13.02.2018 - 20:00 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

"Wir sind ja nicht zum Spaß hier": Neues Buch stellt Deniz Yücel und seine Arbeit vor - Seit ... Zwischen "Scheißefinden und Besserwissen"

Der Name Deniz Yücel ist aus der Tagesschau bekannt, seit der Welt-Korrespondent vor einem Jahr in einem türkischen Gefängnis verschwand. Ein neues Buch stellt den Mann nun anhand seiner Texte vor.

von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Erdogans Türkei - kein deutscher Journalist erklärt sie wie Deniz Yücel. Selbst seine eigene Inhaftierung interpretiert der 43-Jährige am schlüssigsten von allen. Seit 14. Februar 2017 sitzt der "Welt"-Korrespondent in türkischen Gefängnissen. In deutschen Nachrichtensendungen ist er seither als Diplomaten-Spielball dauerhaftes Thema. Wer der Mann ist, wofür er steht und was er kann, zeigt nun ein Buch, das zum Jahrtag der Verhaftung bei der Edition Nautilus erscheint. In "Wir sind ja nicht zum Spaß hier" gibt taz-Redakteurin Doris Akrap ausgewählte Yücel-Texte heraus. Der Titel ist ein Zitat, das schon aus der Zeit in Haft stammt. Andere Gefangene baten Yücel, aufzuschreiben, was dort passiert. "Logisch, mach ich. Ist schließlich mein Job. Wir sind ja nicht zum Spaß hier", habe er gesagt.

Ebenfalls völliger Ernst: Die Staatsanwaltschaft hat auch nach einem Jahr keine Belege für Yücels Schuld vorgelegt, nur Verweise auf einige seiner Texte für die "Welt". Diese finden sich auch in Akraps Sammlung: Es geht um Analysen, Reportagen, Interviews, Einblicke in "ein irres Land", wie Yücel es nennt. Ein Land dessen Agenda er auf den Nenner "Islamismus plus Straßenbau" bringt. Rasanter wirtschaftlicher Fortschritt verbindet sich mit ebenso schneller gesellschaftlicher Regression, Frauen ohne Kopftuch sehen sich Repressalien ausgesetzt, die längst überwunden schienen. Journalisten werden Staatsfeinde, "wenn sie aufschreiben, was ist".

Genauer Blick für Sprache

Mehr macht auch Yücel nicht. Was er von Erdogan und dessen Bande hält, versteckt er nicht. Aber er lässt sich von der Abneigung seinen Blick nicht verstellen. Seine Kritik an der kurdischen PKK fällt kaum milder aus. Auch sie habe Schuld an der Eskalation, trage "den Krieg in die Städte". Yücel zeigt seinen Lesern, was jene Türken bewegt, die Erdogan wählen, und er tut das auch bei jenen, die ihn hassen. An Menschen, an ihren Leben, nicht an Begriffen, bildet er Erdogans Türkei ab.

Das Buch beschränkt sich nicht auf Yücels Türkei-Texte. Es zeichnet anhand von "Reportagen, Satiren und anderer Gebrauchstexte" dessen journalistischen Weg nach, von der linken "Jungle-World" über die "taz" zum "Welt"-Korrespondent in der Türkei. Und es bietet Einblick in seine Biografie. 1973 kam er im hessischen Flörsheim als Sohn "lesender Arbeiter" zur Welt. Seine türkischen Eltern waren aus Jugoslawien nach Deutschland gekommen. Während des Politik-Studiums beginnt er zu schreiben, weil es sich als Journalist so schön "Scheißefinden und Besserwissen" lässt.

Yücels hat Talent für griffige Slogans, seine Texte belegen dagegen den genauen Blick, seinen Sinn für Sprache und seine Haltung. Über Haltung im Journalismus schreibt er in seinem letzten Text als "taz"-Redakteur. Sie hebt ihn ab von Journalisten, die Interessen verfolgen, die sie schlecht hinter vorgeschobener Neutralität verbergen. Vor allem hebt ihn ab, Komplexes verständlich machen zu können, ohne zu vereinfachen.

Gerne setzt sich Yücel in seinen frühen Texten mit - oft wenig sympathischen - Eigenheiten der Deutschen auseinander. Das sorgt heute für eine seltsame Allianz: Für Yücels Inhaftierung bekommt Erdogan Applaus von jenen, die montagabends in Dresden gegen die Islamisierung des Abendlandes demonstrieren. Aber Yücel macht auch vor linken Stereotypen nicht halt. Sein Wechsel zur Springer Welt ist weniger inkonsequent, als er für einen "Jungle-World"-Herausgeber (das ist Yücel bis heute) scheint. Linken Antiamerikanismus und ungerechte Israelkritik seziert Yücel regelmäßig mit genial-böser Ironie.

Ironie und Humor behalten

Ironie und Humor hat er im Gefängnis behalten, trotz harter Bedingungen - 290 Tage Einzelhaft, teilweise sogar Rauchverbot. Seinen ersten Bericht schmuggelte sein Anwalt mit der Schmutzwäsche aus dem Untersuchungsgefängnis. "Korrespondent müsste man jetzt sein" heißt ein Text, in dem Yücel aus dem Gefängnis heraus beschreibt, wie viel Berichtenswertes sich vergangenen Sommer in der Türkei ereignet hat.

Den letzten Text vor dem Schlusswort der Ehefrau Dilek hat Yücel neu für das Buch verfasst. Er handelt von den Menschen, denen er im Gefängnis begegnet. Dazu zählen neben politischen Gefangenen auch "echte" Kriminelle. Als die einen verletzten Wellensittich töten wollten, bittet ein Zellennachbar Yücels um das Tier. Die Gangster willigen ein, verlangen dann aber Lösegeld. Wie für die Gangster der Sittich kostbar wurde, weil sich jemand für ihn interessierte, habe das Interesse in Deutschland die Machthaber "auf die Idee gebracht, mich gegen etwas einzutauschen." Der Vergleich mit den Gangstern ist dabei kein Zufall.

"Wir sind ja nicht zum Spaß hier" Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte - Herausgegeben mit einem Vorwort von Doris Akrap, 224 Seiten, ISBN 978-3-96054-073-1.Bild: Privat/Deniz Yücel/dpa

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