18.08.2017 - 20:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Der Leseranwalt schreibt Meinungen sind immer Ansichtssache

Post? Immer vorhanden. Kritik an der Zeitung? Immer wieder, aber meistens über der Gürtellinie. Beschwerden? Nicht immer. Anregungen? Immer mal. Lob? Immerhin gelegentlich. Leseranwalt zu sein ist ein spannender neuer Job. Die Mail-Box hat sich längst gefüllt. Daraus drei Kostproben.

Vom Druckzentrum Oberpfalz in Weiden aus gehen die fertigen Ausgaben (Der neue Tag, Amberger Zeitung, Sulzbach-Rosenberger Zeitung) auf die Reise zu den Lesern. Und die beschäftigen sich teilweise sehr intensiv mit ihrer Zeitung. Was wir übrigens sehr gut finden! Archivbild: Gerhard Götz
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Weiden/Amberg. Zuvor vielleicht: Viele Leser melden sich per Telefon. Ein Gespräch dauert schon mal 30 oder gar 45 Minuten. Und ihn gibt es auch noch: den Brief. Handgeschrieben. Kommt aber nicht so häufig vor. Nun die kleine Auswahl, was unsere Leser so bewegt (hat).

Das Anliegen: "Seit geraumer Zeit stellen wir fest, dass offenbar aus kommerziellen Gründen die Werbung im NT permanent zunimmt. (...) Wir halten eine derartige Werbung in der Tageszeitung für völlig überflüssig, da die gleiche Werbung täglich bzw. wöchentlich allen Haushalten in ihren Briefkästen zugestellt wird. In der Montagausgabe des NT findet man nahezu ausschließlich die Berichte vom Sport. Als Sport-Nichtinteressierte wird das für uns langsam eine Zumutung! Könnte man die Montagausgabe beim NT abbestellen, so würden wir das tun!"

Die Antwort: "Ich bin zwar Leseranwalt, aber in diesem Fall kann ich Ihre Meinung leider nicht teilen. Tageszeitungen sind nicht nur auf die Einnahmen aus den Abo-Verkäufen angewiesen, sondern auch auf die Erlöse aus dem Anzeigengeschäft. Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen, das Geld verdienen muss, um eine Zeitung produzieren zu können, die die Leser mit ihrer Qualität überzeugt. Ohne diese Anzeigen wäre es uns nicht möglich, den Preis für unsere Zeitung einigermaßen zu halten. (...) Ein geringeres Werbeaufkommen würde der Käufer der Zeitung im Geldbeutel spüren. (...) Zum Thema Sport: Sie sind an Sport nicht interessiert, andere Leser hingegen sehr. Statistisch gesehen ist der Sportteil neben dem Lokalteil der meistgelesene. Diesem Interesse müssen wir natürlich auch Rechnung tragen. Eine Zeitung zu machen, die jeden total zufriedenstellt, ist halt schwierig."

(Anmerkung: Anzeigen, zum Beispiel mit Discounter-Angeboten, sind für einen großen Teil unserer Leser eine wichtige Informationsquelle, die sie nicht missen möchten. Ohne sie wäre die Zeitung für sie deutlich weniger interessant. Leser richten nach diesen Anzeigen ihr Einkaufsverhalten aus.)

Das Anliegen: "Beim Lesen des Beitrags (...) unter dem Titel ,Von Zensur kann keine Rede sein' kam bei mir der Ärger hoch über einen Beitrag (...) unter dem Titel ,Tat ohne Täter: Tod von Niklas bleibt ein großes Rätsel'. Da ist es nicht ,bloße Neugier', den Migrations- oder Abstammungshintergrund zu kennen, denn in dem Beitrag heißt es: ,Ich bin hundert Prozent davon überzeugt, dass die meisten von ihnen ganz genau wissen, wer Niklas umgebracht hat, aber aus völlig falsch verstandenem Ehr- und Zusammengehörigkeitsgefühl das nicht sagen wollen', sagt Staatsanwalt Geßler. In diesem Fall war der Migrations- oder Abstammungshintergrund möglicherweise nicht tatrelevant, aber (...) dies nicht zu erwähnen, ist für mich das Verschweigen einer relevanten Information. Weil hier nach Ansicht des Staatsanwalts die Zugehörigkeit zu einer Gruppe (...) eine Verurteilung verhinderte. Ihre Meinung dazu würde mich interessieren."

Die Antwort: "Wenn Sie andere Medien (...) ebenfalls verfolgt haben, so konnten Sie feststellen, dass viele die Nationalität des Angeklagten auch nicht erwähnten. Des Öfteren war aber von Walid S. die Rede. Sogar die Bild verzichtete in ihrer Berichterstattung auf die Nennung der Herkunft, obwohl sich die Zeitung für eine Streichung der Richtlinie 12.1 im Pressekodex stark gemacht hatte, die Richtlinie, auf die ich in meiner Kolumne eingegangen war. Erst im März hatte der Presserat betont: Die Presse habe ,darauf zu achten, dass die Berichterstattung über das Fehlverhalten einzelner nicht diskriminierende Verallgemeinerungen fördert. Den Redaktionen obliegt die Pflicht, stets sorgfältig zu prüfen, ob die Erwähnung der Herkunft von Straftätern durch ein öffentliches Interesse gerechtfertigt ist'.

Laut Bild hatte der Staatsanwalt das Verhalten vieler Zeugen im Prozess auch noch mit diesen Worten angeprangert: ,Ich bin sicher, sie wissen, wer der Täter ist. Offenbar ist es ihnen wichtig, einen Straftäter zu schützen. Offenbar ist es ihnen wichtiger, einen Kumpel zu schützen als der Polizei zu helfen. Eine Einstellung, die ich widerwärtig finde.' Daraus (...) lässt sich nicht zwangsläufig auf einen Migrationshintergrund schließen. Ich vertrete weiterhin die Auffassung, dass es in diesem Bonner Fall - so fürchterlich es auch sein mag, was da mit einem 17-Jährigen geschehen ist - korrekt war, dass dpa und damit unsere Zeitung auf die Nennung der Herkunft verzichtet haben. Laut Presseberichten handelt es sich bei dem angeklagten 21-Jährigen um einen gebürtigen Italiener mit marokkanischen Wurzeln.

Zum damaligen Geschehen nach der Tat schrieb die Süddeutsche Zeitung vor Prozessbeginn: ,In dieser aufgeheizten Stimmung versuchten rechte Gruppen, den Tod von Niklas für sich zu instrumentalisieren. Ihre Version der Geschichte ging so: Deutscher Junge wird von Ausländern angegriffen, Polizei unternimmt nichts, Politik und Medien schauen zu. Direkt am Tatort, wo Verwandte und Freunde noch trauerten, organisierten die Rechten einen Protestmarsch. Dabei war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ein Verdächtiger festgenommen worden. (...) Kurz darauf wurden Walid S. und Roman W., damals 20 und 21 Jahre alt, festgenommen. Es passte gut ins Bild der Rechten, dass der eine ein Italiener mit marokkanischen Wurzeln ist. Allerdings wohnt Walid S. seit Längerem in Deutschland, Roman W. ist Deutscher.'

Ich glaube nicht (...), dass unsere Zeitung (...) eine relevante Information verschwiegen hat. Gruppen von jungen Leuten, die aus falsch verstandenem Zusammengehörigkeitsgefühl den Mund nicht aufmachen, gibt es überall. Mit der Nationalität hat das wenig zu tun. Das wäre also meine Meinung, die ich in der Annahme sage, dass Sie sie vermutlich nicht nachvollziehen können. Das macht aber nichts. Es ist doch gut, wenn in einem vernünftigen Ton Meinungen ausgetauscht werden können."

Der Leser reagierte darauf noch einmal und schrieb unter anderem: "Aufgrund Ihrer Antwort kann ich Ihre Auffassung zu dem Fall nachvollziehen, wenn ich auch grundsätzlich anderer Ansicht bin."

Das Anliegen: "Früher war es üblich, keine erkennbaren Kennzeichen in Unfallberichten zu veröffentlichen, aus Rücksicht auf die Unfallopfer. Hat sich dies geändert?"

Die Antwort: "An der Praxis, Kennzeichen unkenntlich zu machen, hat sich nichts geändert. In dem von Ihnen erwähnten Fall ist dies aufgrund eines technischen Fehlers leider falsch gelaufen. Ich bitte dies zu entschuldigen. Der Artikel und die Bilder sind inzwischen nicht mehr im Onetz zu finden."

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