"Am Anfang sind wir schon ausgegrenzt worden"
Erste Hochbegabte mit Abitur

Am Freitag bekommen die ersten Hochbegabten am Kepler ihre Abiturzeugnisse: Julian Sax, Joah Knestrick, Ronja Künkler, Lehrerin Verena Hauke, Tobias Bauer und Jakob Rodestock (von links) blicken auf eine schöne, aber intensive Zeit zurück. Bild: Schönberger

Sie genießen eine ganz spezielle Schulausbildung: die Pennäler der Hochbegabtenklassen am "Kepler". Die ersten haben nun ihr Abitur in der Tasche. Dabei war's anfangs schwer.

Immer wenn Jakob Rodestock in seine Klasse zurückkehrte, sei das wie ein Wohlfühlbad für ihn gewesen. Der 17-Jährige hatte in der achten Jahrgangsstufe Spanisch, musste deswegen für eine Stunde aus seiner Hochbegabtenklasse heraus in eine andere Gruppe. Sofort seien ihm die Streber-Sprüche um die Ohren geflogen. "Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht, ein ganz anderes Klima", sagt der Hochbegabte rückblickend. Denn seine Schulzeit ist vorbei. Er hat das Abitur gemacht.

Genauso wie Joah Knestrick. Auch der 18-Jährige ist hochbegabt. Auch er erzählt von Problemen mit anderen: "Am Anfang sind wir schon ausgegrenzt worden." Kontakt zu Schülern aus den Regelklassen habe es kaum gegeben. Wenn, dann war der kurios: "In der fünften Jahrgangsstufe hat uns ein Zehntklässler, wir haben ihn Tüv-Typ genannt, immer Oberstufenfragen gestellt." Nicht wenige davon hätten sie richtig beantwortet.

"Wir bereuen es nicht"

Denn Kinder, die in die Hochbegabtenklasse gehen, sind besonders intelligent, in bestimmten Fächern herausragend. Sie haben aber oft soziale Defizite. Seit dem Schuljahr 2009/10 gibt es solche Klassen am Kepler-Gymnasium. Das Ziel: Diese Kinder und Jugendlichen auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten zu fördern. Rodestock und Knestrick gehören zum ersten Hochbegabten-Jahrgang am Kepler. Der hat jetzt das Abitur gemacht. Auch Ronja Künkler, Julian Sax und Tobias Bauer waren von Beginn an bis zum Ende dabei. Die fünf Gymnasiasten sind froh, in die spezielle Klasse gegangen zu sein: "Wir bereuen es nicht."

Tobias Bauer, ein 18-Jähriger aus Falkenberg, sagt: "Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Hier ist man unter Gleichgesinnten, da ist man nicht der Streber. Die Wahrscheinlichkeit ist viel höher, Freunde zu finden." Das bestätigen alle: Schüler, Lehrer und Eltern. Johann Schärtl, Beratungslehrer am Kepler, erklärt: "In einer Regelklasse wird einer, der viel mitarbeitet, schnell zum Außenseiter." In der Hochbegabtenklasse sei das anders: "Jeder darf sein, wie er ist." Das meint auch Ronja Künkler: "War jemand in Mathe der Überflieger, konnten wir das viel leichter nachvollziehen." Immerhin hätte ja jeder ein Gebiet, in dem er gut ist.

In den Hochbegabtenklassen entwickelt sich eine besondere Gemeinschaft, berichtet Mama Simone Knestrick. Die Mantelerin hat neben Joah auch ihre beiden anderen Kinder in solchen Klassen. "Jeder ist anders, hat Besonderheiten, Probleme - aber jeder wird integriert und akzeptiert." Beratungslehrer Schärtl nennt Gründe: "Klar spielt da mit rein, dass die Klassen kleiner sind, und die Gruppe nicht getrennt wird." Aber: So unterschiedlich wie die kleinen Genies auch seien, würden sie sich doch auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. "Die ticken meistens gleich."

Von wegen nur Einser

Vorurteile gebe es aber viele. Sind das denn alles Einser-Schüler? Nein, antwortet Künkler. "Natürlich gibt's welche, die einen 1,0-Schnitt haben. Aber sonst ist die Notenverteilung genauso wie in normalen Klassen." Der Abi-Schnitt aller Hochbegabten sei um zwei Zehntel besser als der aller anderen Abiturienten, berichtet Schärtl. Bei dem Projekt gehe es aber nicht darum, bessere Noten zu erzeugen. "Wir schauen nicht nur auf die schulischen Leistungen, sondern auch auf das soziale Miteinander." Der Beratungslehrer hält das Modell für sehr wichtig: "Wenn manche nicht in die Hochbegabtenklasse gegangen wären, hätten sie jetzt kein Abi." Klingt paradox. Aber Schüler mit sozialen Defiziten oder den typischen Hochbegabtenproblemen täten sich im normalen Schulalltag schwer.

Ein Jahr zur Bundeswehr

Nächstes Vorurteil: Die gehen bestimmt gleich nach Oxford zum Studieren? Auch hier: nein. Bauer beginnt ein duales Studium, Informatik an der OTH Amberg. Rodestock und Sax gehen nach Erlangen, studieren Mathe oder Elektronik. Künkler und Knestrick sind noch unentschlossen: Sie beginnt ein freiwilliges soziales Jahr, er geht ein Jahr zur Bundeswehr. Die Hochbegabtenklasse kann aber durchaus Sprungbrett zur Elite-Uni sein. Hauke erklärt: "In der zehnten Klasse haben wir einen Schüler, der bereits an der Uni in Stanford Englisch-Prüfungen abgelegt hat." Da es sich bei den Hochbegabten um eine Ansammlung besonderer Kinder handelt, sei der Lärmpegel in der Klasse manchmal höher, gibt Schärtl zu. "Aber dass es dort drunter und drüber geht, stimmt nicht. Es ist lebendiger." Es werde viel Zeit investiert, um über Probleme zu sprechen. Für die Lehrer sei der Unterricht anstrengender. "Die Kinder haben ein viel größeres Bedürfnis, sich auszutauschen", sagt Hauke.

Ein Problem seien aber vor allem die weiten Anfahrtswege. Von Wunsiedel und Schwandorf aus müssten manche Kinder jeden Tag anreisen. Von 21 Schülern, die 2009 in der Hochbegabtenklasse anfingen, haben es 12 zur Hochschulreife geschafft. Die meisten brachen ab, weil ihnen die Fahrerei zu viel geworden ist, sagt Lehrerin Verena Hauke.

Mit der Zeit sind die Hochbegabten von den anderen Schülern immer mehr akzeptiert worden. Ronja Künkler sagt: "Vor allem in der Oberstufe hatten wir ganz normalen Kontakt, auch Freundschaften geschlossen." Joah Knestrick ergänzt: "Als der Sportunterricht zusammengelegt wurde, haben die anderen gemerkt, wir sind relativ normal."

Unterschiede zur RegelklasseDie Hochbegabtenklasse bleibt von Klasse 5 bis 10 zusammen, erst ab der Oberstufe mischen sich die Schüler. Im Gegensatz zum Unterricht in Regelklassen fallen die Intensivierungsstunden weg. Dafür wird der Stundenplan mit einem zusätzlichen Programm gefüllt. Dadurch haben die Hochbegabten "ein bisschen mehr" Stunden zu leisten als ihre Schulkameraden, wie Lehrerin Verena Hauke erklärt. Das zusätzliche Angebot beinhaltet: Wahlpflichtfächer, wissenschaftliche Arbeiten, Projekttage.

Zudem werden die Hochbegabten im sozialen Bereich gecoacht, etwa durch Lernbegleitung. Bis zu drei Lehrer unterrichten gleichzeitig. Das bietet die Möglichkeit zu Einzelgesprächen. Die Punkte, an denen sich die beiden Systeme am wenigsten unterscheiden, sind Lehrplan und Abitur. Beides ist für alle Gymnasiasten gleich. (jut)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.