07.03.2018 - 18:26 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Gerd Schönfelder im Interview "IOC verrottet olympische Idee"

Gerd Schönfelder reist am Freitag als ARD-Experte zu den Paralympics nach Pyeongchang. Im Interview mit Oberpfalz-Medien erläutert der Kulmainer, weshalb eigentlich kein russischer Athlet starten dürfte, und warum er von IOC-Präsident Thomas Bach enttäuscht ist.

Gerd Schönfelder aus Kulmain (Kreis Tirschenreuth), 16-facher Paralympics-Champion, reist als ARD-Experte nach Pyeongchang.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

Herr Schönfelder, grassiert bei Ihnen schon das paralympische Fieber?

Gerd Schönfelder: Das ist während Olympia schon stetig gestiegen. Zwar lagen die alpinen Wettbewerbe, die mich besonders interessiert hätten, zeitlich suboptimal, aber die Erfolge Eric Frenzels, der Biathleten und des Eishockey-Teams haben mich schon angesteckt. Ich trainiere ab und an mit Eric Frenzel und bin begeistert, wie er zu diesem Saison-Höhepunkt seine Top-Leistung abrufen konnte.

Mit welchen Erwartungen reisen Sie nach Korea?

Ich weiß nicht so recht, was mich erwartet. In Rio war etwa das Zuschauerinteresse bei den Paralympics größer als bei Olympia. Das wäre schon toll, wenn das wieder der Fall wäre. Bei Olympia war das Interesse ja eher mau und es kann eigentlich nicht sein, dass sich ein Marcel Hirscher danach hinstellt und sagt: "Der Slalomsieg von 50 000 Zuschauern in Schladming war emotionaler als der Olympiasieg." Da bin ich mal gespannt.

Wie dürfen wir uns Ihre Vorbereitungen auf die Rolle als TV-Experte in den alpinen Disziplinen vorstellen?

Ich bin als Co-Trainer der deutschen Athleten ja nah dran am Weltcup-Geschehen und kenne somit alle Favoriten - nicht nur unsere Sportler. Mein Vorteil ist sicher, dass ich Besonderheiten verschiedener Behinderungsgrade detailliert erläutern kann. Dafür bin ich lange genug dabei und habe genügend Erfahrung. Vor Ort geht es sowieso hauptsächlich um das, was dann im TV zu sehen ist.

Wie steht es um die Medaillenchancen der deutschen Athleten im Alpin-Bereich?

Bei den Männern haben wir mit Georg Reiter und Thomas Nolte lediglich Außenseiterchancen. Da sind uns die jungen Wilden aus Holland, Kanada und Frankreich etwas voraus. Bei den Frauen ist allen voran unsere Ausnahme-Athletin Anna Schaffelhuber zu nennen. Aber auch Anna-Lena Forster rechne ich im Slalom zu den Goldkandidatinnen. Andrea Rothfuss, Anna-Maria Rieder oder Noemi Ristau ist einiges zuzutrauen, wenn alles passt. Aber insgesamt haben sich Niveau und Konkurrenz zuletzt enorm erhöht.

Welche Rolle spielen die politischen Spannungen zwischen Süd- und Nordkorea in der Vorbereitung?

Das Verhältnis hat sich zuletzt ja merklich entspannt und auch Olympia verlief reibungslos. Mich treibt eher ein anderes Politikum um ...

... das da wäre?

Die Themen Doping und Russland. Russische Athleten haben nachweislich systematisch gedopt, mit Steuerung von oben und die Verantwortlichen zeigen keinerlei Einsicht geschweige denn Besserung: Kein russischer Athlet dürfte die Startberechtigung erhalten - wenn es nach mir ginge. Wohlwissend, dass es damit auch saubere Sportler trifft. Aber mit dieser Larifari-Einstellung des IOC ist der Anti-Doping-Kampf nicht zu gewinnen. Ich würde derzeit für keinen russischen Sportler meine Hand ins Feuer legen, auch nicht, wenn's die letzte ist, wie bei mir. (lacht)

Sind Sie deshalb vom deutschen IOC-Präsident Thomas Bach enttäuscht?

Ich hätte mir einen mutigeren deutschen IOC-Präsidenten gewünscht. Er könnte was bewegen, gibt aber zu schnell dem Druck nach, nur um seine eigene Position nicht zu gefährden.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Vergabe der Winterspiele in ein wintersportuntypisches Land wie Korea?

Da ist es das gleiche: Muss ich denn bei jeder Vergabe immer neue Märkte erschließen - auf Teufel komm raus? Oder glauben Sie, dass es in Korea nach Olympia mehr Skispringer oder Bobfahrer gibt? Das IOC verrottet die olympische Idee, wenn es so weitermacht. Ich hätte die Spiele gerne in München und Garmisch gesehen - kann die Gegner aber verstehen, weil das IOC nur mehr nicht nachvollziehbare Entscheidungen trifft. Alles wirkt korrupt und die Verantwortlichen stopfen sich die Taschen voll.

Ich würde derzeit für keinen russischen Sportler meine Hand ins Feuer legen, auch nicht, wenn's die letzte ist, wie bei mir.Gerd Schönfelder

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