21 Menschen bei minus 18 Grad per Tieflkühllaster ins Land gebracht
Eiskaltes Schleuser-Pärchen

März 2017. Die Polizei liest im Gemeindebereich 21 Flüchtlinge aus dem Irak und Kurdistan auf, darunter acht Frauen und fünf Kinder. Sie waren im Tiefkühlauflieger eines 40-Tonners ins Land gebracht worden. Bild: Bundespolizei

Seit Montag muss sich ein ehemaliges Liebespaar - er Türke (43), sie Rumänin (20) - vor dem Amtsgericht Weiden verantworten. Die beiden sollen 21 Menschen in einem Tiefkühllaster nach Deutschland geschleust haben. Die Temperatur im Frachtraum habe minus 18 Grad betragen, so Staatsanwalt Christian Härtl.

Unter den Geschleusten waren acht Frauen und fünf Kinder ab drei Jahren. Es handelte sich um Iraker und türkische Kurden. Die Tour dauerte 32 Stunden. Der Sattelauflieger war verplompt und blieb durchgehend verschlossen. Die Fahrt führte über 1019 Kilometer. Auch während einer sechsstündigen Pause in Ungarn durften die Passagiere nicht aussteigen. Sie saßen auf Fässern mit 22 Tonnen Kirschsaftkonzentrat aus der Türkei, die gemäß der Frachtpapiere tiefgefroren an ihrem Zielort in Rheinland-Pfalz ankamen. Es gab keine Nahrung, die Notdurft wurde im dunklen Lkw verrichtet. Bei dem Lkw handelte es sich um einen Mercedes Typ „Actros“ mit 40 Tonnen Ladevolumen.

Die 21 Menschen sollen am 28. März 2017 kurz nach Mitternacht im rumänischen Ort Timisoara eingestiegen sein. Schon in Ungarn starteten sie einen Hilferuf ins Führerhaus. Einer der Kurden rief aus dem Laderaum bei der Beifahrerin an, die das Mobiltelefon an ihren Freund am Steuer weiterreichte. Es sei kalt, die Kinder weinen. Man habe Angst zu erfrieren. Die Fahrt ging trotzdem wie geplant bis Deutschland weiter.

Erst in Leuchtenberg machte der Fahrer am Vormittag des 29. März die Klappe auf. Er habe sich nicht weiter um die Leute gekümmert, sondern sei sofort wieder zum Führerhaus gelaufen, damit ihn später niemand beschreiben könne. Anwohner riefen die Polizei. Mehrere Streifen sammelten die übermüdeten Geschleusten ein. Vom Lastwagen war keine Spur mehr. Den Ermittlern der Bundespolizei Waidhaus gelang trotzdem die Lösung des Falls – mit viel Raffinesse. Der Linienbus 11 nach Oberviechtach war dem Schleuserlaster gegen 11 Uhr auf der B 22 begegnet. Der Bus verfügt über Innenraum-Kameras, die Teile des Außenbereichs filmen. Auf den Videos ist der gesuchte Truck zu sehen. Man sieht, wie Menschen absteigen und weggehen.

Die Bundespolizei rechnete zurück – und konsultierte per Rechtshilfeersuchen die tschechischen Kollegen. Die steuerten ein Foto der Durchfahrt durch den Valik-Tunnel gegen 9 Uhr bei Pilsen bei. Ohnehin: „Die Durchfahrten sind durchgehend dokumentiert“, sagte der Sachbearbeiter vor Gericht. Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Slowakei, Tschechoslowakei, Deutschland. In Bulgarien und Rumänien wurde bei Kontrollen der Name des Fahrers registriert.

Das Pärchen versuchte am Montag am ersten Verhandlungstag vor dem Jugendschöffengericht, den Hals aus der Schlinge zu ziehen. Die 20-Jährige war die Geliebte des verheirateten Türken, man hat eine gemeinsame Tochter (3). Bei der Polizei hatte die Rumänin noch Angaben dazu gemacht, wie ihr Freund in einer Bar in Rumänien über die Schleusung verhandelt habe. Davon wollte sie jetzt nichts mehr wissen. „Ich habe nicht gewusst, was im Lkw geladen war.“

Der Türke sagte vor Richter Otmar Schmid, dass er erst auf Höhe Ungarn durch das Telefonat erfahren habe, dass sich Menschen in seinem Frachtraum befänden. Es sei von vier Personen die Rede gewesen. Er sei aber weitergefahren, weil der Auftraggeber ihm am Telefon mit der Ermordung seiner Familie gedroht habe. Seine Freundin habe mit all dem nichts zu tun: „Ich fragte sie aufgrund meiner Liebe, die ich für sie empfand, ob sie mich begleiten will.“ Er habe die Kühlung ausgeschalten, als er von seiner menschlichen Fracht erfuhr. Er habe auch nicht gewusst, dass Kinder an Bord sind. Erst als er die Klappe öffnete, habe er eine Frau mit Baby auf dem Arm gesehen.

Staatsanwalt Härtl zu den Einlassungen der Angeklagten: „Es verursacht mir schon fast körperliche Schmerzen anzuhören, was Sie uns hier als Wahrheit verkaufen.“ Fortsetzung ist am Mittwoch. 
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