09.02.2018 - 20:00 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Der Fall Richard Schlenz Tot im Grenzfluss

Vier junge Burschen haben im Sommer 1967 die Nase voll. Ein Lehrer, ein Schlosser, ein Bäcker, erst 18, - und der Metallformer Richard Schlenz (28), der älteste des munteren Quartetts. Die vier Leipziger glauben, was Landsleute erzählen: An der CSSR-Grenze sei der Schießbefehl aufgehoben.

von Christine Ascherl Kontakt Profil

Für ihre Flucht wählen sie die Umgebung der Burg Devín. Zu Füßen der Feste schlängelt sich der Grenzfluss March zwischen der Slowakei und Österreich. Lehrer Jörg P. hat hier schon einmal Urlaub gemacht. Eine Straße führt entlang des Signalzauns. Es ist Sonntagnachmittag, 27. August 1967. Die Burschen fahren dicht heran, klettern aufs Autodach und springen über die zwei Meter hohe Stacheldrahtwand. Dann rennen die Vier den Hang hinunter zum Ufer und springen in die March. Der träge Fluss ist etwa 40 bis 50 Meter breit.

Die Leipziger wollen zum österreichischen Ufer schwimmen - und werden von der tschechoslowakischen Grenzwache bemerkt. Mehrere Grenzsoldaten setzen sich in Bewegung. Ein 20-jähriger Wachmann schießt mit dem Sturmgewehr in den Fluss. Die Flüchtenden kommen an der Sandbank an, die dem österreichischen Ufer vorgelagert ist. Drei der Männer gelingt es, sich hinter ein Steinmäuerchen zu kauern. Richard Schlenz erleidet einen Kopfschuss. Er gleitet ins Wasser und geht unter.

Derweilen schlüpfen zwei CSSR-Grenzsoldaten aus den Hosen und springen in die March. Sie schwimmen den Flüchtlingen hinterher in Richtung Sandbank. Einer hat sich das Bajonett zwischen die Zähne geklemmt, um zum Schwimmen die Hände frei zu haben. Die Leipziger bekommen indessen "Verstärkung". Ein Angler hat die Schüsse gehört und ist zur Sandbank geeilt. Er schreit sich die Seele aus dem Leib: Die Grenzwachen sollen verschwinden. Hier ist Österreich. Erst der Offizier auf einem tschechoslowakischen Patrouillenboot ruft die Verfolger schließlich zurück.

Der Vorfall gerät zum internationalen Skandal. Auf österreichischem Gebiet finden sich zehn Einschüsse aus automatischen Waffen tschechoslowakischer Herkunft. Die österreichischen Grenzer finden am nächsten Tag den treibenden Leichnam von Richard Schlenz. Die Regierung formuliert schärfste Protestnoten. Zeitungen fordern die Auslieferung der Täter. Die Österreicher sagen die Beteiligung an drei Sportveranstaltungen in der Tschechoslowakei ab. Der Vizekanzler cancelt den Besuch einer Messe in Brünn.

Soviel Empörung kommt nicht von ungefähr: Innerhalb von 14 Tagen war es zu drei spektakulären Fluchten gekommen, bei denen Österreicher gefährdet waren. Am 13. August 1967 kriecht eine achtköpfige tschechoslowakische Familie unter dem Schlagbaum durch und rennt 70 Meter zum Zollhaus Gmünd. Das Ehepaar mit zwei Töchtern, drei Söhnen und einem Enkelkind wird beim Spurt ins Waldviertel beschossen. Fünf sind verletzt. Der zwölfjährige Sohn bleibt zurück, darf später aber ausreisen. Fünf Projektile stecken in der Mauer des österreichischen Zollhauses, unmittelbar unter dem Fenster eines Dienstzimmers.

Ein dritter Zwischenfall am 31. August gießt weiter Öl ins Feuer. 200 Meter oberhalb der March-Mündung versuchen ein Tscheche und ein Pole, den Fluss zu durchschwimmen. Die Grenzwachen eröffnen das Feuer. Der Pole kommt lebend nach Österreich, der Tscheche wird abgetrieben.

Die "Platform of European Memory and Conscience" hat Strafanzeige gegen 67 Beschuldigte erstattet, denen der Mord an fünf Deutschen am Eisernen Vorhang zwischen 1948 und 1989 zur Last gelegt wird, darunter Richard Schlenz. Der Bundesgerichtshof hat das Landgericht Weiden für zuständig erklärt. Die Staatsanwaltschaft Weiden hat Ermittlungen aufgenommen.

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