Pilzberater Norbert Griesbacher in seinem Revier
Auf den Spuren der Fetten Henne

Die Saison für Pilze ist in diesem Jahr früher gestartet als in den trockenen Sommern der letzten Jahre. Bild: uax

Derzeit zieht es viele Oberpfälzer zur Schwammerlsuche in den Wald. Allerdings weiß kaum jemand so viel über Schwammerl wie der Weidener Pilzexperte Norbert Griesbacher. Auf seinen Touren durch die Reviere rund um Weiden berichtet er Lehrreiches über seine "Lieblinge" und Anekdoten von der Suche.

Norbert Griesbacher schnürt die Wanderstiefel und überprüft die Ausrüstung. Körbchen, Messer, GPS-Gerät. Er geht Pilze sammeln oder "in d' Schwammer", wie es in der Oberpfalz auch heißt. Der Pilzberater der Stadt Weiden kennt seine Standorte genau. Regelmäßig sucht er sie ab. Erst am Vortag hat er ein Körbchen voll aus dem Wald mitgebracht. Die gleiche Stelle ist heute wie leergefegt. "So ist das halt", schmunzelt er, "manchmal verstecken die sich." Der Beweis für seine gestrigen Funde hängt noch an einer Fichte. Wie zum Trocknen aufgehängte Lappen stecken die Kappen von Steinpilzen an den unteren Ästen. Norbert Griesbacher hat sie dort platziert. "So können sich die Sporen besser im Wind verteilen. Nächstes Jahr gibt es hier auch wieder Steinpilze."


Mit dem Mountainbike unterwegs

Griesbachers Revier sind die Wälder um die Stadt Weiden herum. Ist eine Stelle "abgegrast", geht es weiter zur nächsten. "Ich bin viel mit dem Mountainbike unterwegs. Wenn ich dann eine Verschnaufpause brauche, geh ich in den Wald." Pilze sammeln ist nicht das Hauptanliegen des 73-jährigen pensionierten Beamten. Die Mykologie, die Wissenschaft von den Pilzen, hat es ihm angetan. Besonders die Täublinge, eine der artenreichsten Pilzgattungen. "Da gibt es hervorragende Speisepilze unter den Täublingen. Aber kaum jemand kennt die oder weiß das."

Das richtige Steinpilzgericht

Steinpilze, Rotkappen und Maronenröhrlinge (Maronen) stehen ganz oben auf der Wunschliste von vielen Pilzsammlern. Bekannt und durch das "samtartige Röhrenfutter" leicht von den Giftpilzen mit Lamellen an der Unterseite der Kappe zu unterscheiden, landen diese Röhrenpilze in den Körben und Bratpfannen der meisten Sammler. Norbert Griesbacher aber weiß: "Für ein richtig gutes Steinpilzgericht braucht es sieben Sorten Pilze." Bei den Täublingen kann man, so Griesbacher, kaum was verkehrt machen. "Ein kleines Stückchen abbrechen, kauen und schmecken. Schmeckt der Pilz mild und nussig ist alles gut." Frauentäublinge gehören zu den Exemplaren, an denen Norbert Griesbacher kaum vorbeigehen kann. "Nur die Großen nicht. Die sind im Regelfall wurmig."

Schwammerlsaison früher gestartetDie Saison für Pilze ist 2014 früher gestartet als in den trockenen Sommern der Jahre davor. Der Regen macht es möglich. Während üblicherweise frühestens Anfang September die Pilze aus dem Boden "schießen", war das 2014 bereits im August der Fall. Fachleute wissen, dass so etwas alle fünf bis zehn Jahre vorkommt.

Probierstückchen ausspucken

Die Probierstückchen, rät Griesbacher, sollen "unbedingt wieder ausgespuckt werden". Auch wenn ein bitterer oder scharfer, pfeffriger Geschmack wie beim kirschroten Spei-Täubling schon darauf schließen lässt, dass es sich hier um einen ungenießbaren Pilz handelt, gibt es Vertreter der Gattung, die diesen "Warngeschmack" erst nach längerem Kauen freisetzen. "Der Zedernholz-Täubling entwickelt seinen brennend scharfen Geschmack erst mit einiger Verzögerung. Nicht umsonst heißt er auch heimtückischer Täubling."

Harte Arbeit

Auf dem Weg durch den Wald verlässt Griesbacher irgendwann den ausgetretenen Pfad, der zu einem Holzlager führt. "Da gehen zu viele. Da gibt es nichts mehr. Pilze muss man sich erarbeiten." Eine Stelle im Mischwald hat seine Aufmerksamkeit erregt. Zwischen dem Braun der abgestorbenen Buchenblätter leuchten hellgrüne Stellen im Morgenlicht. "Pilze brauchen Wasser. Wo Moos und Gräser wachsen, ist ein guter Standort. Dort ist es feucht genug." Auf dem Weg den Hang hinauf stoppt der 73-Jährige plötzlich. In seinem Gesicht spiegelt sich die Freude über eine Entdeckung am Wegrand. "Krause Glucke. Fette Henne. Mein Highlight des Tages. Da hat sich die Suche schon gelohnt. Da sind alle Geschmäcker und Gerüche schon drin. Den findet man nicht oft."

Geheime Stammplätze


Höhepunkt der Schwammerltour für Pilzexperte Norbert Griesbacher: Der Fund einer fetten Henne. Bild: uax

Vorsichtig dreht der Pilzexperte das schwammartige Gebilde aus dem Boden. "Das ist der Fruchtkörper des Pilzes. Wie der Apfel am Baum." Nachdem er die Krause Glucke von Blättern und Erdreich gereinigt hat, legt Griesbacher die "Beute" vorsichtig in einen Korb und bedeckt sorgfältig die "Erntestelle" mit Laub. "Damit das unterirdische Myzel, der eigentliche Pilz, nicht austrocknet und abstirbt. Und es muss ja nicht jeder wissen, dass es hier was gibt." Sein Wissen teilt Griesbacher liebend gerne, seine Schwammerl eher nicht. Pilzesammler hüten eben ihre "geheimen Stammplätze". Das Wissen darüber bleibt "in der Familie". Ein GPS-Gerät zur präzisen Standortbestimmung per Satellit brauchen die wenigsten. Dennoch gehört so ein Gerät bei Norbert Griesbacher zur Ausrüstung. "Als Mykologe markiere ich mir die Plätze der selten vorkommenden Arten und kartographiere dann die Region. Das Sammeln der Speisepilze ist nur ein kleiner Teil der Suche."

Viele Rezepte

Etwa 95 Prozent der Zeit, die der Hobby-Pilzwissenschaftler aufwendet, um seiner Leidenschaft nachzugehen, ist der "rein forschende Teil". Die fünf restlichen Prozent ergeben ein Abendessen. Rezepte für Pilze gibt es viele. Einige sind seit Generationen ohne Zutatenliste in der Familie weitergegeben. Zu Griesbachers Favoriten gehört ein Rezept aus dem "Hause Biolek". Mit angebratenen Basilikumblättern und Nudeln. Für die winterliche Wartezeit auf die nächste Saison hat er einen guten Rat: "Niemals blanchieren. In Öl anbraten, kalt werden lassen, einfrieren. Dann schmecken sie im Januar - wie frisch geerntet."


Pilzsammler hinterlassen Spuren


Die Ausbeute der einstündigen Tour reicht für mehrere Abendessen. Bild: uax

Der Fund der Krausen Glucke, die allein ein komplettes Abendessen abgibt, hat den 73-Jährigen so gefreut, dass er kurz ganz aufgeregt wurde. Dennoch bleibt er auf dem Rückweg aufmerksam. Steinpilze, Rotkappe, Hexenröhrling, Eierschwammerl oder Maronen will er nicht im Wald stehen lassen. Maronen, die wegen der Strahlenbelastung nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl einen eher schlechten Ruf haben, verschmäht der Pilzexperte nicht. "Da ist die natürlich Strahlung in der Region deutlich höher als die Belastung der Pilze." Der Rest eines abgeschnittenen Steinpilzes macht den Pensionär neugierig. "Der Stiel ist so weiß. Der leuchtet richtig. Steinpilze wachsen nicht einsam. Da gibt es immer ein 'Geschwisterchen' in der Nähe." Ähnlich wie Fliegenpilze, die mit ihrem leuchtenden Rot die Steinpilze anzeigen, lassen auch andere Pilzsammler Spuren ihrer Funde zurück. Der unbewusst zurückgelassene Stielabschnitt zeigt: Kaum drei Schritte von der Fundstelle entfernt steht einer der begehrten Edelpilze.

Tolle Ausbeute

Norbert Griesbacher ist zufrieden mit der Ausbeute der vergangenen Stunde. Ein Körbchen voll mit Speisepilzen gefunden, einer davon ein geschmacklicher Höhepunkt, einige Täublinge gesichtet: "Ernte" und Bestandsaufnahme im Wald. Der nächste Stopp auf der Pilzetour steht schon fest. Der 73-Jährige hat einer Sportkameradin versprochen, Schwammerl vorbeizubringen.
Steinpilze, Rotkappen und Maronenröhrlinge ... Unsere Leser zeigen ihre schönsten Pilze.


Fachfragen und Notrufe

Norbert Griesbacher ist nicht nur Pilzexperte, sondern auch Pilzberater der Stadt Weiden. "Im Ehrenamt." Als Pilzsachverständiger steht er anderen zur Verfügung, wenn es darum geht, Unklarheiten zum Fund auszuräumen und "grünes Licht" zum Verzehr zu geben. Sein Fachwissen über seine Lieblingsgattung Täublinge ist auch auf Seminaren und Treffen der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM) gefragt. Das Wissen um diese Aufgabe wahrnehmen zu können, hat sich der ehemalige Beamte bei der Stadt Weiden von seinem Vorgänger im Ehrenamt angeeignet. Ein Buch zur Pilzbestimmung gehört seiner Meinung nach zur Standardausrüstung für Sammler. "Aber bitte ein aktuelles Werk. Manchmal sind die Fakten aus den frühen Werken überholt und damit gefährlich." Der sogenannte Kahle Krempling ist einer der Pilze, die in den 1960er Jahren noch als "guter Bratpilz" beschrieben wurden, in aktuellen Werken wird aufgrund von neuen Erkenntnissen vor häufigem Verzehr gewarnt.

KontaktNorbert Griesbacher
Telefon 0961-31409
E-Mail: norbert.griesbacher@web.de
Professor-Heuss-Straße 6, 92637 Weiden
Berater der Stadt Weiden i.d.Opf.; Beratung kostenlos nach Vereinbarung

Fachwissen ist gefragt

Griesbachers Fachwissen ist auch bei vermeintlichen oder echten Vergiftungen gefragt. "Da kommt schon mal ein Anruf aus dem Klinikum, weil eine besorgte Mutter ihr Kind abgeliefert hat, nachdem es in ein unbekanntes Schwammerl gebissen hat." Auch ein Bundeswehrkrankenhaus hat seinen Rat eingeholt. Ein Patient mit Vergiftungserscheinungen hat seine Hilfe gebraucht. "Das war etwas schwieriger. Zur Pilzbestimmung stand in diesem Fall nur Erbrochenes zur Verfügung. Aber wir haben es geschafft."

In Bayern häufiger Pilzvergiftungen

Die Zahl der Hilferufe, die ihn als Gift-Nothelfer erreichen, ist überschaubar, obwohl laut einer Studie der DAK-Krankenkasse Pilzsammler aus Bayern weitaus häufiger von Pilzvergiftungen betroffen sind als Schwammerl-Freunde aus anderen Bundesländern. Laut der Statistik der DAK stammten in der Pilzsaison des vergangenen Jahres 43 Prozent der bundesweit gemeldeten Patienten mit schwerer Pilzvergiftung und stationärer Behandlung aus Bayern.

30 schwere Pilzvergiftungen

An zweiter Stelle lagen Pilzsammler aus Baden-Württemberg mit 17 Prozent. Insgesamt wurden in ganz Deutschland 30 schwere Pilzvergiftungen erfasst - die Fallzahl ging bundesweit im Vergleich zu 2011 um ein Viertel zurück, in Bayern stieg sie leicht an. Die hohe Zahl an Pilzvergiftungen in Bayern wird auch von aktuellen Auswertungen der Münchner Giftnotzentrale gestützt. Hier wurden 2012 knapp 280 Pilzvergiftungen telefonisch gemeldet - eine Steigerung um fast 130 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Anzeichen einer PilzvergiftungOb Brechdurchfall, Halluzinationen, Rauschzustände oder Koordinationsprobleme: Die Palette möglicher Symptome nach dem Verzehr giftiger Pilze ist breit. Fühlen Verbraucher sich nach einer Pilzmahlzeit unwohl, sollten sie sofort den Notarzt rufen.

Zur Bestimmung der Vergiftung heben sie am besten auch Pilzputzreste oder Essensreste auf. Denn die Behandlung fällt je nach Art des Giftpilzes unterschiedlich aus. Sind Verbraucher sich unsicher, wie sie sich verhalten sollen, können sie auch den Giftnotruf kontaktieren. Dieser vermittelt Verbraucher dann an Pilzberater und erklärt, was genau zu tun ist.

Keine Nachwuchsprobleme

Der 73-Jährige, der von sich selbst sagt, dass er die Pilzberatung auch noch mit 100 Jahren macht "wenn der körperliche und geistige Zustand es zulässt", sieht keine Nachwuchsprobleme bei Mykologen in der Region. Der jüngste Pilzberateraus der Region ist 25 Jahre alt und hat eben erst seine Prüfung zum Pilzsachverständigen abgelegt. Auch der Nachbarlandkreis Amberg-Sulzbach ist ausreichend versorgt. "Sogar in Amberg gibt es nach langen Jahren der Vakanz wieder einen Pilzberater."

Die Ausbeute bei Schwammerltouren ist momentan gut, die hilfreichen Pilzexperten in der Region stehen beratend zur Seite. Was derzeit die Pilzesammler mehr bewegt, als die Angst vor Vergiftungserscheinungen, ist die Entscheidung für das passende Schwammerlrezept.

Linktipps

Pilzberatung der Stadt Weiden
Deutsche Gesellschaft für Mykologie
Übersicht der Pilzsachverständigen
Studie der DAK-Krankenkasse zur Zahl der Pilzvergiftungen
Giftnotzentrale München