13.03.2018 - 15:02 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Der Fall Kurt Hoffmeister Jugendliche sterben im Wald bei Stadlern

Dieser Waldboden ist getränkt mit dem Blut junger Menschen. Sie starben in Höhe Stadlern auf tschechoslowakischem Gebiet, nahe der Ortschaft Rybník nad Radbuzou. Der Schüler Oldrich Chvojka war erst 13 Jahre alt, als 1966 sein Fluchtversuch misslang. Fast exakt an der gleichen Stelle wurde 1977 der 22-jährige DDR-Bürger Kurt Hoffmeister von der Grenzwache erschossen.

Tragödien im dichten Böhmerwald: Im Naturschutzgebiet Nad Hutí im Böhmerwald starben in den 60er und 70er Jahren zwei junge Männer. Bild: exb/Petr Brož
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Hoffmeisters Tod ist Teil der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Weiden. Der 22-Jährige aus Eisenhüttenstadt war 1977 mit seinem Arbeitskollegen Harald Steinkraus aus dem "Kombinat Ost" unterwegs. Der Plan sieht vor, den "Urlaub" im Bruderstaat Tschechoslowakei zur Flucht in den Westen zu nutzen. Die Männer wählen den dichten Wald im Bezirk Domažlice für ihr Vorhaben. Sie scheitern am scharf bewachten Eisernen Vorhang: der tödlichsten Grenze Europas, mit mehr Opfern als an der innerdeutschen Trennlinie. Hoffmeister und Steinkraus graben sich unter dem Sperrzaun hindurch. Sie verursachen dabei einen Kurzschluss. Das Signal piept und blinkt sofort in der Alarmzentrale der Grenzwachen-Unterkunft Bernstein auf. Die übliche Maschinerie läuft an: Eine Streife mit Hund macht sich auf den Weg. Gleichzeitig rückt die Kompanie an die Grenze vor.

Um 10.45 Uhr wird Kurt Hoffmeister von Schüssen getroffen. Der 22-Jährige bleibt am Boden liegen, hält sich die Wunde. Blut fließt aus seinem Mund. "Ich sah, dass er eine Hilfe nicht mehr brauchte", gibt ein tschechoslowakischer Grenzsoldat später zu Protokoll. Sein Kumpel wird 13 Minuten später festgesetzt, weit entfernt von Hoffmeister. Steinkraus wird verhört, an die DDR zurück überstellt und inhaftiert. 2005 sagte er aus, dass er erst sehr viel später erfahren habe, was mit seinem Freund Kurt passiert sei. Zehn Jahre sei man schon befreundet gewesen. Man sei sich immer einig gewesen, gemeinsam in den Westen zu wollen. Zumindest für Harald Steinkrauss wurde dieser Lebensplan noch wahr: Er konnte nach mehreren Reiseanträgen 1982 in die BRD übersiedeln.

Schüler erschießt sich

Die Stelle, an der Hoffmeister verblutete, liegt etwa 500 Meter entfernt vom Ort eines ungewöhnlich tragischen "Grenzzwischenfalls" elf Jahre zuvor. 1966 unternahmen der Schüler Oldrich Chvojka (13), sein Nachbar Jaroslav (17) und dessen Freundin Marie (16) einen völlig verkorksten Fluchtversuch. Alle drei stammen aus dem nordböhmischen Nest Stankovice. Der Älteste, Jaroslav, arbeitet schon, hat aber Probleme an seiner Arbeitsstelle. Oldrich kommt in der Schule nicht klar. Das Trio plant die Flucht. Oberschülerin Marie stiehlt dazu ihrem Vater, einem Soldaten, den Revolver mit Patronen.

Soldat außer sich

Die drei ziehen über Felder und durch Wälder. Sie schlafen in Heuhaufen und verlassenen Häusern der fast entvölkerten Sperrzone, ehe sie sich an den Eisernen Vorhang wagen. Es ist abgemacht, dass im Fall einer drohenden Festnahme jeder Selbstmord begehen würde. Das Unglück nimmt seinen Lauf am 9. Februar 1966 gegen 20.30 Uhr: Grenzsoldaten und ein Waldarbeiter bemerken nahe des Grenzdorfes Stará Hut die beiden jungen Männer und die Frau. Sie informieren die PS (Grenzwache) Bernstein bei Rybník. Fünf Soldaten rücken aus. Gegen 22.15 Uhr holt der Hundeführer die Flüchtlinge ein.

Vor den Augen dieses jungen Grenzsoldaten spielt sich ein Drama ab: Alle drei Jugendlichen nehmen sich in schneller Folge die mitgebrachte Waffe, setzen sie am Kinn auf und drücken ab. Erst Oldrich. Dann Marie. Ihr Freund Jaroslav glaubt, sie sei tot - "und ohne sie hätte das Leben keinen Sinn mehr" - und schießt sich ebenfalls in den Kopf. Oldrich stirbt. Das Paar überlebt schwer verletzt (Verletzungen an Kiefer, Zunge, Nasenwurzel, Zähnen) und kann wochenlang nicht vernommen werden.

Die Reaktion des Grenzsoldaten spricht Bände: Er soll immer wieder die Sätze "Ihr seid jung, ihr seid dumm" geschrieen haben. Dann feuert er sein komplettes Magazin leer und ruft um Hilfe. Dann nimmt er die Waffe der jungen Leute vom Boden und verschießt alle übrigen Patronen. "Ich war sehr aufgebracht", sagte der Soldat später. "Was für ein Mist." Er leistet Erste Hilfe, bis Verstärkung eintrifft. Schon die Planung einer Flucht ist in der CSSR eine Straftat. Gegen die beiden jungen Leute wird ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, das aber aufgrund des jugendlichen Alters eingestellt wird.

Historiker Prokop Tomek hat den Fall für das "Institut für das Studium totalitärer Regime" (ÚSTR) in Prag aufgearbeitet. Für ihn gehört der Tod von Oldrich Chvojka und der Suizidversuch seiner Freunde zu den markantesten Geschichten an der Staatsgrenze. Die Dokumentation sei so umfassend (Zeugenaussagen auf beiden Seiten), dass kein Zweifel am Hergang bestehe.

Tote an der Grenze

Die Staatsanwaltschaft Weiden ermittelt zum Tod von fünf DDR- Bürgern am Eisernen Vorhang zwischen 1948 und 1989. Eine Serie im "Magazin am Wochenende" stellt die fünf Opfer vor, die Gegenstand der Ermittlungen sind, diese Woche zum Abschluss Kurt Hoffmeister. Online sind alle Folgen abrufbar: www.onetz.de/themen/grenzschützen-verfahren.html

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