Erste Engpässe in Ballungsgebieten
Babyboom kommt in Arztpraxen an

Ein Kinderarzt nimmt bei einem Baby die U3-Vorsorgeuntersuchung vor. Den Termin dafür sollten Eltern so früh wie möglich vereinbaren. Bild: dpa

Bayern wird wieder jünger - die Zahl der Geburten steigt. Doch der erfreuliche Trend führt bereits zu ersten Problemen. Allerdings nicht in allen Regionen gleichermaßen.

Weiden/Amberg. (dpa/m) Babyboom in Bayern: 2015 wurden im Freistaat 118 000 Kinder geboren und damit so viele wie in den letzten fünf Jahren nicht mehr. Das teilt das Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg mit. Doch der erfreuliche Trend hat auch seine Schattenseiten: In manchen Regionen fehlt es bereits an Kinderärzten. So sagte Martin Lang, Vorsitzender des bayerischen Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), der Deutschen Presse Agentur: "In der Kinder- und Jugendmedizin haben wir zunehmend Versorgungsprobleme." In seiner Praxis in Augsburg nehme er nur noch Familien auf, die frisch entbunden haben oder neu zugezogen seien.

Mehr Untersuchungen

In der Oberpfalz sind 2015 insgesamt knapp fünf Prozent mehr Geburten verzeichnet worden als im Jahr zuvor. Die Regionen Weiden/Neustadt und Amberg/Sulzbach übertreffen dieses Ergebnis jedoch noch: In Amberg erreichten 2015 die Geburtenzahlen 110 Prozent des Vorjahres, im Kreis Amberg-Sulzbach sind es sogar 113 Prozent. Weiden erreichte 109 Prozent des Vorjahreswertes, der Kreis Neustadt/WN 112. Im Landkreis Schwandorf verzeichnete man ein Plus von 7 Prozent, in Tirschenreuth blieben die Zahlen indes fast gleich.

"Wir merken schon, dass wir mehr U3-Vorsorgeuntersuchungen haben", bestätigt Dr. Judith Aderbauer, niedergelassene Kinderärztin in Weiden. Dramatische Folgen hätten sich daraus jedoch noch nicht ergeben. "Unsere Praxis ist sowieso immer voll." Aderbauer rechnet allerdings damit, dass auf dem Land Eltern ihren Nachwuchs auch vom Hausarzt untersuchen und behandeln lassen. "Das hängt davon ab, wie weit die Familien vom nächsten Kinderarzt entfernt wohnen."

Abweisen würde die Gemeinschaftspraxis, der Aderbauer angehört, kleine Patienten zwar nicht. Die Ärztin rät jedoch: "Wenn man aus der Klinik mit dem Baby nach Hause kommt, sollte man sich gleich um einen Termin für die nächste Vorsorgeuntersuchung kümmern." Dann dürften sich im Allgemeinen keine Probleme ergeben.

Ab 110 Prozent gesperrt

Der sogenannte Versorgungsgrad misst das Verhältnis der Kinderärzte in einem Stadt- oder Landkreis zu den Einwohnern unter 18 Jahren. Aus den aktuellen Bedarfsplanungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigung in Bayern (KVB) geht hervor, dass im Bereich der nördlichen und mittleren Oberpfalz kein Mangel an Kinder- und Jugendärzten besteht. Wenn der Versorgungsgrad über 110 Prozent steigt, ist dieser außerdem für neue Kassensitze gesperrt. Neue Kinderärzte können sich dort nicht niederlassen, es sei denn, ein Kollege geht in den Ruhestand. "In den letzten 20 Jahren ist die Geburtenzahl kontinuierlich gesunken, und das war auch die weitere Prognose", sagt der Augsburger Kinder- und Jugendmediziner Lang. Man habe bis vor kurzem nicht mit einer Trendwende gerechnet. "Die Bevölkerungszahl hat sich verändert, die Zahl der Kinder- und Jugendarzt-Sitze aber nicht." Gleichzeitig sei die Patientenbetreuung umfassender geworden. Kinderärzte würden heute mit mehr Vorsorgeuntersuchungen und neuen Themengebieten betraut, wie Entwicklungsauffälligkeiten oder Verhaltensstörungen. Hinzu kommt, dass auch unter Ärzten der Trend zur Teilzeitarbeit zunimmt.

Bedarf neu prüfen

Der BVKJ fordert deshalb eine Neuberechnung des Bedarfs, damit sich mehr Kinderärzte niederlassen können. Unterstützung bekommt er von der Kassenärztlichen Vereinigung (KVB). "Den grundsätzlichen Engpass, den die Eltern spüren, kann man nur angehen, wenn man die Bedarfsplanung reformiert", sagt Sprecherin Birgit Grain. Wann es so weit ist, sei allerdings noch nicht abzusehen. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums teilt mit, dass zuletzt ein Gutachten in Auftrag gegeben worden sei. Mit den ersten Ergebnissen werde für Anfang 2018 gerechnet. Auf dieser Grundlage soll die Bedarfsplanung angepasst werden.

Wenn man aus der Klinik mit dem Baby nach Hause kommt, sollte man sich gleich um einen Termin für die nächste Vorsorgeuntersuchung kümmern.Dr. Judith Aderbauer, Kinderärztin in Weiden


Zahlen im EinzelnenDie Versorgungsgrade im Einzelnen, beziehungsweise die Zahlen der Ärzte nach Anrechnung in der Bedarfsplanung: Tirschenreuth 101,8 Prozent (3 Ärzte); Kreis Schwandorf 115,4 Prozent (7); Kreisregion Weiden/Neustadt 122,5 Prozent (7); Kreisregion Amberg/Amberg-Sulzbach 161 Prozent (9,65). Allerdings bilden diese Zahlen nicht die Realität ab. So schließen sie neben den allgemeinen Kinderfachärzten auch Spezialisten ein, die jedoch nur Fälle übernehmen, die in ihr Spezialgebiet fallen. (dpa/m)
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