Dienstwaffe abgedrückt: Am Montag fällt Urteil gegen 59-Jährigen
Gericht zieht Mordversuch in Betracht

(Foto: dpa)

Die schlechte Nachricht für den Angeklagten: Das Gericht zieht eine Verurteilung wegen Mordversuchs in Betracht und nicht nur, wie angeklagt, wegen versuchten Totschlags. Auf Mordversuch steht lebenslänglich. Aber: Gleichzeitig kann der Strafrahmen abgemildert werden. Möglicherweise bis zu drei Mal.

Denn: Der psychiatrische Gutachter Thomas Lippert hält den 59-Jährigen zur Tatzeit für eingeschränkt steuerungsfähig. Der gelernte Industriekaufmann habe schon das ganze Jahr 2016 an einer ausgeprägten Depression gelitten, verstärkt durch eine schwere Erkrankung (offenes Bein mit MRSA-Keim) und den damit verbundenen beruflichen Rückzug.

Die schwere Depression blieb unbehandelt. Selbst als ihn seine Frau im April völlig apathisch ins Bezirkskrankenhaus brachte, wurde er gleich wieder entlassen. Eine richtige Diagnose wurde eventuell durch den "kalten Entzug" von Fentanyl verhindert. Der Angeklagte hatte damals auf eigene Faust alle opiodhaltigen Schmerzmittel abgesetzt, weil er sie für seinen Gemütszustand verantwortlich machte. Dass die eingenommenen Opiate Einfluss auf die Tat im August hatten, schließt Lippert aus.

In den Folgemonaten wuchs die Verzweiflung. Lippert erkennt beim Angeklagten "alle klassischen Symptome einer schweren Depression": Konzentrationsstörungen, sozialer Rückzug, Grübelneigung, Gewichtsverlust. Dazu kamen Suizidgedanken. Er steigerte sich in die Idee hinein, verrückt oder schizophren zu sein. Diese Bedenken braucht er nicht haben. Lippert: "Wenn ein psychisch Kranker sagt, er ist schizophren, kann man davon ausgehen, dass er es nicht ist." Im August eskalierte die Situation, als er - wie bekannt - einem Polizisten die Waffe entriss und leer abdrückte.

Erst jetzt in Haft wird die Depression behandelt. Ein Psychiater der JVA kam unabhängig von Gutachter Lippert zu dieser Diagnose und verschrieb Antidepressiva. Der Angeklagte fühlt sich nicht mehr so verwirrt. Auch sein offenes Bein - langjährige quälende Erkrankung - konnte auf der JVA-Krankenstation endlich geschlossen werden. Traurig ist der Mann immer noch, was wohl eher der U-Haft geschuldet ist. Zum Psychiater sagte er zum Abschied: "Jetzt hock ich wieder da wie Pik 7. Wichtig wäre mir meine Familie."

Der zweifache Vater wird noch einige Zeit hinter Gittern bleiben. Landgerichtspräsident Walter Leupold umriss die mögliche Bestrafung, ausgehend von versuchtem Mord. Bei verminderter Schuldfähigkeit (§21) schmälert sich der Strafrahmen von lebenslänglich auf 3 bis 15 Jahre. Eine zweite Milderung gibt es, weil es beim Versuch blieb: 6 Monate bis 11 Jahre 3 Monate. Durch den Täter-Opfer-Ausgleich reduziert sich das Maß am Ende auf 1 Monat bis 8,5 Jahre.

An diesem Täter-Opfer-Ausgleich feilten Verteidiger Christoph Scharf und Nebenklagevertreter Andreas Wölfel, der den bedrohten Polizisten vertritt. Man einigte sich auf 7500 Euro in Raten, bei Verzug 10 000. Leupold war wichtig, dass der Angeklagte die Verantwortung für sein Tun ausdrückt. Der 59-Jährige tut das, beharrt aber darauf, sich nicht erinnern zu können. "Niemals" habe er einen Polizeibeamten töten wollen. Der Psychiater hält einen geplanten "Suicide by cop" nicht für ausgeschlossen.

Urteil am Montag

Wiederholungsgefahr sieht er nicht. Depressive begingen ohnehin selten Aggressionsdelikte. Für Lippert ist klar: "Ohne die Erkrankung wäre es nie zu dieser Tat gekommen." Plädoyers und Urteil folgen am Montag.
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