05.03.2017 - 21:30 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Adalbert Busl referiert über Grenzdurchgangslager Wiesau Erste Station für Hunderttausende

(rdo) Was heutzutage trotz modernerer Technik Probleme bereitet, war im Grenzdurchgangslager Wiesau vor etwa 70 Jahren bereits möglich: Die Registrierung von 587 000 Flüchtlingen sudetendeutscher Abstammung, die aus der Tschechoslowakei nach Deutschland kamen. Heimatforscher Adalbert Busl referierte beim Heimatkundlichen Arbeitskreis über dieses von 1946 bis 1952 betriebene Flüchtlingslager, von dem heute fast nichts mehr zu sehen ist. Lediglich eine Firma nutzt eine kleine Halle.

Petra Vorsatz dankte im Namen des Heimatkundlichen Arbeitskreises Adalbert Busl, der auch der Schriftleiter der "Oberpfälzer Heimat" ist. Er refierierte über das Grenzdurchgangslager Wiesau. Bild: Dobmeier
von Autor rdoProfil

Ende 1945 erfuhr die Gemeinde Wiesau, dass sie - an der Bahn liegend - als großer Übergabepunkt aus Eger dienen sollte, erläuterte Busl. Anfangs dienten Betriebshallen einer Ziegelei als Registrierung. Der Bau der eigentlichen Gebäude begann im Februar 1946. Es entstanden ein Wohntrakt, Schule, Sanitätsbereich und Handwerksbetriebe. Später diente der Komplex als Wohnlager für Flüchtlinge ohne feste Unterkunft. Die Ausdehnung des Lagers betrug etwa 300 Meter Länge und 100 Meter Breite. Es war für maximal 1500 Bewohner an der Bahn angelegt. Dann kamen täglich etwa drei Züge mit etwa 1200 Flüchtlingen. Ein Transport bestand aus bis zu 40 Eisenbahnwaggons.

Josef Bruckner, aus Preitenhof stammend, arbeitete in der Lagerverwaltung. Er beschrieb durch eine Fotodokumentation das Lagerleben. Daraus gewann Busl sein Bildmaterial des Lagers, darunter Fotos der Suppenausgabe. Wer registriert war, bekam Essensmarken. Mit ihnen ließen sich Lebensmittel für 1600 Kalorien am Tag erwerben.

Das öffentliche Interesse am Lager stieg im Lauf der Zeit. Unter anderem besuchten zwei Bischöfe das Wohnlager. Viele Kinder erhielten Unterricht im Drei-Schicht-Betrieb in der Lagerschule. Aber: "Das Wort Flüchtling galt als Schimpfwort", erläuterte Adalbert Busl. Die Integration gelang so erst allmählich. Nicht zuletzt dadurch, dass viele Arbeit in der Porzellan und Ziegelindustrie fanden. Mit Folgen: Der Wohnungsbau boomte. Viele Schlesier gründeten zudem eigene Fabriken, beispielsweise für Strumpfwaren und Bekleidung.

Im Juni und Juli 1953 verließen schließlich die letzten Personen das Lager. Auf Initiative der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Kreisverband Tirschenreuth, wurde vor dem Bahnhof Wiesau im Dezember 2012 ein Mahnmal der Öffentlichkeit übergeben.

In der anschließenden Diskussion berichteten Zeitzeugen von ihren Einreisen über Furth im Wald oder Tachau und zeigten sich im Rückblick verwundert, wie die Registrierung damals trotz aller Herausforderungen so funktionieren konnte.

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