Lösung", sagt Biebl, räumt aber ein: "Es bedeutet natürlich schon Mehrarbeit für alle Beteiligten." Sei es früher vielleicht einmal pro Woche zu Lieferschwierigkeiten gekommen, so verzeichne man inzwischen "leider täglich Engpässe". Zum Glück gebe es in den allermeisten Fällen Alternativen. Sei allerdings ein Medikament "mit Alleinstellungsmerkmal" nicht lieferbar, "kann das durchaus eine Umstellung der Therapie notwendig machen".

Abfluss ins Ausland

Mitverantwortlich für die Misere sind in Biebls Augen die zunehmende Globalisierung der Wirtschaft und die moderne "Just-in-Time"- Produktion, die längst auf alle Branchen übergreife. Vor allem Produkte mit gültigem Patentschutz seien durch die Preisregulierung in Deutschland vergleichsweise günstig erhältlich. "Ein Teil des vorausberechneten Kontingents fließt deshalb über den Großhandel immer ins Ausland ab", erläutert der Apotheker. Umgekehrt gibt es auch hierzulande günstigere Reimport-Ware, die dann im Ausland fehlt.

Sobald in der Lieferkette irgendjemand ausfällt, kommt es zu Engpässen.Andreas Biebl, Sprecher der Apotheker in Weiden

Die Just-in-Time-Herstellung von Arzneimitteln erschwere die Lage zusätzlich. "Sobald in der Lieferkette irgendjemand ausfällt, kommt es zu Engpässen." Und der Markt, sagt Biebl, nehme nun mal keine Rücksicht. "Allerdings muss man auch sagen: Arzneimittelherstellung ist kein einfaches Geschäft, und für die Firmen ist eben auch der Markt im Ausland wichtig."

Als Klinik-Apotheker muss Speckner laut gesetzlicher Vorschrift Medikamente für einen Zeitraum von zwei Wochen vorrätig halten. "Die Industrie aber muss gar nichts", sagt er. Auch er sieht die Globalisierung kritisch: "Das ist die nackte Marktwirtschaft." Pharmazeutische Produktionsstandorte in Deutschland seien kaum noch wettbewerbsfähig, "wir werden regelrecht an die Wand gedrückt". So habe sich die Penicillinherstellung mittlerweile praktisch auf "ein einziges Riesenwerk in China" konzentriert.

Die pharmazeutische Forschung sei zwar nach wie vor in wirtschaftlich starken Ländern angesiedelt. Laufe ein Patent nach 8 bis 12 Jahren aus, wandere die Produktion jedoch in Billiglohnländer ab. "Weil das alles nichts mehr kosten darf." Die Verdienstspannen für die Firmen würden immer geringer, die Probleme daher wohl eher immer größer. "Natürlich tut es den Pharmafirmen nicht gut, wenn es zu billig wird," räumt Speckner ein.

Grenze überschritten

Von Gesprächen am Runden Tisch, wie sie zum Beispiel die CSU-Landtagsfraktion als Problemlösung favorisiert, hält der Apotheker allerdings nichts. "Ohne eine Verpflichtungsregelung ist das sinnlos." Nicht einmal die freiwillige Meldung von Produktions- oder Lieferengpässen funktioniere zuverlässig. Andererseits aber habe der Hersteller des Medikaments Alkeran Ärzten Patientendaten abgenötigt, um die Abgabe des verknappten Wirkstoffs zu steuern. "Da ist dann eine Grenze überschritten."

Angemerkt

Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so todernst wäre: Um die Versorgung mit teils lebenswichtigen Arzneimitteln konstant und zuverlässig aufrechtzuerhalten, empfiehlt die CSU in Bayern eine Art "Stuhlkreis". Am Runden Tisch sollen Pharmafirmen davon überzeugt werden, im Interesse der Patienten ihre Produkte ausreichend zu bevorraten. Doch schon im Vorfeld stellt die bayerische Regierungspartei klar, dass man einen derart wichtigen Wirtschaftszweig nicht allzu sehr regulieren wolle.

Pardon, liebe Politiker, aber nicht alles lässt sich einvernehmlich "ausdiskutieren". Zumal die Politik in anderen Bereichen keineswegs derart zögerlich und zurückhaltend agiert - man denke nur daran, wie streng die Entsorgung von Hausmüll hierzulande geregelt ist.

Auch die freie Marktwirtschaft ist eine Medaille mit Kehrseite. Wer die pharmazeutische Industrie behandelt wie jede andere beliebige Branche, ist früher oder später eben auch mit denselben Entwicklungen konfrontiert wie in jedem anderen Wirtschaftszweig. Forschung und Entwicklung mögen noch in hochentwickelten Regionen verbleiben. Die Herstellung aber wird in Billiglohnländer abwandern und der unerbittliche Preiskampf zur Bildung von Monopolen führen. Mit allen negativen Folgen.

Niemand erwartet, dass der Gesetzgeber für Pharmafirmen eine neue Form der Planwirtschaft einführt. Mit netten Gesprächsrunden und Aufrufen zur freiwilligen Selbstverpflichtung wird man den Verhältnissen auf dem freien Markt jedoch sicher nicht beikommen. Denn der sieht nicht den todkranken Patienten, der seine Hoffnung auf ein lebensrettendes Medikament setzt - der sieht nur "Verbraucher" im Wechselspiel von Angebot und Nachfrage.

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