28.12.2017 - 18:12 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Ursula Malterer betreut Schwangere im Auftrag der Caritas seit 1982 Mütter der dritten Generation

"Ich war unerfahren, aber motiviert", meint Ursula Malterer im Rückblick schmunzelnd. Mit 25 Jahren hat ihr der Caritas-Diözesanverband die Leitung der geplanten Schwangerschaftsberatung angetragen. Mit 26 war es dann so weit. Die Einrichtung wurde eröffnet.

Babys und deren Mütter sind quasi das Hauptgeschäft von Ursula Malterer. Die Sozialpädagogin hat die Caritas-Schwangerschaftsberatungsstelle aufgebaut und leitet sie seit 1982. Was sich seitdem alles getan hat, erzählt die künftige Ruheständlerin im Gespräch mit dem NT. Bilder: Schönberger (2)
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Fast 40 Jahre ist das jetzt her. In all diesen Jahren hat Ursula Malterer die Beratungsstelle geleitet. Dabei hatte sie am Anfang Pionierarbeit zu leisten. Denn eine derartige Einrichtung gab es in der Nordoberpfalz noch nicht. "Der Verband hat mir völlig freie Hand gelassen", erinnert sich die Sozialpädagogin. "Ich habe Räume gesucht, die Möbel ausgewählt, eine Sekretärin eingestellt." 1982 erfolgte schließlich die Eröffnung der Beratungsstelle in der Luitpoldstraße. "Das ist mein Kind", sagt sie nicht ohne Stolz.

Etwas komisch ist es für sie deshalb schon, dass sie demnächst in Ruhestand geht. Oder besser gesagt, in die Ruhephase der Altersteilzeit. Die beginnt für Ursula Malterer am 1. Januar 2018. Zwei Jahre später wird sie offiziell in Ruhestand gehen. "Dann sind die 40 Jahre fast voll." Genau genommen sind es 38. Denn die Schwangerschaftsberatungsstelle in Weiden wurde 1982 eröffnet. Drei Jahre später folgte der Umzug ins Katholische Sozialzentrum in der Nikolaistraße. Dort wurden die Caritas-Beratungsstellen quasi gebündelt.

Anfangsthema: Abtreibung

Welche Themen anfangs im Vordergrund standen? "Viele Frauen kamen im ersten Jahr wegen eines Schwangerschaftsabbruchs", erinnert sich die heute 61-Jährige. "Das war das große Thema." Es galt die Indikationsregelung: Das heißt, ein Schwangerschaftsabbruch war möglich, wenn zu erwarten war, dass das Kind schwerbehindert zur Welt kommen würde, die Mutter die Schwangerschaft nicht überlebt oder wenn es sich um einen Fall von Vergewaltigung handelte. "Der Arzt musste das feststellen und schriftlich festhalten."

Schon im Jahr darauf stand die psychosoziale Beratung im Vordergrund, sagt Malterer. "Das ist bis heute durchgängig so geblieben." Dabei spiegeln sich in den Problemfällen die gesellschaftlichen Themen der jeweiligen Zeit wider. "Als Hartz IV eingeführt wurde, das war Wahnsinn. Da kamen ganz viele wegen Fragen der Existenzsicherung oder auch wegen prekärer Arbeitsverhältnisse." Überhaupt: Finanzfragen spielen in den Beratungsgesprächen eine große Rolle. Da geht es um Elterngeld, Unterhalt, Wohngeld usw. Ursula Malterer und ihre Kolleginnen müssen sich ständig auf dem laufenden halten, um ihre Klientel über die aktuelle Gesetzeslage und ihre Ansprüche informieren zu können.

Was das Thema Schwangerschaftsabbrüche betrifft, erinnert sich die Sozialpädagogin noch an zwei wichtige Einschnitte. Nach der Wiedervereinigung gab es zunächst zwei verschiedene Regelungen. In den alten Bundesländern galt weiterhin die Indikationsregelung, in den neuen Bundesländern die Fristenlösung. Das heißt, ein Schwangerschaftsabbruch war dort bis zur zwölften Schwangerschaftswoche möglich. "Erst 1992 kam es zur einheitlichen Regelung." Gut möglich, dass in diesen beiden Jahren die eine oder andere Schwangere in die neuen Bundesländer gefahren ist, um einen Abbruch vornehmen zu lassen, der ihr hier verwehrt worden wäre, räumt Malterer ein. "Es gab auch Frauen aus der Region, die für den Eingriff nach Holland gefahren sind. So etwas gab es schon immer."

Der zweite große Einschnitt erfolgte für die Caritas-Beratungsstelle im Jahr 2000. Nachdem sich die deutschen Bischöfe für den Ausstieg aus der staatlich anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatung entschieden hatten, durfte die Einrichtung keine Beratungsnachweise mehr ausstellen, die für einen Schwangerschaftsabbruch nötig wären. Keine leichte Phase für die Beraterinnen. Die drei Kolleginnen von Ursula Malterer wechselten damals zur neu gegründeten staatlich anerkannten Beratungsstelle von Donum Vitae. Sie selbst hatte auch überlegt, gesteht sie ein, blieb aber doch ihrem Arbeitgeber treu. Und hat es bis heute nicht bereut.

"Wir waren und sind ja weiterhin als Beratungsstelle für die Frauen da. Der einzige Unterschied ist, dass wir keine Bescheinigung ausstellen, die für einen Abbruch nötig ist." Wie sehr die Unterstützung der Expertinnen gefragt ist, belegen die deutlich gestiegenen Zahlen. 178 Frauen suchten die mit zwei Kräften besetzte Beratungsstelle 1982 auf. 2016 waren es 1422 Ratsuchende, darunter fast 500 Männer. Denn im Gegensatz zu den Anfangsjahren ist es heute gang und gäbe, dass die (Ehe-)Partner ihre Frauen begleiten oder aber selbst Rat suchen, zum Beispiel zum Thema Elternzeit. "Bei Flüchtlingsfamilien kommt sogar oft nur der Mann, weil er das als Familienoberhaupt wohl so gewohnt ist", erzählt die Sozialpädagogin. "Da müssen wir schon mal einfordern, dass auch die Frau zu uns kommt." Gerade bei diesen Frauen spiele neben Geldfragen auch Traumatisierung häufig eine Rolle.

Ein aktueller Trend: Vor allem junge werdende Mütter fühlen sich mit Alltagsaufgaben überfordert, wissen nicht, wie sie Haushalt und Kind meistern sollen. Andererseits stellt Ursula Malterer ihren Klientinnen aber ein gutes Zeugnis aus: "Junge Alleinerziehende müssen heutzutage schon viel stemmen, weil das Familiengefüge nicht mehr so ist wie früher. Die Oma muss selbst noch für ihre Rente arbeiten." Oft seien es gesellschaftliche Probleme, die den werdenden Müttern das Leben zusätzlich schwer machen. "Es fehlt an geeigneten Wohnungen, Betreuungsplätzen für die Kinder oder Teilzeitstellen für die Mütter." Denn die meisten Ratsuchenden stehen nicht auf der Sonnenseite des Lebens.

Aktuell: Pränataldiagnostik

Zu den besonderen Herausforderungen der jüngsten Vergangenheit und der kommenden Jahre zählt die 61-Jährige die Beratung zum Thema Pränataldiagnostik. "Heute lässt sich schon mit einer Blutuntersuchung feststellen, ob das Kind zum Beispiel Trisomie 21 haben wird. Aber mit so einer Diagnose sind die werdenden Mütter häufig überfordert." Die Beraterinnen wollen die Frauen deshalb schon vor der Untersuchung erreichen. "Sie sollen vorab überlegen, was so eine Diagnose für sie bedeuten würde. Es gibt Frauen, die sagen, ich will das Kind so oder so. Für die ist eine Untersuchung unnötig."

In manchen Familien betreut Malterer inzwischen schon die dritte Generation an Müttern. "Es hat mir immer Freude gemacht", versichert sie. "Ich habe tolle Kolleginnen. Und ich glaube, dass es bei uns mehr schöne Momente gibt, als in anderen Beratungsstellen. Allein schon, wenn das Kind auf der Welt ist, und alles läuft, ist das wunderbar."Sie ist heimatverbunden und sportlich. Zwei hervorstechende Eigenschaften von Ursula Malterer, die im kommenden Januar ihren 62. Geburtstag feiert. Geboren und aufgewachsen ist die langjährige Leiterin der Caritas-Schwangerschaftsberatung in Oberviechtach. Nach dem Fachabitur ging sie zum Studium nach Nürnberg, kehrte anschließend jedoch sehr gerne wieder in die Oberpfalz zurück. Mit 22 Jahren zählte die Diplom-Sozialpädagogin damals zu den jüngsten Fachhochschulabsolventen. In den ersten vier Jahren war sie an der Erziehungsberatungsstelle in Weiden tätig, bevor sie das Angebot annahm und die neue Caritas-Schwangerschaftsberatung aufbaute. Fitnessstudio und Walking zählen zu ihren beliebtesten sportlichen Betätigungen. Vor kurzem hat sie sich außerdem einen Elektroroller zugelegt, den sie im Ruhestand noch häufiger nutzen will. Und sie will mehr Zeit mit ihrem Ehemann genießen, der als Berufssoldat mit Stationierung in Cham endlich häufiger in der Heimat ist.

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