03.11.2017 - 20:10 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Bei Medizinstudium Durchhaltevermögen gefragt Traumberuf nur mit Traumnote

Wer Arzt werden will, braucht Durchhalte- vermögen. Das Studium dauert lange und ist lernintensiv. Doch damit nicht genug: Wer kein Einser-Abitur vorweisen kann, muss im ungünstigsten Fall länger auf einen Studienplatz warten, als die Ausbildung an der Universität dauert.

Auf jeden Studienplatz für Humanmedizin kommen in Deutschland zwischen vier und fünf Bewerber. Bild: Britta Pedersen/dpa
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Amberg/Weiden. Fast überall liegt der Numerus Clausus (NC) für ein Studium der Humanmedizin inzwischen bei einem Abiturschnitt von 1,0 - auch in Bayern (siehe Infokasten). Wer sein Abitur 2017 mit einem Durchschnitt von 2,6 abgelegt hat, muss inzwischen mit 14 Semestern oder sieben Jahren Wartezeit rechnen, bis er sein Studium aufnehmen kann. Damit wartet der Bewerber aber länger, als die Regelstudienzeit von 12 Semestern beziehungsweise sechs Jahren beträgt. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entscheidet nun darüber, ob das noch rechtens ist.

Die Kritik an der Vergabe der Studienplätze in Abhängigkeit von der Abiturnote ist indes nicht neu. Der Ärztliche Direktor des Klinikums St. Marien in Amberg, Dr. Harald Hollnberger, sagt denn auch: "Ich würde mir wünschen, dass nicht nur der Abiturschnitt alleine entscheidet, sondern auch andere Faktoren mit einfließen." Man müsse in der Medizin zwar einiges wissen, aber es komme ebenso auf die soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz der künftigen Ärzte an.

Das prüfe jedoch auch der "Test für Medizinische Studiengänge", kurz TMS, nicht. Wer in diesem bundesweit einheitlichen Verfahren überdurchschnittlich gut abschneidet, kann seine Abiturnote nachträglich senken. Das Testergebnis fließt momentan an 22 der 35 deutschen Hochschulen, die ein Medizinstudium anbieten, in die Bewerberauswahl mit ein.

Frauen im Vorteil

Dr. Hollnberger setzt bei der Auswahl der Stipendiaten, die das Klinikum Sankt Marien im Studium finanziell unterstützt, auch auf andere Kriterien als nur auf gute Noten. "Wir prüfen in einer Jury zu dritt Verschiedenes bei den Bewerbern ab", sagt der Facharzt für Anästhesiologie. Als er selbst Medizin studiert habe, sei der NC noch nicht so niedrig und eng eingegrenzt gewesen. "Durch die jetzige Situation sind außerdem Frauen im Vorteil, weil sie einfach die besseren Abiturnoten haben", gibt Hollnberger noch zu bedenken.

Das sagt auch Prof. Karl-Heinz Dietl, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Thorax- und Visceralchirurgie am Klinikum Weiden: "Mädchen haben durch den niedrigen NC Vorteile." Als Folge seien inzwischen über 70 Prozent der Medizinstudenten in Deutschland weiblich - "früher waren es vielleicht zehn Prozent". Da Ärztinnen jedoch bezogen auf die Lebensarbeitszeit weniger lange arbeiteten als ihre männlichen Kollegen, komme es in der Folge zu einem Ärztemangel. "Das spielt vor allem in meinem Fachgebiet, der Chirurgie, eine große Rolle."

Dietl: Keine Objektivität

Trotzdem hält Professor Dietl das jetzige Auswahlverfahren für das bestmögliche. "Es gibt keine objektivere Methode." Eine gute Abiturnote erreiche nämlich nur, wer bereit sei, über einen längeren Zeitraum sehr viel zu lernen. "Alle anderen Tests dauern wesentlich kürzer und man kann sich auch besser darauf vorbereiten." Hinzu komme, dass es ohnehin kein Prüfverfahren für Altruismus gebe. Persönliche Auswahlgespräche an der Uni hält der Chefarzt für zu subjektiv - "wo Menschen sind, da menschelt es halt". Dietls Fazit fällt daher eindeutig aus: "Die Abiturnote ist nur sehr schwer durch einen anderen validen Test zu ersetzen."

Dr. Günter Opel, Internist in Weiden, empfindet die gängige Regelung hingegen als wenig hilfreich, um geeignete Mediziner zu rekrutieren: "Ich glaube, das kann nicht so bleiben." Der niedergelassene Mediziner hält eine Vergabequote der Studienplätze nach der Abiturnote in Höhe von 50 Prozent für ausreichend: "Den Rest sollte man anders vergeben, etwa an Bewerber, die Praktika in der Kranken- oder Altenpflege gemacht haben."

Wer schon einmal längere Zeit Umgang mit Schwerkranken gehabt habe, könne auch leichter beurteilen, ob er sein Leben lang einen medizinischen Beruf ausüben wolle. Außerdem fördere die derzeitige Praxis ein "Zweiklassensystem": "Wohlhabende Studenten können ja immer noch an Hochschulen in anderen Ländern ausweichen." (Angemerkt)

Ich würde mir wünschen, dass nicht nur der Abiturschnitt alleine entscheidet, sondern auch andere Faktoren mit einfließen.Dr. Harald Hollberger, Ärztlicher Direktor am Klinikum St. Marien in Amberg
Die Abiturnote ist nur sehr schwer durch einen validen Test zu ersetzen.Prof. Karl-Heinz Dietl, Chefarzt für Chirurgie am Klinikum in Weiden

Angemerkt von Elisabeth Saller

Jungs sind zu faul

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.