Die Geschichte von Tobias Erdelt und Peter Popanda – persönlicher Assistent für ein höchst persönliches leben
Ziemlich beste Freunde

(Foto: Norbert Eimer)
 
(Foto: Norbert Eimer)
 
(Foto: Norbert Eimer)

Die spanische Abendsonne versinkt auf Gran Canaria, der orange leuchtende Ball steht tief, als Peter Popanda mit zwei Freunden von einem Motorradausflug in den Bergen auf dem Rückweg ins Hotel ist. Aus einem Feld kommt plötzlich ein Traktor, der 22-jährige Biker kollidiert mit dem Fahrzeug, bricht sich drei Halswirbel, wird notoperiert, später in Deutschland noch einmal operiert. „Mein Leben findet im Sitzen statt“, sagt Peter Popanda – wir blicken durch das große Fenster zur Terrasse hinaus. Der Mann mit langen Haaren und muskulösen Oberarmen trinkt Kaffee. Tobias Erdelt hat ihn gemacht und gebracht. Nicht, weil Peter Popanda unbedingt darauf angewiesen wäre, es geht um Hilfestellung, um Zeit, wertvolle Lebenszeit. Tobias Erdelt ist kein klassischer Pfleger, kein typischer Betreuer, vielmehr persönlicher Assistent. „Jeder hat sein eigenes Leben, sein eigenständiges Leben.“ Die beiden leben einen besonderen Alltag, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Als ziemlich beste Freunde.

Als Peter Popanda vor 25 Jahren im spanischen Krankenhaus aus dem künstlichen Koma erwacht, weiß der junge Mann nicht, dass sein restliches leben im Rollstuhl stattfinden wird. Sein 5., 6. und 7. Halswirbel sind gebrochen, das Wort „Querschnittslähmung“ nimmt niemand in den Mund. auch wenn der Porzellanmodellbauer weiß, dass mit seinen Beinen etwas nicht stimmt, sieht sich Peter Popanda weit weg von einem sprichwörtlich behinderten leben. Später, nach Krankentransport und weiterer Operation in Deutschland kommt es schließlich zu dem schockierenden und tränenreichen Gespräch mit Ärzten: gelähmt, für immer. „Ich war psychisch am Ende, wusste nicht, wie ich weiterleben sollte – ein Leben im Rollstuhl … ich? undenkbar.“ Es folgt ein zweijähriger Leidensprozess, geprägt von tiefer Verzweiflung und Reha gleichermaßen. Leidensprozess. Die Betonung liegt auf Prozess. Denn es kommt ein Tag, der die Wende bringt. Ganz unscheinbar, bei einem Teller Suppe. „Ich war nach schier endlos langer Zeit auf einmal in der Lage, wieder selbstständig zu essen, habe mit meinem Arm, meiner Hand den Löffel ohne fremde Hilfe zu meinem Mund führen können. Von da an wusste ich: Mein Leben muss und kann neu beginnen.“

Spezielle Lehrgänge für „persönliche Assistenzen“

Tobias Erdelt studiert die Stellenanzeigen, gezielt sucht der gelernte Elektriker nach „persönlichen Assistenzen“. aus seinem privaten Umfeld hat der Mann aus Bärnau gehört, dass Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen auf der Suche nach tatkräftiger Unterstützung für den Alltag sind. Spezielle Lehrgänge für „persönliche Assistenzen“ bereiten auf diese berufliche Möglichkeit vor. auf einer Internetplattform wird Tobias Erdelt fündig, entdeckt die Anzeige von Peter Popanda – nach Austausch weniger Zeilen und einem Foto sitzen sich Arbeitgeber und Bewerber gegenüber. Schnell wird klar: Die beiden können miteinander. „Die Chemie muss stimmen, auch wenn wir nicht permanent aufeinander hocken, so verbringen wir doch viel Zeit intensiv miteinander.“ Dabei ist die Zeit klar geregelt: Eine Woche am Stück, täglich rund um die Uhr, dann folgen drei Wochen Pause. Tobias Erdelt erinnert sich noch gut an seine erste Schicht vor rund eineinhalb Jahren. „Ich war unsicher, wusste nicht, wie viel Hilfe Peter erwartet oder möchte – soll ich ihm den Stift aufheben? Soll ich den Tisch decken?“ Inzwischen hat sich der Alltag eingespielt, Tobias Erdelt macht viel im Garten, am Haus, hilft seinem „Chef“ beim Umbau seines VW Busses, sie fahren gemeinsam einkaufen. „Wir sind eigentlich so etwas wie ein altes Ehepaar. Wir können uns auch gut anschreien.“

Würde, Freiheit und Respekt – auch in einer Postfiliale

Beide betonen ihre Eigenständigkeit, ihren gegenseitigen Respekt voreinander – ein Beispiel verdeutlicht dies: „Wenn Peter ein Päckchen auf der Post aufgibt, spürt man oft die kritischen Blicke der Leute, die sagen wollen, warum hilft der Mann, also ich, dem Rollstuhlfahrer denn nicht?“ Die Antwort fällt Tobias Erdelt leicht, seine Hilfe wird in diesem Fall schlichtweg nicht benötigt. Würde, Freiheit und Respekt können sich auch in einer gewöhnlichen Postfiliale zeigen. Die eigene Unabhängigkeit bewahren, dafür tut Peter Popanda viel. Macht Kraftsport, trainiert nahezu täglich zuhause auf seinem umgebauten Rad, spielt erfolgreich Rollstuhl-Rugby in der 2. Bundesliga. „Ich merke, dass ich körperlich sehr schnell abbaue, wenn ich nicht am Ball bleibe, meinen Körper fordere.“ Tobias Erdelt macht ihm das Leben leichter, ohne ihn einzuschränken. Für ihn zählt Zeit – denn für gewisse Dinge würde Peter Popanda schlichtweg mehr Zeit brauchen, Lebenszeit, die wertvoller genutzt werden kann.

Wohnmobil als Eintrittskarte in die große weite Welt

Peter Popanda liebt das Leben – wieder. Seine großen Leidenschaften sind das Reisen und Campen. Sein Wohnmobil ist die Eintrittskarte in die große weite Welt, und Tobias Erdelt hat diese Eintrittskarte dank seines handwerklichen Geschicks ganz auf die individuellen Bedürfnisse seines „Chefs“ zugeschnitten. Immer wieder unternimmt Peter Popanda Reisen, auch Tobias Erdelt war schon mit dabei. Sie waren so unterwegs, wie sie ihren Alltag miteinander verbringen, als ziemlich beste Freunde. Text und Fotos: Norbert Eimer

Was bedeutet persönliche Assistenz?Persönliche Assistenz ist eine Hilfe für Menschen mit Behinderung in verschiedenen Bereichen des Lebens. Assistenten und Assistentinnen unterstützen bei allen Tätigkeiten des Alltags. Zum Beispiel im Haushalt, bei der Arbeit, in der Schule oder auch bei Freizeit-Aktivitäten. Dadurch können Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben führen. Sie entscheiden selbst, wann, wo und von wem sie Unterstützung bekommen.

Menschen mit Behinderung haben einen Rechtsanspruch auf das persönliche Budget. Mit dem Geld des persönlichen Budgets stellen sie ihre Helfer selbst an und bezahlen diese. So werden Menschen mit Behinderung gegenüber den Assistenten zum Arbeitgeber. Das bedeutet aber auch mehr Planung und Organisation. Zum Beispiel müssen Betroffene selbst nach Assistenten suchen, diese einstellen und einen Arbeitsplan festlegen.

Für die Finanzierung der persönlichen Assistenz gibt es in Deutschland unterschiedliche Kostenträger (=Geldgeber). Welcher Kostenträger zuständig ist, hängt von der Ursache der Behinderung und von der Art der benötigten Hilfe ab. Folgende Kostenträger können zuständig sein:

• Pflegeversicherung
• Krankenkasse
• Versorgungsamt (für Wehr- und Zivildienstopfer sowie für Impfgeschädigte)
• Unfallversicherung oder Sozialhilfe (Hilfe zur Pflege/Eingliederungshilfe)


Nähere Informationen rund um das Berufsbild des persönlichen Assistenten finden sich beim Verbund behinderter Arbeitgeber im Internet unter www.vba-muenchen.de; entsprechende Stellen gibt es unter www.assistenzboerse.de
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