05.04.2018 - 12:08 Uhr
Oberpfalz

Die Odyssee von Peter Ilchmann mit seinen unruhigen Beinen Leidensweg ohne Ende

Das Herumlaufen ist ein Weglaufen – mit dem Wissen: Weglaufen ist zwecklos. Denn dieser Weg des Leidens ist ohne Ziel, ohne Ende. Die Bewegung reine Verzweiflung, sie dient nur dazu, die quälend unruhigen Beine in Schach zu halten. Mit der Erkrankung am Restless Legs Syndrom (RLS) beginnt für Peter Ilchmann eine zwei Jahre dauernde Odyssee. „Innerhalb weniger Monate habe ich 13 Kilogramm abgenommen. Sitzen, essen, geschweige denn nachts schlafen, nahezu alles unmöglich, das Leben ist zur Hölle geworden.“ Wir sitzen an einem Tisch. Dass Peter Ilchmann entspannt seine Geschichte erzählen kann, liegt an seinem Arzt, der ihm das richtige Medikament verschreibt.

von Gesund & VitalProfil

Das Leben ändert sich für Peter Ilchmann vor fünf Jahren, eine kleine Operation ist nötig. Danach ist nichts mehr, wie es war. Das quälende Kribbeln in den Beinen macht einen unbeschwerten Alltag fortan unmöglich. „Die Unruhe bessert sich nur durch Bewegung, und so ist man ständig auf den Beinen, ein Theater- oder Restaurantbesuch sind unüberwindbare Hindernisse.“ Peter Ilchmann leidet zudem unter unnatürlichen Zuckungen, unkontrolliert schlagen seine Beine aus, viel zu gefährlich ist das Autofahren. Besonders schlimm sind die Nächte mit ständigem Bewegungsdrang und nur wenigen Stunden Schlaf, dies wiederum fordert seinen Tribut. „Tagsüber ist man müde, hat keine Antriebskraft mehr und die Nerven liegen blank. die ganze Familie und der Freundeskreis leiden darunter, weil man ungerecht handelt und ständig gereizt ist.“ Für Außenstehende ist schwer nachvollziehbar, wie hoch der Leidensdruck für Menschen mit Restless Legs Syndrom ist, denn „unruhige Beine“ klingen wenig nach Krankheit und Verzweiflung, sondern vielmehr nach „Reiß dich mal zusammen“.

Peter Ilchmann geht zum Arzt. Die Diagnose von der „inneren Unruhe“ in Verbindung mit neurologischem Hintergrund, hat mit der Realität wenig zu tun. Keine Seltenheit, denn das Restless Legs Syndrom wird kaum auf Anhieb erkannt. Manche Ärzte, respektive Hausärzte, haben zu wenig Erfahrung mit diesem Beschwerdebild, sowie mit der Medikation. Dabei ist RLS eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung sind betroffen, bei rund drei Prozent der Betroffenen ist das RLS behandlungsbedürftig. „Menschen mit diesen Symptomen, die oft gar nicht im Zusammenhang gesehen werden, haben oft einen langen Leidensweg hinter sich, bis ein Mediziner endlich die richtige Diagnose stellt.“ Peter Ilchmann hat Glück. Bereits nach zwei Jahren hat der Waldmünchener dank eines Neurologen Gewissheit: Primäre, also genetisch bedingte Form von Restless Legs Syndrom, möglicherweise ausgelöst von der kleinen Operation. Die Leidenszeit ist allerdings noch nicht vorbei. Es gilt, das richtige Medikament, die richtige Dosis zu finden, denn: „Fast jeder RLS Betroffene hat ein anderes Medikament, wenn auch oft den gleichen Wirkstoff – und es dauert seine Zeit, bis man richtig eingestellt ist.“

Inzwischen hat Peter Ilchmann sein Restless Legs Syndrom im Griff, nimmt einmal täglich, jeden Abend zur gleichen Uhrzeit, seine Tabletten und kann wieder aktiv am Leben teilnehmen. „In meiner Eigenschaft als Leiter einer Selbsthilfegruppe weiß ich, wie unterschiedlich die Krankheit verlaufen kann, wie lange Betroffene mitunter leiden, bis der richtige Arzt die richtige Therapie mit dem richtigen Medikament verordnet. Bis dahin können viele, viele Jahre vergehen.“ Jahre, in denen Menschen verzweifelt sind und sich mit den Beschwerden arrangieren, ohne zu wissen: „das Restless Legs Syndrom muss kein Leidensweg ohne Ende sein.“
Text und Foto: Norbert Eimer

Das Restless Legs Syndrom

Unangenehme, bisweilen sogar schmerzhafte Empfindungen in den Beinen und ein unwiderstehlicher Drang sich zu bewegen, aufzustehen und sich zu strecken: Dies sind die häufigsten Anzeichen des RLS. Sie neigen dazu, noch schlimmer zu werden, wenn die betroffene Person zur Ruhe kommt, etwa beim Sitzen oder Liegen, beim Fernsehen oder bei langen Autofahrten. Da die Symptome normalerweise abends intensiver werden, stören sie häufig den Schlaf. Die Ursachen des RLS sind noch nicht hinreichend bekannt. Verschiedene Genvarianten wurden identifiziert, die mit erhöhtem Risiko für ein RLS verbunden sind. Als sogenanntes sekundäres RLS können die Beschwerden aber auch Folge einer anderen Erkrankung, etwa einer reduzierten Nierenfunktion, sein. Auch bei Schwangerschaften, rheumatischer Arthritis, Eisenmangel und bestimmten Medikamenten kann ein RLS auftreten. Heilen lässt sich das RLS bislang nicht. Es stehen allerdings effektive Behandlungen zur Verfügung. Leichte Symptome können oft durch die Identifizierung der Auslöser und Änderungen des Lebensstils reduziert werden. Hier können kalte Bäder, Massagen oder sportliche Bewegung hilfreich sein. Bei einer stärkeren Ausprägung der Erkrankung können Medikamente helfen, die Symptome zu lindern. Drei Jahre oder noch länger muss der durchschnittliche Betroffene ab dem Zeitpunkt der ersten Symptome auf eine korrekte Diagnose warten. Nähere Informationen gibt es im Internet unter der Adresse www.restless-legs.org

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.