Söder folgt auf Seehofer: Albert Füracker lässt sich überraschen, Uli Grötsch warnt
Oberpfälzer CSU jubelt, bayerische SPD lästert

Kennen sich und schätzen sich: Bayerns künftiger Ministerpräsident Markus Söder (rechts) und Landtagsabgeordneter Harald Schwartz bei der 125-Jahr-Feier der FFW Rieden. Bild: Hartl
Politik
Weiden in der Oberpfalz
04.12.2017
1740
1
 
Ein selbstbewusster Oberpfälzer CSU-Bezirkschef Albert Füracker empfängt Ministerpräsident Horst Seehofer beim Parteitag im Juli in Regenstauf. Bild: Herda
 
JU-Bezirksvorsitzender Christian Doleschal. Bild: Uli Piehler

Amberg/Kemnath/Weiden. Ob der CSU-Berg nur eine Regierungsmaus gebar oder einen neuen Parteiriesen muss sich noch herausstellen – frühestens beim CSU-Parteitag am 15. und 16. Dezember in Nürnberg, spätestens bei der Landtagswahl im Herbst 2018.

Vorerst jedenfalls ist die Erleichterung groß in den Reihen der Christsozialen: "Nach Seehofers Rede gab es Standing Ovations in der Fraktion", erzählt Harald Schwartz, CSU-Landtagsabgeordneter aus Amberg . "Ich habe so eine große, ja, Freude, hier noch nie gesehen."

Die Lösung mit Markus Söder als Ministerpräsident ab März 2018 und Horst Seehofer als Parteichef mit bundespolitischer Erfahrung in Berlin sei für alle Seiten optimal. "Er wurde von vielen gebeten, es noch einmal zu machen", bekräftigt Schwartz, dass der Parteichef nicht nur sich selbst im Amt halten, sondern "Brücken bauen und dafür sorgen will, dass alle an Bord sind".

Herrmanns klare Entscheidung

Ruhe an Bord aber schien die vergangenen Tage nicht immer einfach zu sein: Ein Ministerpräsident, der eine Art Ältestenrat einberief, um den Übergang zu gestalten; Treffen mit allen Parteigliederungen; Zirkel mit Seehofer-Fans und -gegner. "Heute haben alle freimütig angesprochen, was in den Medien kolportiert wurde", erzählt Schwartz weiter. Innenminister Joachim Herrmann habe eingeräumt: "Ich bin zur klaren Entscheidung gekommen, ich möchte nicht antreten, sondern will, dass Markus Söder kandidiert." Und auch Ilse Aigner habe ihr Hauptziel – Seehofer bleibt Vorsitzender - erreicht.

Einen Mann muss der Aufstieg seines Chefs besonders freuen: Staatssekretär Albert Füracker hat in dieser Personalie aus seinem Herzen noch nie eine Mördergrube gemacht – und erst Recht nicht nach dem Debakel:"Die CSU Oberpfalz hat seit der Wahl für einen geordneten Übergang plädiert", erinnert der Bezirksvorsitzende. "Das ist jetzt erreicht – eine sehr gute Lösung, die im Einvernehmen erzielt wurde." Jetzt versuche man in dieser Formation aus dem Keller rauszukommen.

Fürackers Zukunft

Wie geht's mit Söders engem Mitstreiter im Finanz- und Heimatministerium weiter? Schon beim Bezirksparteitag im Juli hatte Seehofer den pragmatischen Landwirt aus Neumarkt damit aufgezogen, er solle nicht zu lange damit kokettieren, sich für kein Ministeramt zu interessieren. Damit lässt sich ein Oberpfälzer nicht aus der Reserve locken: "Die Frage habe ich mir wirklich noch nicht gestellt", sagt er bierernst. Er wolle nach Kräften helfen, den geordneten Übergang hinzukommen. "Wenn dann das Kabinett aufgestellt wird, lass' ich mich überraschen."

Wenig überrascht wäre Parteifreund Schwartz, wenn der Bezirkschef dann selbst in einem Ministersessel säße: "Bisher war es immer so, dass die Bezirksvorsitzenden im Kabinett vertreten sind", sagt der Amberger Jurist. "Emilia Müller war als Vorsitzende auch Ministerin." Schwartz hatte am Montag in der Gaststätte des Landtags Gelegenheit, den künftigen bayerischen Regierungschef zu sprechen: "Ein erleichterter Markus Söder hat sich zu uns gesetzt und Weißwürste bestellt." Ein ausgezuzelter Selbstläufer sei das Ergebnis nicht gewesen.

Ziemlich erfolgreiches Duo

Die Konkurrenz der beiden Rivalen, die künftig zusammen den CSU-Karren ziehen sollen, sei in Schwartz‘ Wahrnehmung medial stark überzeichnet worden. „Ich glaube schon, dass sie miteinander können – es ist ja nicht so, dass sie nicht schon erfolgreich zusammengearbeitet hätten, immerhin ist Söder ja Finanz- und Heimatminister.“ und zusammen hätten das Duo eine der größten Herausforderungen gemeistert, das Landesbank-Thema: „Was beide nicht verschuldet hatten, haben sie zusammen bewältigt.“

Dazu komme, dass die CSU inhaltlich nicht in Lager gespalten sei. „Bei den Grünen gibt es Fundis und Realos“, vergleicht Schwartz, „der Weg von Trittin zu Eckhart-Göring ist weit – bei der CSU sind das nur Nuancen im bürgerlich-konservativen Weltbild.“ Wenn man jetzt noch personell den Kompromiss vom heutigen Montag umsetze, habe die CSU eine große Chance, vereint zu alter Stärke zu finden – ohne ängstliche Blicke auf politische Mitbewerber: „Wir sind ein absolut konkurrenzfähiger Dienstleister.“

Zeit für den Wechsel: Auch bei der CDU

Schwartz ist zuversichtlich, dass in dieser Aufstellung die richtigen Schlüsse gezogen würden: „Zur Wahlniederlage haben drei Aspekte beigetragen“, rechnet der Wirtschaftsjurist vor. „Die Wahl ist in Berlin nicht in München verloren worden, die unklare Positionierung der CDU-Vorsitzenden hat beigetragen zu dem Ergebnis, und irgendwann ist einfach Zeit für einen Wechsel – Kohl hat auch nicht per se etwas falsch gemacht.“

In die Zukunft formuliert würde sich der Amberger Abgeordnete auf Bundesebene bei der CDU dieselbe Diskussion wünschen wie bei in der CSU: „Man muss nicht Kanzlerin und Parteivorsitzende sein.“ Eine Umfrage, die abgefragt habe, wie es gelaufen wäre, wenn Merkel nicht mehr angetreten wäre, habe ergeben: „Man hätte zehn Prozent mehr einfahren können.“ Schwartz hoffe, dass sich die Schwesterpartei ähnlich kraftvoll zu neuen Ufern aufmache.

Darf Söder am Aschermittwoch ran?

Ein erster Lackmustest für die gefundene Lösung erwartet der Amberger am Parteitag in Nürnberg: „Dort wird der Parteivorsitzende gewählt, dann kommt‘s darauf an, dass die CSU die jetzt beschworene Geschlossenheit unter Beweis stellt.“ Darüber hinaus sei es wesentlich, dass Söder die Möglichkeit eingeräumt werde, sich schleunigst inhaltlich einzubringen. „Es mag für Außenstehende banal klingen“, sagt Schwartz, „aber für uns ist die Aschermittwochsrede in Passau der krönende Abschluss.“ Und auch bei den anschließenden Klausurtagungen dürfe man einen Aufschlag erwarten: „Es wird spannend, welche Rolle man da wen zubilligt, und was die da sagen werden.“

Die Datenlage in Bayern sei gut, besser als in Deutschland insgesamt, wo die regionalen Unterschiede deutlicher seien: „Ich glaube tatsächlich, wir haben eine gute Chance, nächstes Jahr wieder angenommen zu werden.“ Schwartz sei unlängst in NRW unterwegs gewesen: „Ich kam an einem kleinen Bahnhof an, der hatte eine zerbrochene Anzeigetafel – wenn das bei uns in Amberg wäre, würden die Leute das nicht akzeptieren.“ Ja, es gebe auch in Bayern Disparitäten, die Stoapfalz sei nicht Oberbayern, aber bei weitem nicht so frappante als andernorts.

Zufriedene JU

Wichtig für die Partei: Auch die Junge Union ist wieder zufrieden: "Das ist eine gute Lösung mit den beiden stärksten Persönlichkeiten", freut sich JU-Bezirksvorsitzender Christian Doleschal . "Wir setzen in Bayern auf Zukunft mit Markus Söder und in Berlin auf einen erfahrenen Parteivorsitzenden, der zur Stabilität beitragen kann." Der Kemnather gehe davon aus, dass die Personaldiskussionen damit vorbei seien: "Ist auch höchste Zeit."

Doleschal wisse um die Vorbehalte gegen Söder: "Aber er hat in jeder Rolle eine gute Figur gemacht, ob als Umwelt-, Europa-, oder als Finanz- und Heimatminister - er wird bis zur Wahl die Zweifler überzeugen." Der Gemeinderat von Brand erhofft sich auch einen regionalen Mehrwert: "Ich gehe davon aus, dass wie beim Breitbandausbau und der Regierungsverlagerung der Blick auch eines Ministerpräsidenten Söder nicht an Nordbayern vorbeigeht."

Grötsch: "Söder muss an Persönlichkeit arbeiten"

Naturgemäß weniger euphorisch beobachtet SPD-Generalsekretär Uli Grötsch den geplanten Stabwechsel. "Es war absehbar, dass es in dieser Konstellation endet", sagt der Weidener Bundestagsabgeordnete. "Ich hoffe, dass die Phase in Bayern ein Ende hat, wo keine Sachpolitik gemacht wird, sondern wo's nur ums Ego geht." Was erwartet der Sozialdemokrat vom mutmaßlich neuen Ministerpräsidenten? "Ich nehme Söder als arrogant, jähzornig und aufbrausend wahr und hoffe, dass er an seiner Persönlichkeit arbeitet, weil ein Ministerpräsident auch ein einigender Typ sein muss."

Sollte Seehofer wie geplant nach Berlin wechseln, erwarte Grötsch ein "tägliches Spektakulum zwischen Berlin und München". Sollte die Union ernsthaft mit der SPD über eine Große Koalition reden wollen, müssten "Leute wie Söder ihre Position bei der Integration nachhaltig ändern". Eine CSU, in der sich ein neuer Ministerpräsident positionieren und eine SPD, die ein Pro- und Kontra-Groko-Lager einigen muss - ist da eine Zerreißprobe nicht vorprogrammiert? "Das macht deutlich, wie schwer bis unmöglich eine solche Koalition wird", warnt Grötsch.
1 Kommentar
Alexander Unger aus Amberg in der Oberpfalz | 08.12.2017 | 09:40  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.