33-jährige Weidenerin bekommt 130000 Euro Schmerzensgeld von Ärztin und Klinikum
Mutter (33) verliert beide Beine

Eine Abtreibung wird 2012 für eine dreifache Mutter zum Alptraum. Nach dem ambulanten Eingriff in Nürnberg kommt es zu einer Blutvergiftung, die im Klinikum Weiden nicht mehr beherrscht werden kann. Am Ende müssen der 33-Jährigen beide Unterschenkel amputiert werden.

Am Mittwoch klagt die Weidenerin, vertreten von Anwalt Dr. Burkhard Schulze, am Landgericht auf 150 000 Euro Schmerzensgeld und eine monatliche Rente von 300 Euro. Die 1. Zivilkammer unter Vorsitz von Richter Viktor Mihl regt nach zwei Stunden einen Vergleich an, der - unter Vorbehalt - akzeptiert wird: Die Frau bekommt 130 000 Euro Entschädigung, aber keine Rente. Der Vergleich kann noch widerrufen werden: Die Beklagten müssen Rücksprache mit den Versicherungen halten. Auch die inzwischen 37-Jährige will Bedenkzeit.

Bleibt es dabei, zahlt die Abtreibungsärztin aus Nürnberg 40 Prozent der 130 000 Euro. Ihr wurde mangelnde Aufklärung zum Verhängnis: So unterschrieb die Patientin in ihrer Praxis zwar eine Einverständniserklärung, die verwies aber in puncto Risiken nur auf ein praxiseigenes Faltblatt. 60 Prozent müssen die Kliniken Nordoberpfalz übernehmen, denen Schulze Behandlungsfehler vorwarf.

Mit dem Zug zum Abbruch


Die Chronologie: Die Kinder sind acht Monate, fünf und sieben Jahre alt, als die 33-Jährige im Mai 2012 ungewollt schwanger wird. Nach einem Beratungsgespräch entschließt sie sich zum Abbruch in der achten Woche. Am 23. Mai 2012 fährt sie mit ihrem Ehemann mit dem Zug in die Praxis der Nürnberger Gynäkologin. Nach dem ambulanten Eingriff geht es wieder nach Hause. Am Folgetag ruft der Mann in der Praxis an: Seine Frau habe 37,5 Grad Temperatur und Bauchschmerzen. Die Ärztin rät zu Schmerzmitteln und der Konsultation eines Arztes. Die Weidenerin nimmt Ibuprofen. Drei Tage später wird sie als Notfall im Klinikum Weiden aufgenommen. Sie hat Fieber und extrem hohe Entzündungswerte.

An dieser Stelle vermisst der vom Gericht beauftragte Gutachter, ein Frauenarzt einer Münchner Klinik, einen sofortigen A-Streptokokken-Test und einen bakteriologischen Abstrich. Er würde bei dieser Vorgeschichte zudem sofort "blind" mit einer Antibiotika-Therapie beginnen. "Das geht sonst ganz schnell durch die Decke." Zwar wurde auch in Weiden eine Antibiose begonnen. "Aber aus den Unterlagen wird nicht ersichtlich, um welche Uhrzeit. Da sind Stunden entscheidend", sagt der Sachverständige.

Stattdessen wird die Frau operiert. Die Ärzte vermuten eine äußerst selten Zwillingsschwangerschaft in Gebärmutter und Eileiter gleichzeitig. Es wird eine Bauchspiegelung vorgenommen. Der Gutachter hätte vor einer OP eine Computertomographie des Bauches für "sinnvoll" erachtet: Dann hätte man gesehen, dass keine Eileiterschwangerschaft vorlag. Schulze: "Durch diese Fehldiagnose wurde wertvolle Zeit verloren, die Sepsis nicht rechtzeitig eingedämmt." Der Zustand der Frau verschlechtert sich rapide. Die Blutvergiftung mündet in ein septisches Multiorganversagen. Es geht um Leben und Tod. Sechs Monate wird die Weidenerin in vier Kliniken behandelt. Sie hat alles erlebt: Bluttransfusionen, Luftröhrenschnitt, Sondenernährung, Katheter, Lähmung aller vier Gliedmaßen, Depression.

Bleibende Folge: Am 10. Juni 2012 stellt man in Weiden "trockene Nekrosen über den Sprunggelenken" fest. Eine Woche später wird die Frau an die Uniklinik Erlangen verlegt. Im September besteht eine "harte trockene Mumifizierung" beider Füße. Im Januar 2013 erfolgt in Bamberg die Amputation. Die Frau wiegt zu diesem Zeitpunkt noch 36 Kilo.

Heute trägt die 37-Jährige Prothesen und geht an einem Stock. Sie ist inzwischen Witwe, ihr Mann starb 2016. Die Frau lebt mit den drei Kindern von Witwen- und Waisenrente plus Kindergeld, insgesamt etwa 1200 Euro. Anwalt Schulze staunt über ihre Vitalität: "Ein anderer hätte das nicht überlebt."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.