04.02.2018 - 14:32 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Schüsse auf Ausländer in Italien: Stadt steht am Tag danach noch immer unter Schock Amoklauf erschüttert Weidener Partnerstadt Macerata

Der Tag danach. Macerata steht nach der Gewaltorgie eines rechtsradikalen Amokschützen noch immer unter Schock. Nicht nur, weil er am Samstag die Weidener Partnerstadt und ihr Umland stundenlang in Angst und Schrecken versetzte, sondern weil Macerata erst ein weiteres brutales Verbrechen aus der vergangenen Woche noch nicht verdaut hat.

Sanitäter versorgen einen Verletzten, nachdem er in Macerata angeschossen worden ist. Bild: Guido Picchio/ANSA/dpa
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Macerata/Weiden. Mitten in der Hauptgeschäftszeit gegen 11 Uhr kurvt ein 28-Jähriger in seinem schwarzen Alfa Romeo 147 erst durch Umlandgemeinden, dann durch die Einkaufsstraßen der Stadt. Mit einer Glock 4, einer Pistole aus österreichischer Produktion, schießt er wild auf Schaufenster und gezielt auf Schwarzafrikaner. Bis seine Tour zwei Stunden später mit der Festnahme endet, hat er sechs Menschen verletzt, fünf Männer und eine Frau, alle dunkelhäutig. Vier konnten am Abend das Krankenhaus verlassen, zwei wurden schwerverletzt.

"Es dürfte zurzeit niemand aus Weiden unten sein", atmet Norbert Wittmann vom Weidener Städtepartnerschaftsverein auf. Er koordiniert die Austauschaktivitäten mit Macerata. Ein anderer, der für die guten Beziehungen der beiden Städte mitverantwortlich ist, war dagegen Augenzeuge des Geschehens. Verbindungsstadtrat Ulderico Orazi hat die Verhaftung des 28-Jährigen (kahl rasierter Kopf, muskulös, mit Vorliebe schwarz gekleidet) aus nächster Nähe verfolgt. Sie spielte sich nahe des Corso Cavour ab, wenige Meter entfernt von Orazis Bar, die er zusammen mit seiner Schwester führt. Sie ist ein beliebter Treff bei Austauschschülern.

Weitere Reaktionen aus Macerata und Weiden

Unmittelbar um die Ecke befindet sich das Monument für die Gefallenen der beiden Weltkriege. "Dort haben ihn die Carabinieri eingekreist. Er ist dann ausgestiegen, hat sich eine italienische Fahne um die Schulter gebunden, den römischen Gruß (ähnlich dem Hitlergruß, die Red.) gezeigt und hat Italien, den Italienern gerufen", beschreibt Orazi die Szene.

Mit dieser theatralischen Geste war der Spuk beendet, die Fassungslosigkeit allerdings bleibt. "Wir müssen jetzt zeigen, dass unsere Stadt anders ist, als es dieser Tage erscheint", sagt Tourismuschef Pierluigi Tordini, in Weiden ebenfalls kein Unbekannter. In der Tat: Auch am Sonntag ist der rassistisch motivierte Amoklauf Aufmacher aller italienischen Medien. Der italienische Innenminister macht sich ein Bild vor Ort, ausländische Fernsehstationen umlagern den Schauplatz der Festnahme. "Das ist nicht Macerata, das war ein einzelner Verrückter", macht die Weidener Stadträtin Stefanie Sperrer ihren italienischen Freunden per Whatsapp Mut.

Mord an 18-jährigem Mädchen

Doch die Stadt kommt nicht aus den Schlagzeilen. Am vergangenen Mittwoch nahm die Polizei einen 29-jährigen Nigerianer fest. Er gilt als mutmaßlicher Mörder eines 18-jährigen Mädchens, dessen zerstückelte Leiche in zwei Trolleykoffern im Umland gefunden wurde. In der Macerateser Wohnung des Mannes, der bereits als Rauschgifthändler aufgefallen war, fand die Polizei ein Beil und diverse Messer voller Blutspuren. Die junge Frau war drogensüchtig. Vor wenigen Tagen war sie aus einer Entzugsklinik in der Vorortgemeinde Corridonia ausgerissen.

In eben jener Gemeinde hat der 28-jährige Pistolero mit dem schwarzen Alfa 2017 erfolglos für den Gemeinderat kandidiert. Aufgestellt hatte ihn die rechtspopulistische Lega Nord, zu der die AfD gute Kontakte unterhält. Laut italienischen Medien hat die Lega noch am Samstag verbreitet, dass der Schütze in das ermordete Mädchen verliebt gewesen sein soll und eine Beziehung angestrebt hat. Wahrscheinlicher ist, dass sich die beiden nicht gekannt haben.

Laut der Online-Zeitung "Cronache Maceratesi" hat der Amokschütze gegenüber den Carabinieri einen Vergeltungsakt gestanden. "Ich hab zum x-ten Mal im Radio von P. gehört und wollte eigentlich ins Fitness-Studio fahren. Dann habe ich beschlossen, sie alle umzubringen." Sie, das sind die Schwarzafrikaner, von denen etliche in Macerata in den Drogenhandel verwickelt sind.

Auf Bilder mit Lega-Nord-Chef

Der Täter gilt als Einzelgänger, der nach einer gescheiterten Beziehung immer weiter nach rechts gerutscht sein soll. Weil er in der Umkleide mit dem römischen Gruß aufgetreten ist, hatte ihn im Oktober ein Fitnessclub ausgeschlossen. Immer neue Mosaiksteinchen aus der Biografie des Mannes tauchen am Sonntag auf. Ein Foto zeigt ihn mit Matteo Salvini, dem Parteichef der Lega Nord, der nach dem Mord an der 18-Jährigen durch einen afrikanischen Tatverdächtigen noch getönt hatte, dass nun Blut an den Händen der Mitte-Links-Regierung in Rom klebe. "Ausweisen, ausweisen und nochmal ausweisen", wird er in mehreren Zeitungen nach dem Vorfall in Macerata zitiert. Einer Stadt, die ihre Besucher am Ortseingang mit Schildern begrüßt, auf der sie sich "Stadt des Friedens" nennt.

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