13.10.2017 - 18:30 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Anwohner will Schnellfahrer in verkehrsberuhigter Zone stoppen Nicht zu bremsen

Thomas Eder wohnt mit seiner Familie in der Böhmerwaldstraße. Ein verkehrsberuhigter Bereich, in dem Kinder auf der Straße spielen dürfen. Eigentlich. Doch neun von zehn Autos sind dort zu schnell. Deshalb dreht Eder jetzt auf.

Für eine sichere Böhmerwaldstraße: Anwohner Thomas Eder (49) sammelt Unterschriften. Bild: Schönberger
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

"Das kann doch nicht sein", sagt er. Immer und immer wieder. 1872 von 1992 Autos, die binnen einer Woche in einer verkehrsberuhigten Zone zu schnell fahren: "Das kann doch nicht sein." Polizisten und Politiker, die nichts dagegen unternehmen: "Das kann doch nicht sein." Eine Stadtverwaltung, die Autofahrer lediglich nett "bittet", sich an die Regeln zu halten: "Das kann doch nicht sein." Und das kann ganz sicher nicht sein, dass sich Thomas Eder einfach damit abfindet.

Seit vier Jahren wohnt er mit seiner Familie in einer Doppelhaushälfte in der Böhmerwaldstraße in Weiden-Ost. Die Zustände dort empfindet er als untragbar. Als lebensgefährlich für seine Kinder, 12 und 10 Jahre alt, die laut Gesetz ja eigentlich mitten auf der Straße spielen dürfen. Gerade vor dem Zuhause der Eders aber verläuft die Fahrbahn über insgesamt 250 bis 300 Meter "kerzengerade". Es gibt Wagenlenker, die dort mit bis zu 80 Sachen unterwegs sind - statt mit der vorgeschriebenen Schrittgeschwindigkeit (5 bis 9 Stundenkilometer). Auch das ist ein Ergebnis der Testmessung, welche die Stadt kürzlich vornehmen ließ. Hauptaussage: 94 Prozent der Fahrzeuge sind zu schnell dran. 94 Prozent!

Als hätte es Eder nicht gewusst. Bereits seit längerem spreche er immer wieder Verantwortliche und Bekannte bei der Stadtverwaltung auf den Missstand an. "Aber keiner stellt sich der Verantwortung und unternimmt etwas dagegen." Auch nicht die Polizei, von der er den Rat erhalten habe: "Schießen's halt öfter mal den Ball raus." Einer seiner Vormieter habe ja Tennisschläger nach den Rasern geworfen, erzählt Eder. Er selbst geht nun lieber von Haus zu Haus, sammelt Unterschriften. Die Liste mit 20 bis 30 Unterstützer-Autogrammen will er demnächst dem Oberbürgermeister übergeben.

Die Straße war 1992 eine der ersten verkehrsberuhigten Zonen in Weiden. Sie ist rot gepflastert, doch das allein bremst die Autofahrer natürlich nicht her. Eder erkennt mehrere Fehler - und unterbreitet folgende Lösungsvorschläge:

Elemente zur Fahrbahnverengung wie Steine und in die Fahrbahn versetzte Parkbuchten. Denn die über weite Strecken gute Übersichtlichkeit und Geradlinigkeit verleiteten zum Schnellfahren.

Linksabbiegeverbot auf der Vohenstraußer Straße. Oft diene die Böhmerwaldstraße als Verbindungsstraße zwischen Vohenstraußer Straße und Tangente, sagt Thomas Eder. Verkehrsteilnehmer, die aus Richtung Osten kommen, dürfen nicht von der Vohenstraußer Straße in den Hopfenweg (Tempo 30) einscheren. Bleibt also bisher nur die Böhmerwaldstraße als Abkürzung. Die offizielle Zahl von bis zu 2000 Fahrzeugen pro Woche lässt auch eher auf Durchgangsverkehr schließen als auf Verkehrsberuhigung.

Die Wertstoffinsel an der Ecke Böhmerwald-/Biberstraße soll versetzt werden. Auch sie ziehe Verkehr in die Spielstraße.

Tempokontrollen : Die Kommunale Verkehrsüberwachung habe in der Böhmerwaldstraße noch nie geblitzt, moniert Eder. Stadtsprecher Norbert Schmieglitz erinnert auf NT-Anfrage an die erklärten Schwerpunkte: "Altenheime, Kindergärten, Schulen, Bushaltestellen". Die Böhmerwaldstraße sei im übrigen nicht als Unfallschwerpunkt bekannt. Dennoch kündigt Dezernent Hermann Hubmann an: "Ab sofort wird kontrolliert - auch scharf." Falls sich keine Verbesserung des Fahrverhaltens ergäbe, so Schmieglitz, würden "dann weitere Maßnahmen sicherlich auch baulicher Art zu erörtern sein".

Die Stadt müsse der Testmessung jedenfalls noch andere Taten folgen lassen als eine öffentliche "Bitte" an Schnellfahrer, fordert Eder. Für sich selbst hat er diesen Schluss längst gezogen, nicht nur mit der Unterschriftenaktion. Jede Woche will er fortan Mails ins Rathaus schicken: "Wieder sind 1870 Autos zu schnell gefahren. Wann unternehmen Sie etwas dagegen?" Denn falls wirklich einmal etwas passiert, will der 49-Jährige belegen können, dass er regelmäßig auf die Gefahr hingewiesen hat. "Dann steht die Stadt in der Haftung."

Mit seinem Engagement macht sich Thomas Eder nicht nur Freunde in der Nachbarschaft. Eine ganze Reihe von Verkehrssündern lebe eben dort, weiß er. "Eigentlich fahren nur drei Anwohner Schrittgeschwindigkeit." Ein entfernter Bekannter, dem er auf der Straße in die Quere kam, habe ihn angeherrscht: "Nächstes Mal fahre ich Sie tot!" Eder überlegt ernsthaft, sich mit einem Schild an den Straßenrand zu stellen. Langsamen Fahrern würde er einen "Smiley" zeigen, den anderen die Rückseite - ein Gesicht mit den Mundwinkeln nach unten. "Und wenn ich mich zum Deppen mache - Hauptsache, es bringt was." Keiner hält sich an Regeln, und niemanden schert's? "Das kann doch gar nicht sein."

Kommentar

Beunruhigend

Von Ralph Gammanick

Verkehrsberuhigter Bereich, auch genannt "Wohnstraße" oder "Spielstraße". Die Böhmerwaldstraße im Weidener Osten verdient kaum einen dieser Titel. Ist die Straße "verkehrsberuhigt", wenn sie rund 2000 Autofahrer pro Woche befahren - und 94 Prozent davon zu schnell? Ist sie eine "Spielstraße", wenn das Spielen auf der Fahrbahn lebensgefährlich ist? Unbequeme Fragen, die sich nicht nur die Planer stellen müssen, sondern auch viele Anwohner. Eine ganze Reihe von Temposündern dürfte sich in ihren Reihen finden.

An Schrittgeschwindigkeit müssten sie sich halten. Gerade mal fünf bis neun Kilometer pro Stunde wären erlaubt. Das fällt schwer, wenn die Strecke schön breit, übersichtlich und abschüssig ist und als Abkürzung herhalten soll. Anwohner Thomas Eder fordert zu Recht Konsequenzen aus der jüngsten "Testmessung" der Stadt. Die kündigt nun ordentliche Tempokontrollen mit Strafen für Verstöße an - und das ist auch das Mindeste. Saftige Bußgelder dürften die Neigung zum Rasen sicher bremsen. Und mehrwöchige Fahrverbote tragen sogar zwangsläufig zur Verkehrsberuhigung bei.

ralph.gammanick[at]oberpfalzmedien[dot]de

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