Amtsgericht verhängt nach "Befreiungsaktion" in Vohenstrauß Haftstrafe gegen Hausfrau
Nachts Kind (6) aus Wohnung geholt

(Foto: Oliver Berg/dpa)

"Ich kann doch nicht nachts um 1.15 Uhr in eine fremde Wohnung gehen und ein Kind rausholen", sagt Amtsrichter Hubert Windisch und greift sich an den Kopf. "Ticken Sie noch richtig?"

Weiden/Vohenstrauß. Vor dem Amtsgericht Weiden ist ein ungewöhnlicher Fall von Hausfriedensbruch und Körperverletzung verhandelt worden. Die Vorgeschichte: Eine Vohenstraußerin will ihren Ehemann verlassen. Es kriselt schon länger. Nach entsprechend Alkoholkonsum reift in der Nacht nach dem Faschingssonntag 2017 in einer Kneipe der Entschluss: "Ich hau' ab und nehme die Kinder mit." Die drei Kinder schlummern um diese Zeit selig im Wohnhaus in Vohenstrauß, wo im Parterre die Großeltern wohnen. Die Kindsmutter animiert für die "Befreiungsaktion" ihre beste Freundin aus dem Raum Neustadt und deren Weidener Spezl.

Was dann folgt, beschreibt die Anklage von Staatsanwalt Rainer Lehner: In "Rambo-Manier" dringen die 35-jährige Hausfrau und der 30-jährige Lagerist in die Wohnung der Großeltern ein. Bei ihnen schläft in dieser Nacht der sechsjährige Sohn der Freundin. Mit der Handy-Taschenlampe leuchtet der angetrunkene 30-Jährige die drei Schlafenden an. Der Opa fährt hoch, als er auch schon an das Bettgestell geschleudert wird. "Kennen Sie Aktenzeichen XY?", fragt der Rentner den Richter. "Das habe ich live erlebt."

Tat mit Kind auf dem Arm

Es gelingt dem Großvater, den Fremden vor die Tür zu schieben. Dafür schlüpft an ihm die 35-jährige Frau in die Wohnung, die im Treppenhaus gewartet hat. Sie schnappt sich den Sechsjährigen, was die Oma nicht zulassen will: "Der bleibt da, den lass' ich nicht entführen." Die unbekannte junge Frau teilt kräftig aus. Mit dem Kind auf dem Arm greift sie der 59-Jährigen an den Hals, stößt sie zwischen Couchtisch und Sofa.

Der Arzt attestiert Würgemale, Kratzspuren, Hämatome. Die beiden minderjährigen Töchter, die allein im ersten Stock genächtigt haben, sitzen schon draußen im Auto. Auch der Kindsvater ist inzwischen vom Fasching heimgekehrt. Den Schlamassel löst schließlich die Polizei.

Der angeklagte 30-Jährige verteidigt sich damit, dass ihn der Rentner zuerst "geschuggert" habe. Richter Windisch: "Was erwarten Sie, wenn Sie nachts jemanden ins Gesicht leuchten? Wenn Sie Pech haben, langt er in den Nachtisch, nimmt eine Pistole und legt Sie um." Die 35-jährige Angeklagte schiebt die Schuld der Kindsmutter zu: "Ich bereue es, dass ich mich vor der Karren habe spannen lassen." Anwalt Marc Steinsdörfer bringt zu ihren Gunsten an, dass sie tatsächlich von einer Gefährdungssituation für die Kinder ausgegangen sei: Anders sei ihr "völlig absurdes" Verhalten nicht erklärbar. Er plädiert auf Geldstrafe.

Haftstrafe für Hausfrau

Nebenklagevertreter Rouven Colbatz sieht das erheblich anders: "Alles wurscht. Unterm Strich bleibt: Man geht hier nachts in ein Schlafzimmer, in dem drei Leute schlafen. Darunter ein sechsjähriges Kind." Richter Windisch verhängt exakt die vom Staatsanwalt geforderten Strafen: 8 Monate Haft auf Bewährung für den elffach vorbestraften Lageristen, der nicht unter Bewährung stand. Die arbeitslose 35-Jährige wird zu einer Haftstrafe von zehn Monaten "ohne" verurteilt. Sie stand unter laufender Bewährung nach einer Verurteilung 2015 wegen sexueller Nötigung bei einem privaten Dessousabend. Anwalt Steinsdörfer kündigt Berufung an.

Das Ende? Das Ehepaar befindet sich nach einigen Versöhnungsversuchen im Trennungsjahr. Die drei Kinder leben im Heim. Das Kreisjugendamt hat das Aufenthaltsbestimmungsrecht. Ohnehin merkt Windisch an: "Das mit dem Kindswohl nimmt man hier allgemein nicht so genau." Auch zwei Kinder der Angeklagten wachsen im Heim auf, die anderen beiden beim Ex-Mann.

Die Großeltern schlafen bis heute schlecht. Sie haben sich nach der Tat wieder einen Hund angeschafft. Nur: "Wenn der nachts bellt, ist meine Frau schweißgebadet", sagt der Rentner. Teil des Urteils ist die Zahlung von 1500 Euro Schmerzensgeld an das Paar durch den Lageristen.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.