Dr. Stefan Gerhardinger übernimmt 2017 neue Leitungsfunktion beim Diözesan-Caritasverband
Zeit für einen Wandel

"Mit sehr viel Dankbarkeit" schaut Dr. Stefan Gerhardinger auf seine 21-jährige Tätigkeit in Weiden zurück. Nicht nur er habe die Beratungsstelle für seelische Gesundheit weiterentwickelt. "Diese Arbeit hat auch mich weiterentwickelt." Er freut sich aber auch auf seine neue Aufgabe beim Diözesan-Caritasverband. Bilder: Schönberger (2)
 
Laufen zählt zu den Hobbys des 51-Jährigen. "Zwei Marathons im Jahr müssen sein." Er ist außerdem begeisterter Skifahrer und Urlauber. "Ich kann viel arbeiten. Aber Privatleben - meine Familie und Freunde - sind auch wichtig", betont der Diplom-Psychologe.

30 bis 40 Jahre haben die Beratungsdienste auf dem Buckel. Zeit, sie für die Zukunft weiterzuentwickeln. 51 Lebensjahre und 21 Jahre als Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes hat Dr. Stefan Gerhardinger - pardon - auf dem Buckel. Er wird diese Aufgabe übernehmen.

Eine von vielen Aufgaben seines neuen Verantwortungsbereichs. Am 1. Januar 1996 kam der Diplom-Psychologe als Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Caritas - auch bekannt als Beratungsstelle für seelische Gesundheit - nach Weiden. Ab 1. Januar 2017 übernimmt Dr. Stefan Gerhardinger die Abteilung Soziale Dienste und Hilfen des Diözesan-Caritasverbandes Regensburg. Welche Aufgaben ihn erwarten, was sich in den vergangenen 21 Jahren alles getan hat, und wo es aus seiner Sicht noch Nachbesserungsbedarf gibt, darüber sprach der 51-Jährige im NT-Interview mit Redakteurin Jutta Porsche.

1996 galt die Nordoberpfalz als stark unterversorgt mit Psychotherapeuten und Psychologen. Seitdem gab es weitere Zulassungen für Therapeuten. Außerdem hat die Tagesklinik mit Institutsambulanz für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weiden eröffnet. Ist die Versorgung jetzt ausreichend?

Dr. Stefan Gerhardinger: Nach dem Schlüssel der Kassenärztlichen Vereinigung schon. Es hat sich viel getan. Die Nordoberpfalz ist keine Diaspora mehr. Aber es gibt zum Beispiel immer noch keinen niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater. Außerdem wächst der Bedarf in allen Altersgruppen offensichtlich schneller als das Angebot. Denn die Wartezeit bei Therapeuten und Psychologen beträgt im Schnitt mindestens sechs Monate. Da hat sich im Vergleich mit 1996 nichts verändert.

Steigt die Zahl der psychisch kranken Menschen so stark an?

Dafür gibt es keine einheitlichen Belege. Dagegen steigt definitiv die Bereitschaft, psychiatrische und psychotherapeutische Hilfen in Anspruch zu nehmen. Dennoch dauert es gemäß einer Studie der Bundes-Psychotherapeutenkammer im Schnitt sieben Jahre ab Ersterkrankung bis erste fachkundige Hilfe erfolgt. Zu beobachten ist, dass die Fälle immer komplexer werden: Probleme im Arbeitsleben, mit der Familie, mit der körperlichen Gesundheit ...

Sie haben sich für die Anstellung einer jugendpsychiatrischen Fachkraft in Ihrer Beratungsstelle stark gemacht. Was ist daraus geworden?

Eine Stelle mit dieser Bezeichnung wird es nicht geben. Uns geht es um die Kooperation zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie. Das ist schwierig, weil dafür verschiedene Geldgeber zuständig sind. Wir haben aber eine andere Lösung gefunden.

Und die sieht wie aus?

Der Sozialpsychiatrische Dienst in Weiden wird Mitte 2017 eine zusätzliche Halbtagsstelle erhalten. Diese Fachkraft wird vor allem für die jüngeren Klienten zuständig sein, mit der Jugendhilfe und der Erziehungsberatungsstelle kooperieren, um die Wanderer zwischen den Welten bedienen zu können: also die 20-Jährigen, die in gewisser Hinsicht erst 15 sind oder andere Auffälligkeiten zeigen, wie beispielsweise Suchtprobleme. Für sie muss das Angebot besonders niederschwellig sein.

21 Jahre haben Sie die Beratungsstelle für seelische Gesundheit geleitet. Was betrachten Sie als Ihren größten Erfolg?

Es ist schwierig, 21 Jahre auf ein kurzes Fazit einzudampfen. Mein Ziel war es damals, die Beratungsstelle vielfältiger und professioneller zu gestalten. Trotzdem sollte keine ,Hochleistungsberatung' erfolgen, sondern der Mensch im Mittelpunkt stehen, ganz nach dem Motto von Eugen Roth: Ein Mensch fühlt oft sich wie verwandelt, sobald man menschlich ihn behandelt. Ich denke, das ist gelungen. Denn trotz der ernsten Themen herrscht bei uns immer lockere Stimmung. Die Arbeit darf - nebenbei - auch Spaß machen. Außerdem hatte ich immer ein sehr gutes Team. Das ist ganz wichtig.

Was hat sich inhaltlich verändert?

Das Diagnosespektrum: Ursprünglich war der Sozialpsychiatrische Dienst in erster Linie für Schizophrenie-Erkrankte gedacht. Die sind mittlerweile anderweitig gut versorgt. Spitzenreiter bei den Diagnosen in unserer Beratungsstelle sind inzwischen Depressionen und artverwandte Erkrankungen.

Das heißt, die Arbeit ist nicht weniger geworden.

Auf keinen Fall. Die Auslastung hält sich weiter auf sehr hohem Niveau. Die Kollegen sind sehr fleißig, aber die Besetzung - aktuell sind wir sieben Berater - ist auf Kante genäht.

Und wenn Sie im neuen Jahr das Team verlassen ...

Bis ein neuer Leiter gefunden ist, helfe ich weiterhin stundenweise aus.

Für viele kam die Nachricht, dass Sie nach Regensburg wechseln werden, überraschend.

Aus meiner Sicht hat sich das Ganze eher über die letzten Jahre entwickelt. Seit 2001 bin ich Referatsleiter für den Sozialpsychiatrischen Dienst auf Diözesanebene. Dann kamen noch einige andere Aufgaben hinzu. Mein Gefühl ist, dass ich dem Sozialpsychiatrischen Dienst langsam entwachsen bin. Wenn ich beruflich noch einmal etwas anderes machen möchte, dann jetzt mit 51 Jahren. Da hat sich das mit der neuen Leitungsfunktion ganz gut ergeben.

Wie sieht Ihr Aufgabengebiet ab 1. Januar 2017 aus?

In erster Linie bin ich für die Beratungsdienste auf Diözesanebene zuständig. Dazu gehören zwölf Fachambulanzen für Suchtprobleme, fünf Beratungsstellen für Schwangerschaftsfragen, Asyl- und Migrationsberatung, Schuldnerberatung, Beratungsstellen für die offene Behindertenarbeit, Obdachlosenhilfe, Straffälligenhilfe sowie eine Fachklinik für Sucht in Haselbach. Das umfasst etwa 200 Mitarbeiter. Damit ändert sich einiges für mich. Personalführung, -entwicklung und Betriebswirtschaft stehen dann im Vordergrund. Es gilt aber auch, die Arbeit der Beratungsdienste für die Zukunft weiterzuentwickeln

Sie wechseln von Weiden nach Regensburg ...

Damit schließt sich für mich in gewisser Weise ein Kreis. Ich bin gebürtiger Regensburger, habe Bundeswehrzeit und Studium dort absolviert. Meine erste Anstellung war an der Uni-Klinik Regensburg. Weil ich in Teublitz wohne, ist die Strecke zur Arbeit für mich dann nur noch halb so weit. Aber dienstlich bin ich ohnehin in der ganzen Diözese unterwegs.
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