Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien
Aus Angst vor dem Vater eingesperrt

"Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen vertrauensvoll zuhören und nicht wegschauen", sagt Gunter Hannig. Damit meint der Leiter der Erziehungsberatungsstelle nicht nur sich und seine Kollegen, sondern auch Omas, Opas, Lehrer und Erzieher. Auch sie können sich - wenn sie einen Rat brauchen - gerne an die Experten wenden. Bilder: Schönberger (4)
 
Gunter Hannig, Leiter der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle Weiden-Neustadt.

Zwei Mal im Monat sperrt sich die Mutter mit Klaus (9) und Hans (12) in ein Zimmer ein. Wenn der Vater zu viel getrunken hat und zu Aggressionen neigt. Dann haben die Kinder wirklich Angst vor ihm.

Herausgefunden hat das ein Experte der Erziehungsberatungsstelle. Klaus (alle Namen von Klienten sind geändert) war dort in Behandlung, weil er in der Grundschule Probleme hatte. Im Laufe der Zeit kristallisierte sich heraus, dass der Vater ein Alkoholproblem hat. Keine Seltenheit, wie Gunter Hannig betont. Der Leiter der Erziehungsberatungsstelle weiß aus Erfahrung: "Es kommt öfter vor, dass Kinder mit einer bestimmten Symptomatik an uns verwiesen werden, und nach einiger Zeit stellen wir fest, dass Vater oder Mutter ein Suchtproblem haben."

Ähnlich war das auch bei Elke. Die Achtjährige galt als hyperaktiv, sollte deswegen Hilfe in der Erziehungsberatungsstelle Weiden erhalten. "Elke war tatsächlich ein sehr lebendiges Kind", bestätigt Hannig. Was bei ihr ungewöhnlich war: Das Kind suchte eigentlich Hilfe für seinen Vater. Beide Eltern waren drogensüchtig. Die Mutter war bereits in Therapie. Mit Unterstützung der Erziehungsberatungsstelle gelang es, auch den Vater zu einer Therapie zu motivieren. "Für das Mädchen bedeutete das eine große Entlastung." Elke besuchte dann sogar das Gymnasium.

Hier kommt die Fachambulanz für Suchtprobleme ins Spiel. Denn die beiden Einrichtungen ergänzen sich hervorragend, wenn es um betroffene Familien geht. "In der Erziehungsberatungsstelle tauchen Kinder auf, deren Eltern Suchtprobleme haben", sagt Katjenka Wild, Leiterin der Caritas-Fachambulanz. "Zu uns dagegen kommt die süchtige Mutter, die sich fragt, was ist mit meinen Kindern und deshalb Hilfe sucht. Wir schauen also auf die gleiche Familie, nur von zwei verschiedenen Seiten."

Kooperation verstärken

Angeregt durch den Suchtarbeitskreis Neustadt-Weiden, in dem beide Einrichtungen vertreten sind, haben die Experten ihre Kooperation in den letzten Jahren verstärkt. Und sie wollen das weiter vorantreiben. Denn sowohl die Kinder von Suchtkranken als auch deren Eltern kämpfen zum Teil mit den gleichen Problemen: Das Thema ist noch immer stark tabuisiert. "In unserer Einrichtung wird eine psychische Erkrankung offener angesprochen als ein Suchtproblem", so die Erfahrung des Diplom-Psychologen.

Alkohol- oder Drogensucht gilt als großer Makel. Deshalb fühlt sich das Kind verpflichtet, so ein Problem geheim zu halten. "Alkoholismus ist auch schwer einzuschätzen", gesteht Katjenka Wild. "Selbst den Betroffenen ist oft nicht klar: Ist diese Menge noch in Ordnung oder nicht." Bei illegalen Drogen kommt für Kinder die Angst dazu, sie würden womöglich aus der Familie genommen oder die Eltern würden hart bestraft. Zwei weitere Gründe, nichts nach außen dringen zu lassen. Und egal, ob ein Elternteil nun alkohol- oder drogensüchtig ist. "Die Kinder fühlen sich oft schuldig und sie schämen sich dafür", weiß Hannig. "Sie versuchen, diesen Makel zu verbergen. Denn auch Kinder von Süchtigen lieben ihre Eltern und sind ihren Eltern treu." Umgekehrt gilt, wie Katjenka Wild sagt: "Auch süchtige Eltern wollen gute Eltern sein."

Anlässlich der bundesweiten Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien vom 11. bis 18. Februar wollen die Mitarbeiter des Suchtarbeitskreises Neustadt-Weiden und der beiden Beratungsstellen deshalb verstärkt auf die Thematik aufmerksam machen. Sie wollen den Betroffenen aufzeigen, wo sie Hilfe finden. Und sie wollen Erzieher und Lehrer für das Thema sensibilisieren. "Zum Beispiel, dass sie Signale wahrnehmen", erklärt Regina Träger, stellvertretende Leiterin der Erziehungsberatungsstelle. "Was hat es zu bedeuten, wenn ein Kind ständig traurig oder müde ist? Wenn es im Unterricht häufig einschläft?"

Die Kinder entlasten

Dahinter kann sich ein Suchtproblem in der Familie verbergen. Träger: "Weil die älteste Tochter dann auf ihre jüngeren Geschwister aufpasst. Weil sie daheim aufräumt, um das Problem zu verbergen. Oder weil sie öfter von der Schule daheim bleibt, aus Angst, dass ihre Eltern sich sonst betrinken." Ganz schön viel Verantwortung für so ein kleines Wesen. "Wichtig ist es, das Kind zu entlasten", macht Hannig klar. "Am besten natürlich mit Hilfe der Eltern. Wir können mit ihnen weitere Hilfsangebote besprechen und organisieren." Zum Beispiel Unterstützung durch die Sozialpädagogische Familienhilfe, die Vermittlung von Erziehungsbeistandschaft, aber auch von ambulanten oder stationären Hilfen.

"Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen vertrauensvoll zuhören und nicht wegschauen", sagt Hannig. "Das können Omas, Opas, Erzieher oder Lehrer sein." Sie alle können sich auch in der Erziehungsberatungsstelle und der Fachambulanz für Suchtprobleme Rat holen, wenn sie unsicher sind. Grundsätzlich gilt laut Wild: "Der erste Schritt ist immer, über das Problem zu reden. Nur dann kann ich etwas verändern. Alles Geheime dagegen hat viel Kraft."

Telefonaktion und AnlaufstellenWährend der bundesweiten Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien startet Der neue Tag/Oberpfalz-Medien in Zusammenarbeit mit der Erziehungsberatungsstelle und der Fachambulanz für Suchtprobleme eine Telefonaktion. Drei Experten der beiden Einrichtungen stehen am Donnerstag, 15. Februar, von 16.30 bis 18 Uhr allen Lesern für Fragen zur Verfügung. Die Telefonnummern werden noch bekanntgegeben.

Unabhängig davon können sich Ratsuchende jeden Donnerstag von 14 bis 16.30 Uhr in der offenen Sprechstunde an die Fachambulanz für Suchtprobleme wenden, Telefon 0961/3891433. Bei der Erziehungsberatungsstelle kann unter Telefon 0961/3917400 ein Beratungstermin vereinbart werden. Die Einrichtung plant in absehbarer Zeit ebenfalls eine offene Sprechstunde. Die Beratung erfolgt jeweils anonym und kostenfrei. (ps)
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