12.07.2017 - 12:54 Uhr
Weiden in der OberpfalzSport

Ex-Weidener und einstiger Sportdirektor zum Absturz der "Münchener Löwen" Florian Hinterberger: "Eine Mischung aus Trauer, Wut und Fassungslosigkeit"

Memmingen statt Madrid: Die Luftschlösser beim TSV 1860 sind zuletzt krachend in sich zusammengefallen. Am Donnerstagabend starten die "Löwen" nach ihrem Brachialabsturz in die neue Saison - in der Regionalliga.

Florian Hinterberger war fast drei Jahre Sportdirektor beim Zweitligisten 1860 München. Der Absturz des Traditionsvereins macht den gebürtigen Oberpfälzer fassungslos.. Bild: Rolf Vennenbernd/dpa
von Josef Maier Kontakt Profil

Weiden/Tutzing. Die Insolvenz von 1860 München ist zunächst abgewendet, es ändert aber nichts daran, dass sich die "Löwen" wieder im Amateurbereich aufrappeln müssen. Mit der Auftaktpartie beim FC Memmingen startet 1860 am Donnerstag in die Zukunft. Florian Hinterberger (58) war eigentlich der letzte Sportdirektor, der mit den "Löwen" Erfolg hatte. Aber er musste gehen, Hasan Ismaik war er nicht gut genug. Der gebürtige Oberpfälzer, der in Weiden aufgewachsen ist und lange bei der SpVgg spielte, bevor er seine Profikarriere startete, hat lange geschwiegen. Mittlerweile redet er wieder über seinen Ex-Verein - meist kopfschüttelnd.

Rückblickend wurden Sie im März 2014 eigentlich wegen Erfolgslosigkeit entlassen - so gut wie damals stand 1860 danach nie mehr da...

Hinterberger: Damals gab es den Satz: Platz sechs ist nicht unser Anspruch, als ich gehen musste. Und dann wurde man Sechzehnter, Fünfzehnter und Sechzehnter mit Abstieg. Da macht man sich schon seine Gedanken. Ich habe gegen Ismaik nichts persönlich. Wir waren froh, dass er kam, aber wir haben uns die Dinge natürlich anders vorgestellt. Er hat damals immer nur strukturelle Defizite ausgeglichen und hat nie in die Mannschaft investiert.

Wie würden Sie ihren Gemütszustand in Sachen 1860 nach der Chaos-Saison beschreiben?

Das ist eine Mischung aus Trauer, Wut und Fassungslosigkeit, wenn man an diesen schwarzen Freitag (2. Juni; Ismaik zahlte nicht für die Drittliga-Lizenz; Anm. Red.) denkt. Und das wird in zehn Jahren nicht anders sein. 1982 gab es schon mal einen Lizenzentzug, aber das ist Pipifax gegenüber jetzt. Man hat von der Bundesliga oder gar Champions-League geträumt und ist jetzt in der vierten Liga, in der Regionalliga, gelandet.

Fühlen Sie sich als erstes Opfer Ismaiks?

Vielleicht aus sportlicher Hinsicht. Man muss aber auch sagen, mit fast drei Jahren Sportdirektor bei den "Löwen" bin ich ja fast schon Rekordmann. Ich weiß nicht, wie viele seitdem da waren, ich habe nicht mitgezählt.

Wie war damals die Kommunikation mit Ismaik?

Er war nicht oft da, wenn dann haben wir uns über normale Dinge unterhalten. Er kommt nicht aus dem Sport, da konnte man sich auch nicht groß über Fachliches austauschen.

Waren Sie seit Ihrer Entlassung noch bei "Löwen"-Spielen?

Ich war danach in jeder Saison ein Mal, immer beim entscheidenden Spiel. In der vergangenen Saison war ich nicht mehr im Stadion, weil mir das alles nicht mehr gefallen hat, und ich habe das kommen sehen.

Gehen Sie vielleicht in der Regionalliga mal hin?

Das wird man sehen. Ich bin ja nicht verbittert und ich habe ja auch noch Kontakte dahin.

Kontakte welcher Art?

Ich kenne schon Leute, die noch im Verein Positionen haben, ich kenne ja das ganze Umfeld. Die Spieler kommen und gehen, das Umfeld bleibt. Ich kenne noch Leute im Büro, die Waschfrauen oder Roland Kneißl von der Fanartikelabteilung.

Ist Trainer Daniel Bierofka jetzt der richtige Mann?

Daniel ist ein Hundertprozentiger mit einem Super-Charakter. Er wird alles tun, damit er mit der Mannschaft eine vernünftige Rolle spielen kann. Er war als Spieler zu meiner Zeit schon da. Er ist der richtige Mann am richtigen Platz.

Welche Rolle trauen Sie der Mannschaft in der Regionalliga zu?

Sascha Mölders, Jan Mauersberger und Timo Gebhart sind für die Regionalliga überqualifizierte Spieler in einer ganz jungen, guten Mannschaft. Die ist zwar Zweiter geworden, aber die Situation ist nun eine andere. Die haben jetzt einen ganz anderen Psychodruck von außen. Aber dass das eine Mannschaft ist, die vorne mitspielen kann, ist klar.

Ist der Aufstieg Pflicht?

Das wäre wünschenswert, aber ist nicht einfach. Der Regionalliga-Meister steigt ja auch nicht direkt auf. Die Mannschaft sollte einfach einen begeisterungsfähigen Fußball spielen nach diesem Chaos-Jahr.

Sie haben lange nichts zur Situation bei 1860 gesagt ...

Ich habe mich drei Jahre nicht geäußert, aber jetzt war ich so fassungslos, dass ich was auf Anfragen gesagt habe. Das muss man mal schaffen, mit dem dritthöchsten Etat der zweiten Liga abzusteigen. Und dann auch noch das Kalkül, noch eine Klasse tiefer zu gehen, weil er (Ismaik) glaubte, in der Regionalliga zähle die 50-plus-1-Regel nicht. Einen Verein so in Tränen zu stürzen, das macht mich fassungslos. Da wird der Fußball mit Füßen getreten. Wie man Millionen und einen Verein versenkt, hat man jetzt gesehen.

Sie haben sich aus der Fußballszene etwas zurückgezogen. Auf welchen Geschäftsfeldern sind Sie derzeit aktiv?

Ich habe drei Projekte. Einmal berate ich einen ausländischen Investor, der einen Verein sucht. Nicht in der ersten oder zweiten Liga, da wäre der Umfang zu groß. Aber es gibt viele Traditionsvereine in den Regionalligen, denen es auch ähnlich wie 1860 ergangen ist. Aber das ist derzeit etwas schwierig, da ist 1860 überhaupt kein gutes Beispiel. Ein anderes Projekt ist Stressmanagement bei Spielern, Trainern und Managern. Und dann bin ich auch noch Partner bei einem Reha-Studio in der Nähe des Starnberger Sees.

Reizt es Sie nicht, wieder ins Manager- oder Trainergeschäft einzusteigen?

Ich hatte die ein oder andere Anfrage, etwa aus dem hohen Norden. Aber ich habe nach der Zeit bei 1860 auch Zeit gebraucht. Es hat mir zwar viel Freude gemacht, aber mit zunehmender Zeit wurden einem immer mehr Steine in den Weg gelegt.

Ihr ehemaliger Verein, die SpVgg SV Weiden, geht einen neuen Weg, nur mit jungen Spielern aus der Region ...

Ich finde das gut, die Oberpfalz hat doch viele gute junge Spieler. Und jetzt haben sie auch noch den Stefan Fink als Trainer. Der ist zwar jünger als ich, aber als ich ab und an in Weiden war, haben wir uns immer gut unterhalten. Es ist doch so: In der Bayernliga braucht man nicht irgendwelche Spieler verpflichten, da muss man gut ausbilden.

Kommen Sie noch ab und an nach Weiden?

Meine Mutter ist im Dezember 2013 verstorben, sie war der letzte Ankerpunkt in Weiden. Jetzt komme ich eigentlich nicht mehr dorthin, aber wenn es irgendwann einmal eine Einladung etwa für ein Jubiläum gibt, komme ich sicherlich.

Florian Hinterberger

Florian Hinterberger wurde am 8. Dezember 1958 in Regensburg geboren, er war dort auch bei den Domspatzen. Später zog die Familie nach Weiden um. Hinterberger machte am Augustinus-Gymnasium sein Abitur und spielte lange bei der SpVgg Weiden Fußball. Danach startete seine Profikarriere, die ihn zur SpVgg Fürth, Fortuna Köln, Bayer Leverkusen und 1860 München führte. Mit Leverkusen gewann er 1988 den Uefa-Cup (gegen Espanyol Barcelona). Eine Schulter- und Knieverletzung beendete 1992 die Karriere. Danach wurde er Trainer beim Bayernligisten SpVgg Starnberg, ehe er die Amateure von 1860 trainierte. Danach war er Coach beim 1. FC Nürnberg II. Von April 2011 bis März 2014 war Hinterberger Sportdirektor beim Zweitligisten 1860 München, ehe er - auf Geheiß Hasan Ismaiks - gehen musste. Hinterberger lebt in Tutzing am Starnberger See. (mr)

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