30.06.2017 - 18:56 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Redaktionsgespräch mit Staatssekretär Albert Füracker Ackern für die Wähler

Der Staatssekretär kann auch Kabarett: "Musst schauen, dass'd wos her bringst", zitiert er einen oft gehörten Stammtisch-Appell an den Politiker. Es hört sich an wie bei Polt. "Ja, und wos?", fragt Albert Füracker zurück. "Ja, Arbeitsplätze!" Und wenn dann gebaut werde, gebe es Proteste. Politik eben im Zeitalter der Bürgerbeteiligung.

Staatssekretär Albert Füracker im Redaktionsgespräch. Bild: Schönberger
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Der gelernte Landwirt weiß, wovon er spricht. Rund 170 CSU-Termine absolvierte der Bezirksvorsitzende in den ersten beiden Jahren zusätzlich zum anspruchsvollen Job als Doppelstaatssekretär für Heimat und Finanzen. Da hat er oft Zeit, dem Volk aufs Maul zu schauen. Und sich zu wundern, wie man die Widersprüche der Wohlstandsgesellschaft unter einen Hut bringen soll: "In einer Zeit, in der jeder Arbeit hat, fragt man sich leicht, ,muss das sein, noch ein Gewerbegebiet?'" Wenn die Arbeitslosigkeit steige, frügen einen die Gleichen: "Habt's ihr geschlafen?"

Politik als Dienstleistung

Füracker hält sich nicht damit auf, die real existierende Schizophrenie zu beklagen. Das widerspricht seinem Naturell als zupackender Macher: "Ich verstehe meinen Job als Dienstleistung", sagt der Lupburger. Schon als Kommunalpolitiker hat er ohne Scheuklappen dazu beigetragen, den Landkreis Neumarkt zum Windenergie-Standort auszubauen. Wenn heute die Regensburger Landrätin den geplanten Süd-Ost-Link mit dem Argument ablehne, sie setze auf dezentrale Energieversorgung, kontert er: "Dann soll sie uns sagen, wohin sie die Windräder in ihrem Landkreis haben will - wir haben 65 im Landkreis Neumarkt, sollen wir die anderen wohl mitversorgen?"

In puncto Gleichstromtrassen legt er den selben Pragmatismus an den Tag: "Ich bin kein Fan davon, aber der Gesetzgeber hat den Bau der Leitungen beschlossen." Seine Aufgabe sieht er darin, dafür zu sorgen, dass die Betroffenen nicht über den Tisch gezogen würden: "Wir legen größten Wert darauf, dass die Kommunen ordentlich behandelt werden." Auch auf seine Initiative hin kämpfe das bayerische Kabinett für eine wiederkehrende Entschädigung der Eigentümer. Der Kritik, man schaffe damit einen Präzedenzfall für andere Infrastrukturmaßnahmen, entgegnet der 49-Jährige: "Das ist schon etwas anderes als eine Wasserleitung in Weiden, bei der es um die Versorgung der Bürger geht." Da sehe er die Entschädigungsnotwendigkeit anders als bei einem Konzern, der 6 oder 8 Prozent Rendite erwarte.

Murren gegen Masten

Dass jetzt ausgerechnet der Stand, aus dessen Mitte der Oberpfälzer stammt, gegen die Erdverkabelung murrt, nimmt er achselzuckend zur Kenntnis: "Damals, als es um 75 Meter hohe Monstermasten ging, haben die Landwirte gesagt, ,verlegt's es, dann is' a Ruah'." Deshalb sei er sich sicher: "Alles eine Frage der Entschädigung", bis wieder Ruhe einkehre. Bürgermeister, die die Belastungen durch das Großprojekt beklagten, erinnert er: "Leit, ihr müsst auch wieder was bauen und braucht dann die Zustimmung der Betroffenen." Man müsse weiter die öffentliche Infrastruktur gewährleisten.

"Ich lebe an der A3 bei der Ausfahrt Parsberg", versucht sich der Politiker an einer Parabel. "Ich sehe sie, ich höre sie, wahrscheinlich rieche ich sie." Wenn es diese Autobahn nicht gäbe, hätten vermutlich mehr als 2000 Leute keinen Job, die in den Gewerbegebieten an dieser Verkehrsader beschäftigt seien. Die Neumarkter könnten nicht in einer halben Stunde nach Nürnberg oder Regensburg fahren. "Wenn wir sie nicht hätten, und der Füracker käme heute, und wollte sie bauen, würden die Leute wahrscheinlich sagen: ,Die verbraucht Fläche, sie ist laut, sie stinkt, sie zerschneidet unseren Landkreis, so etwas brauchen wir nicht.'"

Baustopp in Neustadt/WN?

In diese Argumentation passt auch die Haltung des CSU-Politikers zur Empfehlung des Instituts der Deutschen Wirtschaft, in ländlichen Gebieten - etwa im Landkreis Neustadt/WN - keine Baugebiete mehr auszuweisen. Leerstände und Preisverfall würden drohen. "Ich bin der Auffassung, dass man das nicht zentral planen kann", ist Füracker skeptisch. "Vor ein paar Jahren haben alle geklagt, wir bekommen keine Kinder mehr." Kürzlich habe ein Bürgermeister gejammert, er müsse einen neuen Kindergarten bauen. "Freu dich doch, habe ich ihm gesagt." Er halte nichts von Prognosen, die erst in 20 Jahren überprüfbar seien. "Ich setze auf regionale Entscheidungen - kommunale Selbstverwaltung heißt auch kommunale Verantwortung."

Die Bürgerschaft sei der richtige Kontrollfaktor. "Wenn die Verwaltung am Bedarf vorbeiplant, fragen die schon, braucht's das wirklich?" Dann gebe es einen Bürgerentscheid. "Ich empfinde das nicht als belastend, das ist eine gute Entwicklung."

Die verbraucht Fläche, sie ist laut, sie stinkt, sie zerschneidet unseren Landkreis, so etwas brauchen wir nicht.Albert Füracker, der sich fragt, was Bürger heute zum Bau einer Autobahn sagen würden.

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Angemerkt von Jürgen Herda

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