23.01.2018 - 13:52 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Ehemaliger „Bischöflicher“ empört über die Aufarbeitung von Gewalt im Seminar durch Bistum: 500 Euro für "den ganzen Horror"

Franz Wechsler ist zwölf Jahre alt, als ihn die Familie 1970 ins Bischöfliche Knabenseminar gibt. Die Mutter ist schwer erkrankt und fast ein Jahr lang im Krankenhaus. Für den Buben bleibt nur das Internat in Weiden. Was er erlebt, belastet ihn noch heute: "Ich war auf mich allein gestellt in dieser Finsternis."

Das Bischöfliche Knabenseminar befand sich im Gebäude der heutigen Wirtschaftsschule und bestand bis 1989. 1973 kam es mit der Entlassung des Musikpräfekten und des Direktors zu einem Wandel. Bild: Stadtarchiv
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Er berichtet von Schlägen, vom Zusammenstoßen von Köpfen der Buben. Noch viel Schlimmer für ihn ist ein Klima von "Angst und Schrecken“. Oft sei mit dem Teufel gedroht worden. Die rund 200 Seminaristen sind im Gebäude der heutigen Wirtschaftsschule "interniert", weil das Augustinus-Gymnasium umgebaut wurde. Die Lehrer kommen in das Internat. Eine "Parallelwelt Internat" sei entstanden.

Franz Wechsler genießt als einziger Schüler das Privileg, tagsüber in seine Stammschule, das heutige Kepler-Gymnasium, gehen zu dürfen. "Ich brachte täglich Neuigkeiten aus der Wirklichkeit." Er kann Besorgungen erledigen, handelt mit Bravo-Heften. "Draußen war ich auf der guten Seite. Drinnen der personifizierte Teufel.“ Wechsler spricht von Bloßstellungen und Demütigungen, über denen er den Glauben verloren habe.

Einer seiner schlimmsten Peiniger ist in der Region nicht unbekannt: Kirchenmusiker und Pfarrer Georg Zimmermann. 1969 verurteilt des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern, nach der Haft 1972 vom Bistum wieder eingesetzt: als Musikpräfekt im Knabenseminar in der Sebastianstraße. 1973 wird Zimmermann endgültig geschasst. Mit ihm geht Direktor Hiebl. Mit dessen Nachfolger Georg Weinzierl brechen neue Zeiten an. Franz Wechslers Internatszeit geht da schon zu Ende.

Die Affäre Zimmermann war Auslöser einer Initiative des Bistums Regensburg. 2017 konnten sich erstmals Opfer von Gewalt durch kirchliche Mitarbeiter melden. Bis dahin gab es ein Entschädigungsprogramm nur für Domspatzen. Diese Initiative zielte genau auf Wechsler und seine Leidensgenossen ab: Kinder aus Studienseminaren und ähnlichen Einrichtungen. Letzten Freitag zog das Bistum Zwischenbilanz: 75 Personen haben einen Antrag auf Entschädigung gestellt, 47 davon seien schon abschließend bearbeitet. 178 000 Euro sind bereits ausbezahlt, durchschnittlich 4000 Euro pro Opfer.

Auch Franz Wechsler, inzwischen 59 Jahre, der schon viele Jahre in Nepal lebt, hatte zum Jahresende Post von Generalvikar Michael Fuchs. "Wir bedauern, dass Ihnen unter dem Deckmantel der Erziehung und in Obhut der Kirche soviel Gewalt angetan wurde." Am Ende steht die Bitte um eine Bankverbindung. Fuchs kündigt 500 Euro an.

Daran entzündet sich nun Franz Wechslers Empörung. Nicht nur, dass er die 500 Euro als lächerlich gering empfindet, angesichts "des ganzen Horrors". Er stößt sich am Prozedere. Die Nürnberger Anwaltskanzlei Scheuler ist vom Bistum beauftragt, die Anträge auszuwerten. "Ein teuflischer Plan der Kirche: Man bezahlt einen Rechtsverdreher, damit der den seelische Geschädigten unmoralische Vorschläge macht." Abgefragt werden Name, Tatort, Tatbeschreibung, Beweismittel, Folgen, bisherige Leistungen - und Kontodaten. "Der Antrag liest sich wie ein Rentenantrag oder eine Versicherungspolice."

Am Ende taxiert der Anwalt die Höhe der Entschädigung, die dem Ordinariat vorgeschlagen wird. Die Kriterien benennt die Präventionsbeauftragte des Bistums, Judith Helmig, mit Häufigkeit, Intensität und Folgen: "Hieraus ergeben sich Abstufungen des Endbetrags."

Das Bistum Regensburg wollte auf Nachfrage von Oberpfalzmedien recherchieren, wieviele der 75 Anträge aus 2017 das Bischöfliche  Knabenseminar in Weiden betreffen. Eine Antwort stand bis Dienstagabend noch aus.

 

 

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