11.05.2017 - 22:26 Uhr
Weiden in der OberpfalzSport

Ex-DDR-Meister Lisiewicz vor dem Bayern-Gastspiel über den Durchmarsch von RB Leipzig: Den Österreicher schickt der liebe Gott

Leipzig/Weiden. Der Osten lebt - der Osten bebt: "Die ganze Autobahn A9 Richtung Berlin war nur voller Leipziger Autos, im Stadion waren mehr als 10 000 Leipzig-Fans, es war eine grandiose Stimmung", hat sich Klaus Lisiewicz von einem Freund, der dabei war, erzählen lassen, was am vergangenen Samstag rund um das Spiel bei Hertha BSC abging. Und da kam ihm gleich das Jahr 1964 in den Sinn. "Da war so eine Stimmung wie bei uns vor etwa 50 Jahren, als wir nach Erfurt kamen." Lisiewicz fuhr damals mit seinen Teamkollegen von der BSG Chemie Leipzig zum letzten Punktspiel nach Thüringen. Die Betriebssportgruppe aus der sächsischen Metropole wurde sensationell DDR-Meister. Dieser Titel gilt heute noch als der überraschendste in der Fußballhistorie der Deutschen Demokratischen Republik. Genauso sensationell sicherten sich die Roten Bullen aus Leipzig am Samstag in Berlin die Champions-League-Teilnahme. Als Neuling.

Leipzigs Trainer Ralph Hasenhüttl (Zweiter von links) freut sich mit seinen Jungs am vergangenen Samstag über das 4:1 bei Hertha BSC. Damit qualifizierten sich die Sachsen sensationell für die Champions-League. Bild: dpa
von Josef Maier Kontakt Profil

Viel in der Oberpfalz

Lisiewicz ist begeistert vom neuen Fußballboom im Osten. Am Samstag kommen die Bayern. Nicht zu einem Freundschaftsspiel, sondern zum deutschen Gipfeltreffen. Meister gegen den wahrscheinlichen Vizemeister. Und der 74-Jährige wird dann mit seiner Frau Anne im Stadion dabei sein. "Im Bayern-Block", berichtet er schmunzelnd. "In Leipzig hätte ich keine Karte mehr gekriegt." Aber er ist ja auch oft in Bayern. In Weiden. Die Lisiwieczs verbringen viel Zeit in der Oberpfalz, Tochter Claudia (Pöllath) ist hier verheiratet, wohnt mit Mann und den zwei Kindern im Weidener Osten und arbeitet als Fitnesstrainerin im "Vitalis".

Aber natürlich drückt Lisiewicz am Samstag den Leipzigern die Daumen. Ab und an wird der Bronzemedaillengewinner von Tokio auch vom Sächsischen Fußballverband zu einem Spiel in die Arena eingeladen. "RB selbst pflegt nicht solche Traditionen", sagt er. Kein Wunder, die Bullen haben ja auch keine. Erst 2009 wurde der Verein gegründet. Doch es hätte schneller gehen können, "aber manche Funktionäre nutzten die Chance nicht", ist Lisiewicz noch sauer. Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz (Lisiewicz: "Der Österreicher war ein Geschenk des lieben Gotts") hatte auch bei den Traditionsclubs Lok und Sachsen (sind aus der BSG Chemie entstanden) wegen eines Einstiegs nachgefragt. Beide Klubs wollten nicht. Da ging Red Bull vor die Tore der Stadt. Zur Saison 2009/10 übernahm die Fußball GmbH von RB das Startrecht des SSV Markranstädt in der fünften Liga.

Kein Verständnis für Kritik

Das Entwicklung ist bekannt: Die Bullen stürmten in die europäische Königsklasse. Vom Spielstil der Nachfolger in Leipzig ist Lisiewicz begeistert: "Die haben ein gepflegtes Flachpassspiel und ein Tempo, da kommt man als Zuschauer fast nicht mit." Nicht nur die ganze Stadt stehe hinter dem Verein. "Da ist bei den Spielen ganz Sachsen unterwegs." Die Anfeindungen, die dem Retortenklub außerhalb Sachsens entgegenschlagen, kann der einstige Flügelstürmer nicht verstehen. "Es gibt Wolfsburg, es gibt Hoffenheim, RB ist doch nicht der erste Verein mit kapitalistischer Ausrichtung." Zudem betreibe RB eine tolle Jugendarbeit. Und dahin hat auch Lisiewicz Verbindungen. Als er nach der Karriere als Sportdozent an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) arbeitete, war Winfried Möller sein Schüler. Der ist heute einer der leitenden Männer im hochgelobten Nachwuchsleistungszentrum des Neulings. "Wir haben immer wieder mal Kontakt."

Dass die Leipziger in der kommenden Saison eine ähnlich starke Rolle spielen werden wie dieses Jahr, glaubt Lisiewicz aber nicht. "Die Gegner werden sich besser auf sie einstellen." Dennoch: "Leipzig wird ein fester Bestandteil der Bundesliga werden." Und die Bullen werden jetzt auch europaweit von sich reden machen. Real mit Ronaldo oder der FC Barcelona mit Messi in der Messestadt Leipzig - der Osten wird beben.

Es gibt Wolfsburg, es gibt Hoffenheim, RB ist doch nicht der erste Verein mit kapitalistischer Ausrichtung.Klaus Lisiewicz

Klaus Lisiewicz

Der 1943 geborene Klaus Lisiewicz spielte zunächst für Rotation Leipzig in der Oberliga. Nach der Neuordnung des Leipziger Fußballs 1963 zählte er aber zu den "nicht mehr förderungswürdigen Spielern" und wurde zur zweitrangigen BSG Chemie Leipzig "abgeschoben". Mit Chemie feierte er allerdings seine größten Erfolge: die Meisterschaft 1964 und den FDGB-Pokalsieg 1966. 1964 holte er mit der DDR-Olympiaauswahl in Tokio die Bronzemedaille.

Nach dem Ende der Karriere 1972 studierte Lisiewicz Sportwissenschaften und war als Lehrer an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) Leipzig beschäftigt. 1988 siedelte er im Rahmen einer "Familienzusammenführung" in die Bundesrepublik über. Er ließ sich in Bad Sachsa im Harz nieder und arbeitete bis zur Pensionierung als Sportlehrer. Zeitweise lebt er auch in Wittenberg (Sachsen-Anhalt), oder er ist in Weiden bei der Familie seiner Tochter zu Gast. (mr)

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