Private Klinikunternehmen übernehmen kommunale Krankenhäuser
Privatisierung der Krankheit

Immer mehr öffentliche Krankenhäuser sind selbst Fälle für die Notaufnahme. Private Kliniken hingegen gewinnen an Bedeutung. Bild: dpa
Politik
Weiden in der Oberpfalz
19.04.2017
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Etwa 30 Prozent der knapp 2000 deutschen Krankenhäuser sind in privater Hand - Asklepios, Fresenius & Co profitieren von den Finanznöten kommunaler Betreiber. Gab es 2005 noch 2139 Krankenhäuser, waren es 2015 nur noch 1956. Ist die schleichende Angst vor der Privatisierung der Krankheit berechtigt?

Der Druck zur Effizienz sei politisch gewollt, beklagt die Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Die Vergütung der Krankenhäuser über Fallpauschalen solle Kosten im Gesundheitssystem drücken, schade aber den Patienten. Nicht alle Kliniken überleben den Wettbewerb. Private Betreiber kaufen Kommunen defizitäre Häuser ab und sanieren mit harten Renditevorgaben.

Überregional agierende Krankenhauskonzerne zentralisieren Verwaltungen, lagern Dienste aus und nutzen ihre Größe, um beim Einkauf günstigere Konditionen zu erzielen - dadurch sind sie kommunalen Häusern finanziell überlegen. Die entscheidende Frage ist, wofür sie das erwirtschaftete Geld einsetzen:

  • Steht Patientenversorgung oder das finanzielle Interesse an erster Stelle?
  • Spezialisieren sich private Kliniken auf lukrative Behandlungen?

Im Gegensatz zur öffentlichen Meinung kann der Deutsche Ethikrat die Vorurteile über private Kliniken in seiner Studie nicht bestätigen. Sie wiesen "ein höheres Maß an Wirtschaftlichkeit auf" als etwa öffentliche Häuser, aber pickten sich keinesfalls nur die lukrativen Fälle heraus. Private behandelten ebenso viele schwer kranke und alte Patienten wie andere Träger - und bei Parametern wie dem Erfolg von Operationen oder der Rate von Infektionen schneiden sie nicht schlechter ab als andere Betreiber.

Eine Welle von Klinik-Privatisierungen, wie noch vor Jahren prophezeit, wird nicht mehr erwartet. Private würden nur langsam zulasten der öffentlichen und kirchlichen Träger weiterwachsen. In den zwei Artikeln darunter stellen wir die Position eines privaten und eines kommunalen Trägers gegenüber.
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Mathias Eberenz, Pressesprecher Asklepios Kliniken

„Alles wird reinvestiert“


"Unser Unternehmen mit 150 Einrichtungen im Gesundheitswesen - dazu gehören auch medizinische Versorgungszentren, eine Drogenambulanz, das Zentralinstitut für Transfusionsmedizin oder Apotheken (in Hamburg) sind in Händen eines Gesellschafters - der Gründer, Rechtsanwalt Bernard Broermann, ist noch immer Besitzer, da gibt es keine Aktionäre.

Viele Leute denken, da wird Rendite gemacht. Das unterscheidet uns von anderen Privaten: Was die Klinik an Überschüssen erwirtschaftet, wird reinvestiert. Der Gesellschafter verdient Geld mit Immobilien und Hotels, er kann seine Kliniken langfristig ausrichten, muss nicht jedes Vierteljahr Renditeerwartungen erfüllen - das ist eine über Jahrzehnte geübte Praxis.

Dadurch ist unsere Gruppe quantitativ und qualitativ gewachsen - mit Vorteilen für alle Seiten:

  • Marktmacht: Eine große Gruppe hat nicht nur Vorteile beim Einkauf. Wenn man nicht investieren kann, bleiben gute Chefärzte und qualifiziertes Personal aus.
  • Kein Sanierungsstau: Zum Glück ist unsere Gruppe wirtschaftlich so solide aufgestellt, dass ständig modernisiert werden kann.
  • Anspruch auf beste Medizin: In unseren Medical Boards tauschen sich Chefärzte und Spezialisten zwischen Sylt und Bodensee aus. In einer Tumorkonferenz ist fach- und standortübergreifend die Expertise mehrerer Ärzte gefragt, bevor man eine Entscheidung trifft.
  • Der aufgeklärte Patient: Wir müssen um das Vertrauen werben, der Patient kommt nicht automatisch. Er kann im Umkreis von 100 Kilometern wählen. Dazu kommt das Internet, Rankings, Empfehlungen vom Arzt.

Das Misstrauen ist groß, dabei gab es noch nie so viel gute Medizin wie heute. Das Problem: die Arbeitsverdichtung nimmt zu, die Rahmenbedingungen sind schwierig. Die Menschen werden älter, sie wollen mobil bleiben. Die Ansprüche an ein Krankenhaus steigen ständig: Ausstattung, Komfort, Keimfreiheit bei großer Besucherfreundlichkeit - das kostet, deswegen sind wir gezwungen effizient zu wirtschaften." (jrh)
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Josef Götz, Vorstand des Klinikums Weiden

„Kommunale Aufgabe“


"Ich bin Verfechter der kommunalen Trägerschaft. Die medizinische Daseinsvorsorge ist eine kommunale Aufgabe, da sollte sie eine Kontrollmöglichkeit haben. Sie komplett aus der Hand zu geben, ist gefährlich. Ich glaube auch nicht, dass die Vorteile der Privaten beim Einkauf so groß sind. Wir sind Gründungsmitglied der Klinik Kompetenz Bayern eG, ein Netzwerk mit 62 Mitgliedern, in dem wir unsere Einkaufsmacht bündeln.

Vorteile haben die Privaten gegenüber kommunalen Häusern bei Dienstleistungen mit Spezialisten - bestimmte Spektren muss man zentral anbieten. Wir bilden das momentan auch schon ab durch die enge Zusammenarbeit mit dem Klinikum Amberg. Wir können nicht mehr beide alles anbieten. Das wird von den Patienten akzeptiert, weil wir nach Möglichkeit den Arzt zum Patienten schicken, nicht umgekehrt.

Der große Unterschied ist, dass Private Rendite erwirtschaften wollen, bei kommunalen Häusern muss es umgehen. Wenn man deren Bilanzen anschaut und was an Gewinnen ausgeschüttet wird, dann geht es um erhebliche Summen. Dazu kommt, dass wir ans Tarifgefüge des Öffentlichen Dienstes gebunden sind - da haben die Privaten bei gering Qualifizierten einen größeren Spielraum.

Wir sind seit 1994 einer konsequenten Einsparungspolitik ausgesetzt, die sich sowohl auf die Arbeitsverdichtung als auch auf die Bürokratisierung auswirkt. Dadurch kommt weniger Leistung beim Patienten an, es steigt die Fehlerhäufigkeit. Wir haben versucht, Kontrollsysteme einzuführen, ein vier- oder sechs-Augensystem. Die Politik versucht mit kleinen Maßnahmen, einen gegenteiligen Eindruck zu erwecken. Man hat mit viel Überzeugung den Pflegezuschlag propagiert, das sind 500 Millionen Euro bundesweit. Gleichzeitig wurde der Versorgungszuschlag in gleicher Höhe gestrichen.

Die politische Einflussnahme ist ein Nachteil. Sie fördert Kirchturmdenken und Vorgaben, an überlebten Strukturen festzuhalten, obwohl sich der Versorgungsbedarf durch die demografische Entwicklung ständig ändert. Bei uns ist das nicht der Fall. Durch den Zusammenschluss 2006 wurden die Weichen richtig gestellt.
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Angemerkt von Jürgen Herda

Gesundes Gemeinwohl


"Wir können so nicht mehr arbeiten", klagt Krankenschwester Jana Langer in "Hart aber fair". "Die Krankenhäuser arbeiten wie Fabriken, unsere Patienten sind nur noch Ware." Langers Kritik: Hygiene und Pflege in den Kliniken leiden unter exzessivem Sparzwang, die Profitgier privater Kliniken gefährdet Patienten.

Aber stimmt das so? Es gibt Privatkliniken, wie Asklepios, die Gewinne reinvestieren und die verstanden haben: Patientenzufriedenheit ist auch unser wichtigstes Kapital. Und es gibt kommunale Kliniken mit beängstigendem Investitionsstau und Abteilungen mit viel zu geringen Fallzahlen. Bei kleinen Krankenhäusern, die lediglich medizinische Grundversorgung anbieten, kann ein Verkauf sinnvoll sein - besser privatisieren als schließen.

Doch welches Naturgesetz besagt eigentlich, dass nur private Unternehmer effektiv wirtschaften können? Ist Gewinnmaximierung der einzige Motor für rationale Betriebsführung? Können nicht auch verantwortungsbewusste Krankenhausmanager in kommunalen Häusern im Sinne des Gemeinwohls rechnen?

Die Kliniken in Amberg und Weiden beschreiten mit ihrer Kooperation den richtigen Weg: Einkaufsgemeinschaften verringern die Ausgaben, Spezialisierung stärkt die Expertise und das Mehr-Augen-System vermeidet Fehler.
juergen.herda@oberpfalzmedien.de
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