Die Stadt Weiden hat traditionell mit besonders vielen Langzeitarbeitslosen zu kämpfen
Ein Konzept gegen Hartz IV

Seit Jahren beißen sich Politiker an der Arbeitslosigkeit im Hartz-IV-Bereich die Zähne aus. Viele haben den Kampf dagegen faktisch wohl aufgegeben. Nicht bei der Stadt. Sie geht gemeinsam mit Partnern die Wurzeln des Problems an. Doch es wird ein sehr mühsamer Weg.

Es hört sich sehr positiv an: Die Zahl der Arbeitslosen im Hartz-IV-Bereich liegt mit derzeit rund 1000 im Stadtgebiet erheblich unter dem Niveau früherer Jahre. Erfasst die Konjunkturwelle endlich auch die Langzeitarbeitslosen? Für eine Antwort muss man den Blick weiten.

Besonders aussagekräftig ist die langjährige Entwicklung (siehe Grafik). Einen starken Rückgang der Hartz-IV-Arbeitslosigkeit gab es tatsächlich nur in den ersten Jahren nach Inkrafttreten der Hartz-IV-Reformen 2005. Zunächst war die Zahl der Arbeitslosen durch die Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe extrem hoch. Unter diesen Menschen waren aber viele, die ohne größere Probleme auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen konnten. Auch ein massiver Einsatz von Arbeitsbeschaffungs-Maßnahmen (ABM) und Ein-Euro-Jobs trug dazu bei. Bis 2008 war deren Potenzial jedoch weitgehend ausgeschöpft.

Stadt als Leidtragende


Das Problem von Weiden ist: Die Arbeitslosigkeit ist, gemessen an der Arbeitslosenquote im Hartz-IV-Bereich, rund zweieinhalb Mal so hoch wie im bayerischen Durchschnitt (Oktober: 4,3 Prozent in Weiden, 1,7 in Bayern). Zusammen mit Nürnberg hatte Weiden im vergangenen Jahr mit 7,2 Prozent die höchste Gesamt-Arbeitslosenquote. Und an dieser Situation hat sich seit Jahren nichts Wesentliches geändert.

Die Ursachen reichen weit in die Vergangenheit zurück, haben vor allem mit dem Strukturwandel im Stadtgebiet und außerordentlich hohen Einpendlerzahlen zu tun. Eine der negativen Folgen für die Stadt sind die hohen finanziellen Belastungen. So muss zum Beispiel die Stadt Amberg bei deutlich niedrigerer Hartz-IV-Arbeitslosigkeit in ihrem Haushalt 2016 nur 14,2 Millionen Euro für soziale Sicherung ausgeben, in Weiden sind es fast 22 Millionen.

Rund die Hälfte der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten ist schon vier Jahre und länger im Leistungsbezug. Wer denkt, es wären vor allem die Älteren, der irrt. Rund zwei Drittel sind zwischen 25 und 55 Jahre alt. Viele dürften seit Inkrafttreten der Hartz-IV-Gesetze schon dazugehören, teilweise in der zweiten Generation. Die Vermittler und Fallmanager im Jobcenter weisen in jedem Einzelfall nach, dass trotz intensiver Betreuung die Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt bisher scheiterte.

59 Prozent aller Hartz-IV-Arbeitslosen im Stadtgebiet haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Je anspruchsvoller die Arbeitswelt wird, desto geringer sind ihre Chancen. Maßnahmen des zweiten Arbeitsmarktes wie ABM oder die Arbeitsgelegenheiten ("Ein-Euro-Jobs") hat die Politik fast gänzlich abgeschafft. In Weiden waren bis 2010 stets mehrere Hundert Personen in solchen Maßnahmen. Derzeit weist die Statistik nur 34 "Ein-Euro-Jobber" aus.

Um gegen die hohe Hartz-IV-Arbeitslosigkeit im Stadtgebiet anzukämpfen, entstand 2011 die Arbeitsmarktinitiative Weiden (inzwischen auf den Landkreis Neustadt/WN ausgedehnt). Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose kann sie nicht schaffen. Aber es gelingt ihr zunehmend, Förderprojekte als Ausgleich für fehlende Maßnahmen genehmigt zu bekommen. Immerhin 58 Personen sind im Bundesprogramm "Soziale Teilhabe" beschäftigt.

An die Wurzeln

Auch die zunehmende Verknüpfung der Arbeitsmarktinitiative mit dem Demografie-Konzept schafft neue Ansatzpunkte. Der vielleicht wichtigste Ansatz der Initiative will die Hartz-IV-Arbeitslosigkeit an den Wurzeln packen: Es muss verhindert werden, dass Kinder und Jugendliche aus Hartz-IV-Familien in die Langzeitarbeitslosigkeit hineinwachsen. Hier gibt es großen Handlungsbedarf. Noch immer gehört jedes fünfte Kind unter 15 Jahren in Weiden zu einer Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaft. Im Programm "Jugend stärken im Quartier" wurden laut Zukunftscoachin Roswitha Ruidisch 120 Jugendliche erreicht, die sich bisher Schule oder Ausbildung entzogen. Auch wenn der Weg noch weit ist: Die Arbeitsmarktinitiative kann Wirkung nachweisen. Immerhin sank die Hartz-IV-Arbeitslosigkeit seit 2011 um fast 25 Prozent - bayernweit 11.

Als Fazit gilt: Will Weiden auf ein durchschnittliches Niveau kommen, gibt es nur eine Doppelstrategie: Sie geht davon aus, dass nur die wenigsten der Langzeitarbeitslosen noch eine echte Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt haben. Gleichzeitig sollten aber die Kinder ihre Eltern in Arbeit erleben. Das heißt: Wir brauchen erstens wieder ABM oder ähnliche Maßnahmen des zweiten Arbeitsmarktes für die Erwachsenen. Zum Zweiten müssen sich Schulen, Schulsozialarbeit, Familienprojekte und alle sonstigen Beteiligten intensiv um die Kinder kümmern. Nur so bekommen diese bessere Zukunftschancen.

Der Autor war bis zu seiner Pensionierung Chef der Weidener Arbeitsagentur. Er ist unter anderem in der Arbeitsmarktinitiative engagiert.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.