28.04.2017 - 18:30 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Der Weidener René Hiersigk (35) hegt eine große Leidenschaft für kleine Tiere Der Ameisenkönig

Eine Dachwohnung am Hammerweg. Zum Schlafen ist hier kein Platz. Hier herrscht das große Krabbeln. René Hiersigk züchtet Ameisen. In seinen Terrarien leben geschätzt 1500 Königinnen und noch viel, viel mehr Arbeiterinnen.

von Christine Ascherl Kontakt Profil

Alles fing damit an, dass sein Vater dem damals Fünfjährigen ein Marmeladenglas mit Ameisen und Erde drin schenkte. Schon in seiner Kindheit in Störnstein spürte er den Sechsbeinern nach. "Ich habe mich von klein auf dafür interessiert und früh das Sammeln angefangen."

Inzwischen ist der 35-Jährige im tropischen Regenwald von Französisch-Guyana unterwegs. Falls das jemand suchen sollte, muss er den Globus einmal herumdrehen. Im südamerikanischen Dschungel buddelte er zuletzt die Paraponera clavata aus, 24-Stunden-Ameise genannt. Ihr Stich gilt als sehr schmerzhaft. Hiersigk hält das für übertrieben oder eine individuelle Reaktion. Beim Sammeln ist auch er schon gestochen worden, daheim nur selten, und findet es erträglich.

Jetzt turnt die tropische Riesenameise auf seinem Zeigefinger herum. Gut drei Zentimeter lang. Ein braves Mädchen, abgelenkt durch einen Tropfen Zuckerwasser aus einer Pipette. "Absolut zuckerwassersüchtig", meint der Weidener. Er kennt seine Ameisen. Er weiß, ob sie schüchtern sind oder aggressiv. Ob sie "Chill-Ameisen" sind oder fleißige Baumeister.

Farmen selbst entwickelt

In der Küche der Wohnung rattert ein 3-D-Drucker. Tickticktick entsteht ein weißer Kasten aus Biokunststoff. Hiersigk hat "Ants-Farmen" entwickelt: Patentierte Nester für Ameisen, in denen sie ihre Eier legen können. Seine Farmen funktionieren ohne Erde und verschmutzen daher nicht. Nur ein wenig Seramis wird eingestreut. Durch Glasscheiben lässt sich beobachten, wie sich die Kolonie einrichtet. Zu seinen Kunden zählen Familien und Kindergärten. Hiersigk freut's: "Ameisen sind das interessanteste Haustier."

Für ein Komplettset samt Königin und erster Kolonie legt der Einsteiger 120 bis 140 Euro hin. Profisammler geben noch viel größeres Geld für kleines Getier aus. Der Weidener nimmt einen Wattepropfen von einem Reagenzglas und zeigt Camponotus fulvopilosus aus Südafrika. Eine münzgroße Ameise mit goldenem Gaster (Hinterleib) streckt neugierig ihre Klauen heraus. Ein Goldstück quasi. Eine Königin kostet 450 Euro. "Extrem selten, extrem teuer."

Diese hohen Werte ließen jüngst einen Mitarbeiter von Hiersigk schwach werden. Er stahl mehrere hundert Ameisen und bot sie auf Ebay an. Darunter waren auch zwei der südafrikanischen 450-Euro-Königinnen. Mit dem Fall beschäftigt sich inzwischen die Polizei. Hiersigk bedauert den Tod einiger Tiere. Der unkundige Versandhelfer kippte 50 Messor barbarus in eine Kiste. Die monogynen Königinnen töteten sich gegenseitig. Zudem fehlt dem Züchter jetzt eine von zwei 450-Euro-Kräften. Zu tun ist genug: "Ich bin selbst und ständig."

René Hiersigk kann schneller Camponotus nicobarensis sagen als andere ihren Vornamen. Er hat das nicht studiert, er arbeitet eigentlich bei Eon in Regensburg. Der Versandhandel www.myants.de erwuchs aus seinem Hobby und finanziert es zugleich. Ameisensammeln ist ein teurer Spaß. Allein der Flug im März nach Französisch-Guyana kostete satte 3000 Euro. Im April war der Weidener noch schnell ein verlängertes Wochenende in Thailand: zwei Tage Flugzeug, zwei Tage Dschungel.

Inzwischen kann er sich bei seinen Exkursionen auf wenige Tage beschränken. Bei seinen ersten Reisen, etwa nach Mexiko, ruckelte er im Geländewagen noch 8500 Kilometer durchs Land, um geeignete Stellen ausfindig zu machen. "Irgendwann weiß man, wo man suchen muss und kennt die Plätze." In der Tasche hat er eine To-Do-Liste mit den Ameisen, die er finden will. Niemals vergisst er seinen GPS-Sender, um sich in den Regenwäldern nicht zu verlaufen.

Ameisen sind das interessanteste Haustier. Kein anderes Tier verfügt über eine derartig sozial komplexe Staatenbildung.René Hiersigk

Vor jeder Reise nimmt der Weidener Kontakt zur jeweiligen Botschaft auf, außerdem zum Veterinär des internationalen Flughafens. Die Ausfuhr von Ameisen sei "schwierig, aber machbar". Viel unproblematischer als beispielsweise bei Schmetterlingen oder Gifttieren, wie Skorpionen. Die Kiste mit den Reagenzgläsern landet dann - wie Hund und Katz' - im Frachtraum der Airline.

Ausbruchschutz: Talkum

Anwohner müssen sich nicht fürchten, am Hammerweg einer Riesenameise über den Weg zu laufen. Auf die Terrarien wird als Ausbruchschutz Talkum aufgepinselt. Selbst wenn die Flucht gelänge, rechnet Hiersigk den Tropentieren in der Oberpfalz kaum Überlebenschancen aus. Seine Kunden hält er an, exotische Arten nicht auszusetzen und das heimische Ökosystem zu schützen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.