09.03.2018 - 14:22 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Aus dem Nichts - Weidener Filmgespräche im Neue-Welt-Kinocenter Ein Film voller Wucht

Die mobile Beraterin gegen Rechtsextremismus, Agnes Scharnetzky, fand es irritierend, dass Fatih Akin in seinem preisgekrönten Film "Aus dem Nichts" mit Diane Kruger als Opfer eine weiße Frau mit dem Rechtsextremismus konfrontierte. Sie habe den Film vorher schon einmal gesehen, sagte sie am Mittwoch bei den "Weidener Filmgesprächen" im Neue-Welt-Kinocenter. Beim ersten Mal sei ihr das gar nicht aufgefallen.

Der Vorsitzende der Katholischen Erwachsenenbildung, Peter Schönberger (links), stellt provokante Fragen. Auf dem Podium Veit Wagner (rechts) von "Weiden ist bunt" und Agnes Scharnetzky von der mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus. Bild: Kunz
von Autor UZProfil

Der Vorsitzende der Katholischen Erwachsenenbildung Peter Schönberger wagte die provokante Frage: "Was glauben Sie, wie hätten Sie reagiert, wenn die Frau eine Türkin gewesen wäre?" Der Film sage viel über Recht und Gerechtigkeit aus, glaubte Scharnetzky. "Gerechtigkeit ist subjektiv und Recht objektiv."

In dem mit einem Golden Globe ausgezeichneten Film wurden vermeintliche Attentäter aus der Neonazi-Szene mangels eindeutiger Beweise freigesprochen. Diane Kruger spielt die Frau eines Kurden, der zusammen mit ihrem Sohn bei einem Sprengstoffanschlag ermordet wurde. Der Film, der sich an die NSU-Morde anlehnt, zeige, wie tragisch die Taten für die Angehörigen der Opfer gewesen waren, so die Expertin. Denn in der Öffentlichkeit gehe es ständig nur um die Täter. "Da hatte man Väter und Söhne verloren, und in der Gesellschaft spielte es keine Rolle, wie es den Angehörigen geht." Stattdessen sei es immer nur darum gegangen, welchen Anteil die Opfer durch ihren Lebenswandel an den Taten gehabt hätten. "Der Film lässt einen wortlos zurück", stellte Integrationsbeirat Veit Wagner vom Bündnis "Weiden ist bunt" fest. "Es ist eine Wucht der Dinge, die da stattfindet." Regisseur und Autor Akin spiegle mit Brillanz und Schärfe das entsetzliche Erlebnis dieser Frau wider, die von Diane Kruger gespielt werde. Der Film lasse viele Fragen offen, auch die, ob das Nazi-Pärchen wirklich Täter war oder ob das nur nach dem subjektiven Empfinden der Frau der Fall war. "Für mich macht der Film sehr intensiv deutlich, was diese NSU-Morde eigentlich ausgelöst haben." Von den Opfern habe man viel zu wenig gehört. "Das waren nicht die anderen. Das waren Menschen aus dieser Gesellschaft." Leute, die integriert gewesen seien, die als Unternehmer verantwortungsvolle Positionen eingenommen hätten. In dieser Geschichte habe man exemplarisch zwei Täter und ein Hinterbliebenen-Opfer herausgegriffen. "In Wirklichkeit waren es viel mehr", sagte Scharnetzky. Trotzdem meinte sie: "Ein ganz krasser Bezug zur NSU-Situation."

Der Film sei kein politischer, wolle aber wachrütteln, bemerkte Wagner, der dem schleppenden Prozess in München durchaus auch Verständnis entgegenbrachte. "Man muss die Juristen verstehen, die wollen keinen Fehler machen, den man ihnen hinterher anlasten könnte." Man müsse sich aber schon die Frage stelle: "Wodurch entsteht dieser Prozess, der bis zu diesen Morden führt?" Und weiter: "Die Probleme wachsen natürlich. Es gibt ja auch unerfreuliche Vorgänge." Schönberger gab den Zuschauern am Schluss einen Denkanstoß als "Hausaufgabe" mit: "Was wäre, wenn Beate Zschäpe freigesprochen würde?"

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