27.10.2017 - 19:06 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Anfang 2018 schließen zwei inhabergeführte Uhrengeschäfte in Weiden Die Zeit läuft ab

Es gibt Gemeinsamkeiten: Zwei Weidener Uhrengeschäfte schließen Anfang 2018. Beide gibt es seit 68 Jahren. Beide Inhaberfamilien haben viel zu erzählen. Bei Uhren Leinert führte ein Missverständnis nach dem Zweiten Weltkrieg zur Eröffnung. Bei Uhren Heinz bringt ein Raubüberfall das vorgezogene Aus.

Werner Schlegel in seinem Schmuck- und Uhrenhandel Heinz. Er ist Goldschmiedemeister mit Leib und Seele, freut sich aber auf den Ruhestand.
von Redaktion OnetzProfil

Ob Fritz Heinz 1949 ahnte, dass sein Uhrengeschäft 68 Jahre später immer noch für Kunden offensteht? Das kann Werner Schlegel, heutiger Inhaber des Schmuck- und Uhrenhandels in der Ringstraße, nicht beantworten. Anfang 2018 schließt er für immer seine Pforten. 1970 haben seine Eltern den Laden übernommen. Den Namen "Uhren Heinz" haben sie beibehalten, er war bekannt in der Stadt. Fünf Jahre später zog es auch den gebürtigen Fürther Goldschmiedemeister nach Weiden. 1994 übernahm er das Geschäft.

Ruhestand nach Überfall

"Früher sind die Leute am Samstag vor dem Geschäft Schlange gestanden", erzählt Schlegel. Das Kaufverhalten der Leute habe sich in den letzten Jahrzehnten verändert. "One-Brand-Läden", in denen nur eine bestimmte Marke vertreten ist, treten in Konkurrenz zu Vollsortimentern wie ihm. Immer mehr bestellen auch online. Beratung und Anpassung von fachkundigen Verkäufern kann das nicht ersetzen. "Oft kommen Leute mit Uhren aus dem Internet, die nicht passen. Ich passe sie dann an. Aber wie soll man sowas berechnen?"

Die Konkurrenz und das Internet sind aber nicht die Gründe, warum die Zeit für Uhren Heinz abläuft. Kunden habe er noch genug. Schlegel plante den Eintritt in den Ruhestand eigentlich erst für nächstes Jahr, wenn er 63 Jahre wird. Der Raubüberfall auf sein Geschäft mit Körperverletzung Anfang September gab für ihn den Ausschlag, schon früher die Zelte abzubrechen. Außerdem setze ihm die Baustelle des Einkaufszentrums "Noc" direkt vor seiner Haustüre langsam zu. "Ich glaube nicht, dass das in nächster Zeit besser wird. Da hören wir lieber gleich auf." Durch den Bauzaun und die schwierige Parkplatz- und Verkehrssituation gehen ihm Kunden ab.

1949, nur wenige Jahre nach Kriegsende, war offenbar das "Uhrenjahr" für Weiden. Auch Hans Leinert eröffnete in Weiden ein Uhrengeschäft. Das beruht eigentlich auf einem Missverständnis: Der Dresdner war 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft in Cham geraten. An der Bettwäsche im Gefangenenlager fallen ihm kleine Uhren auf, die daran befestigt sind. Die Wäschestücke kommen von Witt Weiden. Dass dort Textilien produziert werden, ahnt Leinert nicht. Er schließt aus den Uhren, dass Witt eine Uhrenfabrik sein muss. Für den gelernten Uhrmachermeister ein Lichtblick. Er will unbedingt nach Weiden zur Uhrenfabrik, um dort zu arbeiten. Dafür bricht er aus dem Lager aus.

In Weiden angekommen, ist die Enttäuschung erst mal groß. Witt kann mit einem Uhrmachermeister nicht viel anfangen. Hans Leinert wäre hochqualifiziert, aber in einer ganz anderen Branche. Vor dem Krieg verbrachte er seine Lehrzeit in Glashütte (Ostdeutschland) bei Lange & Söhne, deren Uhren heute nicht unter 1000 Euro über die Ladentheke gehen. Kurzerhand eröffnet Leinert 1949 sein eigenes Uhrengeschäft in der Nähe des Josefshauses.

1955 zog er in die Türlgasse um, wo das Geschäft bis heute existiert. Als Leinert senior 2000 verstarb, übernahm Sohn Jürgen den Familienbetrieb, ebenfalls Uhrmachermeister. Er hatte sich sein Leben lang auf die Übernahme vorbereitet. "Angestellte hatten wir nie. Wir sind ein reines Familienunternehmen." Mitinhaberin ist seine Frau Ingrid. Seit 1980 steht ihm die gelernte Bürokauffrau auch beruflich zur Seite. Vom Kettenknüpfen bis zur Buchhaltung - die beiden übernehmen alle Aufgaben. Jürgen Leinerts Spezialität ist die Restaurierung antiker Uhren. "Von München bis Berlin habe ich Kunden. Die wissen jetzt nicht mehr, wohin mit ihren Uhren. In den Großstädten finden sich kaum mehr Uhrmacher."

Obwohl das Ehepaar Leinert einen Sohn hat, wird der Familienbetrieb nun aufgegeben. "Das wäre nichts für unseren Sohn gewesen. Man muss schon feinmotorisch und handwerklich begabt sein und eine Leidenschaft dafür haben", so Leinert. Mit 68 und 66 Jahren freuen sich die beiden auf den Ruhestand.

Postbote auf Diebesjagd

Eine Anekdote aus dem Geschäftsleben? "Da könnten wir ein ganzes Buch schreiben", lacht Ingrid Leinert und ihr Mann gibt ein Beispiel: "Einmal bin ich einem Ladendieb hinterhergerannt, aber ich konnte ihn einfach nicht einholen. Da kam gerade der Postbote mit dem Rad." Leinert rief: "Schnell, fahr dem hinterher, der hat was geklaut!" Der Postmann trat in die Pedale. Der Dieb ließ die Beute fallen und verschwand. "Kurios ist auch, was die Leute alles zur Reparatur bringen. Regenschirme, Scheren und sogar Dessous. Solche, mit feinen Kettchen dran. Alles wird zum Uhrmacher gebracht."

Bis Anfang 2018 ist das sowohl bei Uhren Heinz als auch bei Uhren Leinert möglich. Bis dahin läuft auch der Ausverkauf.

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