20.03.2018 - 19:20 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Erster Beihelfer gesteht, heute wird geständiger Räuber aus Österreich vorgeführt "Rio": Jetzt reden die Angeklagten

Weiden/Grafenwöhr. Es kommt Schwung in den Prozess nach dem Überfall auf einen Grafenwöhrer Gastwirt (91) und seine Frau (80) am 11. April 2016. Einer der beiden angeklagten Russlanddeutschen aus der Region legte am Dienstag ein Geständnis ab: Ja, man habe der Bande den Tipp gegeben, aber man habe nicht mit dieser Brutalität gerechnet. Für heute hat ein weiterer "Beihelfer" seine Aussage angekündigt: Der Hühnerzüchter aus Tachov mit Kontakten zur Unterwelt soll die Ukrainer hierher vermittelt haben.

Der Raubüberfall auf den Rio-Wirt im Grafenwöhrer Wohngebiet "Am Weinbühl" wird vor Gericht aufgerollt. Auf der Anklagebank sollen einer der vier mutmaßlichen Profi-Einbrecher aus der Ukraine sowie zusätzliche vier angebliche Helfer und "Tippgeber" aus der Region sitzen.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Mit Spannung wird zudem am heutigen Mittwoch die Vorführung eines 52-jährigen Ukrainers erwartet. Oleksandr M. war einer der Räuber. Das hat er gegenüber der Polizei gestanden. Seine DNA war an der Jacke des Seniors, am Haustelefon und an einer Zigarettenkippe im Garten. Er sitzt wegen eines ähnlichen Delikts in Österreich in Haft: 2015 hat er mit Komplizen eine Seniorin (80) und ihre Betreuerin nachts im Wohnhaus am Millstätter See überfallen.

Zurück zu den zwei Tipp-Gebern. Es handelt sich um "Knastbrüder" (46 und 57). Die gebürtigen Kasachen, wohnhaft in Weiden und im Landkreis Neustadt/WN, haben sich im Gefängnis kennengelernt. Der 46-Jährige berichtet, wie ihn der tschechische Freund - man kannte sich durch die Hühnerzucht - im Frühjahr 2016 mit Anrufen genervt habe: Er suche "Arbeit" für Bekannte. "Ich habe ihm gesagt: Ich kenne niemanden, wo man etwas stehlen könnte." Eines dieser Telefonate habe der 57-jährige Kumpel mitbekommen und den betagten Gastwirt ins Spiel gebracht. Es ging das Gerücht, dass bei diesem eine Viertel- bis halbe Million Euro aus dem Verkauf der Gaststätte herumliege.

Zwei Tage vor dem Überfall reiste der Tscheche mit zwei Ukrainern an. Einer davon soll der Hauptangeklagte Viktor C. gewesen sein. Der andere war der in Österreich inhaftierte Oleksandr M. Die Ukrainer waren dem Weidener so unheimlich, dass er sie schnell von seinem Hof bringen wollte: "Ich hatte Angst, die kommen nachts und bestehlen mich."

Er fuhr mit den Gästen weiter nach Grafenwöhr, wo man den Kumpel traf. Dieser berichtete von seiner Vermutung, der alte Mann habe Geld. Mit dem Auto drehten die Männer eine Runde um das Zielobjekt. Auf dem Netto-Parkplatz habe der Freund über einen Anteil verhandelt. Der Ukrainer stellte 5 bis 15 Prozent in Aussicht, aber man wisse noch gar nicht, ob man "reingeht".

Von Gewalt sei nie die Rede gewesen. Als nach dem Überfall das Gerücht umging, "der Opa" sei gestorben, bekam der 46-Jährige Angst um sein eigenes Leben. "Wir wussten, wer dahintersteckt. Wir hatten den Tipp darauf gegeben." Er erschrak über die Brutalität der Täter: "Zwischen Stehlen und Umbringen ist ein großer Unterschied." Insgesamt sollen vier Männer den Raub ausgeführt haben. Zwei Moldauer sind flüchtig. Ihre DNA wurde am Tatort sichergestellt. Sie sind für Mittwoch geladen - mit geringer Erfolgsaussicht.

Wie bei Böhnhardt

Eine DNA-Spur muss noch nichts bedeuten, wie die verblüfften Zuhörer erfuhren. Am Tatort war die DNA eines völlig unbeteiligten Oberpfälzers. Seine Körperzellen gelangten über einen Sanitäter an die Strickjacke der verletzten Seniorin. Der Helfer hatte diesen Mann einige Tage zuvor bei einem Verkehrsunfall versorgt. Die Sachverständige des Landeskriminalamtes vermutet Blutstaub auf seiner Jacke, der sich trotz Reinigung dort hielt. Rätselhaft ist auch, wie die DNA-Spur des jüngsten Angeklagten an den Tatort gekommen ist. Er hat am Tag der Tat Tschechien nicht verlassen. Dafür gibt es Beweise. Der 25-Jährige hatte in Prag das Auto gemietet und an die Räuber weitergegeben. „Er hat mit der ganzen Geschichte nichts zu tun“, erklärt sein Verteidiger Dr. Jan Bockemühl. Denkbar ist, dass auch seine DNA in das Grafenwöhrer Haus eingeschleppt wurde. Die LKA-Beamtin bestätigte solche Übertragungsmöglichkeiten, etwa durch Händeschütteln.

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