01.06.2017 - 18:14 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Eltern lassen Kleinkind mit Verbrühungen lange leiden Bewährung statt Gefängnis

Zwei Mal verbrüht ein 27-Jähriger seinen kleinen Sohn mit kochend heißem Wasser. Beide Male fahren die Eltern nicht sofort ins nächste Krankenhaus. Dafür setzt es in erster Instanz eine Haftstrafe für den Vater und die Mutter. In der Berufung fällt das Urteil nun weit milder aus.

Symbolbild: dpa
von Autor hczProfil

(hcz) Das Kind schrie aus Leibeskräften, als die Eltern mit ihm zuerst zu den Großeltern fuhren, um ihr anderes Kind abzugeben. Dann ging es in die Klinik - nach Regensburg. Die Erstversorgung des schwerverletzten Kleinen verzögerte sich jeweils um mehr als eine Stunde. Beim ersten Vorfall im Jahr 2013 war der Junge ein halbes Jahr alt, beim zweiten Mal eineinviertel Jahre. Da er erhebliche zusätzliche Schmerzen erleiden musste, verurteilte das Amtsgericht die Eltern zu drei Jahren Haft (wir berichteten). In der Berufungsverhandlung vor der 2. kleinen Strafkammer ermäßigte Landgerichts-Vizepräsident Georg Grüner die Strafe auf zwei Jahre "mit". Das im März 2013 geborene Kind des nicht verheirateten Paares erlitt schwere Verbrühungen erstmals im September desselben Jahres. Angeblich war der Vater mit einem Wasserkocher in der Hand über den Teppich gestolpert. Der Kleine hatte Verbrühungen zweiten Grades im Gesicht und im Brustbereich erlitten.

Ein knappes Jahr darauf der nächste "Unfall": Diesmal soll das Kind eine Tasse Kaffee vom Tisch heruntergezogen haben. Eine andere Version lautet, der Vater habe das Kind versehentlich zu heiß geduscht. Verletzungen dritten Grades waren die Folge. Und wieder fuhren die Eltern nicht ins nächste Krankenhaus, sondern nach Regensburg. Allerdings in eine andere Klinik als beim ersten Mal.

Angst vor Jugendamt

Unglaubwürdige Angaben der Eltern zum Unfallhergang waren der Grund, weshalb ein Arzt einen Brief nach Weiden schrieb. So kam der Fall in Gang. Der Vater war schon mehrfach durch Körperverletzungen und als Rabauke aufgefallen und dem Jugendamt bekannt. Am Arbeitsplatz hatte er mit Kuchenblechen um sich geworfen. Der Grund, weshalb die Eltern nicht das Klinikum Weiden oder beim ersten Mal, als sie im Landkreis Neustadt/WN gewohnt hatten, das Krankenhaus in Tirschenreuth aufgesucht hatten? Sie hätten Angst gehabt, das Jugendamt erfahre davon, sagten die 25-Jährige und ihr früherer Lebensgefährte aus, die mittlerweile getrennt sind.

Ein medizinischer Sachverständiger erläuterte dem Gericht, weshalb die Schilderungen der Angeklagten zum Unfallhergang nicht glaubhaft gewesen seien. Die großflächigen thermischen Schädigungen hätten nicht zu den geschilderten Abläufen gepasst. Der Arzt schilderte auch, welch große Schmerzen der kleine Bub durch die fast eineinhalbstündige Verzögerung zu erleiden hatte.

"Unfassbar und gefühllos" nannte Staatsanwalt Christoph Edler das Handeln der Eltern. Nur um Konsequenzen zu vermeiden, habe man dem Kleinkind erhebliche Schmerzen zugemutet. Er forderte, das Ersturteil zu bestätigen. Die Anwälte Georg Karl und Matthias Haberl sahen keine "Misshandlung von Schutzbefohlenen", sondern allenfalls eine Körperverletzung durch Unterlassen. Wegen ihres Geständnisses und fehlenden Vorstrafen sollten ihre Mandanten allenfalls mit Geldstrafen belegt werden. Einen "Skandal" nannte Rechtsanwalt Karl das Verhalten des Jugendamts. Dieses habe den Pflegefamilien, bei denen beide Kinder jetzt leben, nicht zur Annahme eines Täter-Opfer-Ausgleichs geraten. Mit je 1500 Euro hätten sich die beiden Angeklagten bei ihrem Kind entschuldigen wollen.

"Zu großer Ausreißer"

Richter Grüner sah den Versuch dieser Zahlung als Milderungsgrund und verurteilte die Angeklagten zu zwei Jahren auf Bewährung. Zudem muss der Vater 5000 Euro an den Weißen Ring zahlen, die Mutter 200 Arbeitsstunden nach Weisung eines Bewährungshelfers leisten. Grüner betonte im Prozess, dass eine vorsätzliche Verbrühung des Kindes nicht unterstellt werden könne. Dies habe auch die Anklage nicht behauptet. Es sei lediglich um die verzögerte Behandlung gegangen. Dafür seien drei Jahre, wie im Ersturteil, ein "zu großer Ausreißer nach oben".

Die Pflegemütter der beiden Kinder, die den Prozess beobachtet hatten, berichteten, dass diese noch heute unter erheblichen Entwicklungsstörungen leiden. Der nun Viereinhalbjährige brauche noch eine Windel, müsse jeden Tag zwei Mal eingecremt werden und sei Fremden gegenüber misstrauisch. Die Eltern hatten bisher keinerlei Kontakt zu ihren Kindern gesucht, wie sie auf Grüners Frage zugaben. Sie wolle sie aber früher oder später zurück haben, sagte die Mutter. (Angemerkt)

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