Allgemeinarzt Dr. Matthias Loew zur Statistik des Klinikums
Notfalls auch zum Hausarzt

Symbolbild (Foto: dpa)

Bei gesundheitlichen Problemen gehen immer mehr Bürger gleich in die Klinik statt zum Hausarzt. Die Quote betrage bereits 60 Prozent, hieß es in einem NT-Bericht. Dr. Matthias Loew widerspricht vehement.

Die ärztliche Versorgung der Bevölkerung verlagere sich in die Kliniken und damit weg von den Hausärzten. Das war die Aussage des Artikels, der über den Besuch der Freien Wähler auf der Baustelle der neuen Notaufnahme des Klinikums berichtete. Insbesondere die genannte 60-Prozent-Quote zweifelt Dr. Matthias Loew, Allgemeinarzt in Rothenstadt und Stadtrat, jedoch an.

"Dieser Aussage ist aus hausärztlicher Sicht zu widersprechen! Wenn überhaupt, kann die Aussage nur im Bezug auf die ärztliche Notfallversorgung stimmen", schreibt er in einer Stellungnahme. Auf Nachfrage erklärt Stephan Landgraf, Pressesprecher des Klinikums: "Die Zahl stammt vom Gutachten zur ambulanten Notfallversorgung im Krankenhaus der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin." Die Organisation habe ermittelt, dass mindestens 20 Millionen Notfallpatienten jährlich in deutschen Kliniken behandelt werden, davon 60 Prozent ambulant.

Komplizierte Nummer

Der Rothenstädter Mediziner räumt ein, dass es in Gebieten ohne fest eingerichtete Bereitschaftsdienstpraxis (wie derzeit in der nördlichen Oberpfalz) für Kranke einfacher sei, zu Zeiten des organisierten Bereitschaftsdienstes (Mittwoch- und Freitagnachmittag sowie am Wochenende) in die Notbehandlung einer Klinik zu fahren. Umständlicher sei es, die Telefonnummer 116117 zu wählen, dann die Öffnungszeiten der zuständigen Bereitschaftspraxis zu erfahren und dorthin zu gelangen.

Durch dieses Verhalten seien die Notaufnahmen der Kliniken überfüllt, das Personal überfordert, die Patienten müssten lange auf eine Behandlung warten. Die Allgemeinärzte hätten dagegen noch Ressourcen frei. "Die Zahl der Hilfesuchenden in der Notaufnahme wird daneben durchaus vom Klinikum selbst gesteuert und in die Höhe getrieben", findet der Allgemein- und Sportmediziner, der hausärztlicher Vorsitzender des Ärzteverbundes Oberpfalz-Nord und Mitglied der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns ist. Denn alle Patienten, die wegen einer schweren Krankheit direkt von einer Arztpraxis in das Klinikum geschickt werden oder zu einem geplanten Krankenhausaufenthalt kommen, würden über die Notaufnahme aufgenommen, meint Loew. "Dafür sprechen die hohen Patientenzahlen der Notaufnahme zu regulären Praxisöffnungszeiten." Dem widerspricht das Klinikum. Bei einem geplanten Eingriff würden Kranke über die Patientenaufnahme aufgenommen oder zum Beispiel bei einer Geburt direkt in die Frauenklinik kommen. Von knapp 28 000 Patienten, die zwischen 1. Januar und 30. November 2016 in die Klinik eingewiesen wurden, kamen rund 9500 über Haus- und Fachärzte, teilt der Sprecher mit.

Nur keinen Streit

Laut Loew gibt es in Weiden 25 Allgemeinärzte. Niedrig kalkuliert, würden sie an jedem Vormittag 750 Patienten (30 je Arzt) behandeln. Das sei "ein Vielfaches der Patientenzahl der Notbehandlung", erklärt er. Das Weidener Klinikum erklärt, dass Ärzte im ersten Halbjahr 2016 durchschnittlich 90 Patienten pro Tag in der Notaufnahme behandelten. Loew betont: Mit seiner Reaktion wolle er keinen Streit auslösen. "Das deutsche Gesundheitssystem ist stabil, gut aufgestellt, technisch und personell gut ausgestattet und bedarf nur eines nicht: Grabenkämpfe zwischen den verschiedenen Akteuren."

Reform des ärztlichen BereitschaftsdienstsDer ärztliche Bereitschaftsdienst sichert die ambulante Versorgung von Patienten außerhalb der Sprechstunden der Allgemeinärzte. "Der Bereitschaftsdienst ist seit Jahren eine ewige Baustelle", sagt Dr. Matthias Loew. Die Tatsache, dass Hausärzte häufig den Dienst übernehmen müssen, halte junge Leute von diesen Beruf ab. "Es gibt Bezirke in Bayern, wo ein Arzt ein Wochenende komplett Dienst hatte." Täglich zwischen 18 und 8 Uhr und am Wochenende ist Bereitschaftsdienst.

Damit der Dienst weiterhin gewährleistet ist, hat die Politik die Gebiete zusammengelegt. Seit der Reform 2013 gebe es immer mindestens 15 Allgemeinmediziner, die sich den Dienst teilen. Doch die Gebiete wurden immer größer, die Ärzte weniger, berichtet der Allgemeinarzt aus Rothenstadt. In acht Pilotprojekten in Bayern organisiert die Kassenärztliche Vereinigung (KVB) nun die Zuständigkeitsbereiche erneut um wie in Schwandorf/Cham.

Die Bereitschaftsdienstpraxen sollen an Krankenhäuser angegliedert werden. Außerdem gibt es einen Fahrdienst, damit ein Arzt Kranke zu Hause besuchen kann. Loew begrüßt die Reform. Weiden, Neustadt, Eschenbach/Kemnath und Tirschenreuth sollen zu einem Gebiet zusammengelegt werden, sagt der Mediziner. Die KVB sei noch in der Planungsphase, erklärt Sprecherin Birgit Grain. Nach aktuellem Stand sollen in der Region zwei Bereitschaftsdienstpraxen entstehen.

Der Bereitschaftsdienst ist nicht mit dem Notarztdienst vergleichbar. Letzterer sollte bei Unfällen und lebensbedrohlichen Erkrankungen gerufen werden (Telefon 112). Der Bereitschaftsdienst ist unter Telefon 116117 zu erreichen. (esa)


Die Zahl der Hilfesuchenden in der Notaufnahme wird daneben durchaus vom Klinikum selbst gesteuert und in die Höhe getriebenDr. Matthias Loew, Allgemeinarzt
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