SOEP-Studie: 40 Prozent unzufrieden mit eigenem Lohn
Leistung, die sich nicht lohnt

Mit einem Transparent mit der Forderung nach gerechter Entlohnung gehen Demonstranten bei einer der Veranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbundes zum Tag der Arbeit durch die Straßen von Berlin. Archivbild: Stephanie Pilick/dpa
Politik
Weiden in der Oberpfalz
04.02.2018
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"Es ist nicht gelungen, den Wohlstand der Gesellschaft auf die Breite der Bevölkerung zu verteilen." Zitat: DGB-Regionssekretär Peter Hofmann

Es ist eine Mehrheit, aber sie schrumpft: 61 Prozent der Arbeitnehmer sind laut einer Arbeitgeber-Studie mit ihrem Lohn zufrieden - weniger als früher. Bei einer Gruppe überwiegt gar der Unmut.

Weiden/Berlin. Es ist wie mit der Zustimmung für die Große Koalition: Noch gibt es eine Mehrheit, aber sie schrumpft: 61 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland sind laut der Langzeitstudie des SOEP (Sozio-ökonomisches Panel) mit ihrem Lohn zufrieden - Tendenz sinkend. Besonders unzufrieden: Frauen, die für gleiche Arbeit immer noch nicht den gleichen Lohn erhalten.

Die arbeitgebernahe Studie fragt etwa ab, welche Einkommenshöhe die Studienteilnehmer als gerecht einschätzen, oder ob ein Arzt eine stressbedingte Erkrankung diagnostiziert hat: "Das größte Risiko, an einer stressassoziierten Krankheit zu erkranken, besteht für Frauen, die in Vollzeit arbeiten und sich dauerhaft ungerecht entlohnt fühlen", sagt Studien-Autorin Claudia Boscher .

Positiv mache sich laut Stefan Liebig, Leiter der Befragung , der Mindestlohn bemerkbar. "Die Menschen wollen für ihre Leistung entlohnt werden, statt Geld vom Staat zu bekommen", sagt der Sozialwissenschaftler in einem "Zeit"-Interview. "Ein Lohn von 8,50 Euro wird als gerechter empfunden als ein Lohn von 6,50 Euro, der über Sozialleistungen um zwei Euro aufgestockt wird." Aber reicht das für das Gefühl, es gehe gerecht zu im Wirtschaftssystem? "Der gesetzliche Mindestlohn muss weiterentwickelt werden", postuliert Verdi-Bezirksgeschäftsführer Alexander Gröbner , "in zwei Stufen auf zunächst 10, dann 12 Euro."

Ungerechte Maßlosigkeit

"Maßlosigkeit wird ebenfalls als ungerecht empfunden", sagt Liebig. "Wenn der Chef das 100-Fache verdient, dann finden das die meisten zu viel." Derzeit sei das durchschnittliche Bruttojahreseinkommen der DAX-Vorstände 130 mal höher als das mittlere Jahreseinkommen aller Vollzeitbeschäftigten. Wenn diese Manager dann Unternehmen an die Wand fahren, Standorte schließen, oder der Staat als Retter einspringt, und die Verursacher hohe Abfindungen abräumen, wird das Credo der Marktwirtschaft, Leistung muss sich lohnen, ad absurdum geführt.

"Verfahrensgerechtigkeit" nennt Liebig ein Mittel, um das Gerechtigkeitsgefühl zu stärken: "Eine Entscheidung - zum Beispiel über die Höhe eines Gehalts - wird als gerecht empfunden, wenn sie auf eine faire Art zustande gekommen ist." Die Betroffenen seien sensibler geworden, weil Tarif-Automatismen vielfach nicht mehr griffen. Für die Gewerkschaft liegt das Rezept auf der Hand: "Die Erleichterung der Allgemeinverbindlichkeit und Fortwirkung bestehender Tarifverträge würde zur Stärkung der Tarifbindung beitragen", erklärt Weidens DGB-Regionssekretär Peter Hofmann . Tariföffnungsklauseln im Arbeitszeitgesetz müssten weg. "Arbeitnehmer müssen mehr Einfluss nehmen können auf die Gestaltung ihrer Arbeitszeit, um nicht rund um die Uhr verfügbar zu sein."

Neben dem als ungerecht empfundenen Lohn ist es die Unsicherheit befristeter Beschäftigungsverhältnisse, die Arbeitnehmer umtreibt: "Schon seit langem fordern wir die Abschaffung der sachgrundlosen Befristung und die Erhöhung des nicht anrechenbaren Vermögens", sagt Hofmann. Ein zwischen SPD und der Union umstrittenes Thema. "Arbeitgeber erwarten sichere rechtliche Rahmenbedingungen, aber verweigern sie den Arbeitnehmern, besonders den jungen." Ketten-Arbeitsverträge über lange Zeit böten keine Planungssicherheit. "Derzeit müssen 17 Prozent der Beschäftigten im Alter zwischen 25 und 35 Jahren unter solchen Bedingungen arbeiten." 42 Prozent aller neu abgeschlossenen Arbeitsverträge seien davon betroffen.

Und der DGB setzt auf die Bürgerversicherung: "Es ist unsere tiefe Überzeugung, dass das Gesundheitssystem auf eine breitere Finanzgrundlage gestellt werden muss", postuliert Gröbner. "Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist die vereinbarte Wiederherstellung der Parität in der gesetzlichen Krankenversicherung", ergänzt Hofmann, "damit der Zusatzbeitrag für die Versicherten wieder wegfällt."

Von einer möglichen Großen Koalition in Berlin verlangt der DGB deutlich größere Lösungen als nur den kleinsten gemeinsamen Nenner: "Es ist nicht gelungen, den Wohlstand der Gesellschaft auf die Breite der Bevölkerung zu verteilen", kritisiert Hofmann. "Den sozialen Zusammenhalt auch beim Übergang zur Industrie 4.0. abzusichern, ist eine gewaltige Herausforderung", betont Alexander Gröbner. Kommentar

Es ist nicht gelungen, den Wohlstand der Gesellschaft auf die Breite der Bevölkerung zu verteilen.DGB-Regionssekretär Peter Hofmann


Die SOEP-StudieIm Auftrag des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin werden für das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) jedes Jahr etwa 30 000 Personen in fast 11 000 deutschen Haushalten von Kantar Public Deutschland befragt. Die Daten geben Auskunft zu Fragen über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit. Weil jedes Jahr die gleichen Personen befragt werden, können langfristige soziale und gesellschaftliche Trends besonders gut verfolgt werden. (jrh)


Den sozialen Zusammenhalt abzusichern, ist eine gewaltige Herausforderung.Alexander Gröbner, Verdi


Kommentar

Was wir uns leisten wollen

Leistung muss sich lohnen. Dieses Postulat musste für viele Reformen herhalten, die den unteren zehn Millionen in die leeren Taschen griff. Etwa mit den Hartz-Gesetzen, die Tausende Arbeitslose enteigneten, die jahrzehntelang in die Arbeitslosenversicherung einzahlten.

Wer findet, dass sich Leistung lohnen müsse, sollte beide Begriffe zu Ende denken: Worin liegt der Leistungsunterschied zwischen einer Pflegekraft, die den Rücken für die alternde Gesellschaft krumm macht, und einem Manager, der am grünen Tisch Entscheidungen trifft? In der Verantwortung, die letzterer oft nur für seine Boni, höchstens noch für die Shareholder übernimmt – nicht aber für Beschäftigte, volkswirtschaftliche oder gesellschaftliche Aspekte?

Die 222 Millionen Euro, die Paris St. Germain für Neymar überwiesen hat, sind zwar Stammtischthema – aber zu weit weg vom Alltag der meisten Arbeitnehmer. Politik darf aber auch mal wieder über den Tellerrand blicken. Der Lohn von Pflegekräften wird nicht an ihrer Leistung für die Gesellschaft gemessen, sondern an politisch festgelegten Finanzierbarkeitsvorbehalten. Dass aber im System Fußball irrsinnige Summen kursieren, wird als gottgegeben hingenommen. Summen, die auch öffentlich-rechtliche Sender einspeisen. Mit einem Konzept, hier für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, könnte sich die Groko Respekt verschaffen.
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