Ex-Weidenerin berichtet über die Zeit nach dem Alkohol
Zehn Jahre trocken

In der Arbeit hat Lina M. funktioniert. Abends, daheim, griff sie täglich zum Alkohol. Sieben Jahre lang, bis 2007. Seit zehn Jahren ist die Weidenerin trocken - auch dank der Anonymen Alkoholiker. Symbolbild: dpa

"Es ist, wie wenn du zu Cassius Clay in den Ring steigen würdest", schildert Lina M. (Name von der Redaktion geändert). "Du weißt, du kannst nicht gewinnen und trotzdem steigst du jeden Tag wieder rein." Der Name ihres Gegners: Alkohol.

Dabei ist Lina M. (63) seit zehn Jahren trocken. Hat keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Aber sie weiß: Die Krankheit ist damit nicht vorbei. Sie muss weiterhin stark bleiben. "Das fällt mir nicht schwer." In den Anonymen Alkoholikern hat sie eine feste Stütze.

Den ersten Kontakt mit der Droge Alkohol hatte sie als Elfjährige. Bei einem Verwandtenbesuch in der ehemaligen DDR wurde gefeiert. Auch sie hat da Schnaps bekommen. "Das war damals nicht unüblich", meint die Weidenerin, die mittlerweile im Landkreis Neustadt lebt. "Da hat man einem Kind schon mal Bier eingeflößt, damit es besser schläft." Was keinesfalls üblich war: Lina M. wurde in jungen Jahren von ihrem Vater missbraucht. Ein Umstand, der ihr Minderwertigkeitskomplexe, Depressionen, Panikattacken und jahrzehntelange Psychotherapie einbrachte.

Trotzdem war ihr Trinkverhalten bis zu ihrem 46. Lebensjahr relativ normal, meint sie. "Es bestand keine Abhängigkeit." Ab und zu mal etwas zu trinken, war keinesfalls verpönt. Es gab auch mal eine Beziehung, "die ich ohne Alkohol nicht ertragen hab". Oder einen Freund, "mit dem ich jeden Sonntag zum Frühschoppen musste". Lina M. war auf der Suche nach Liebe und Anerkennung, versuchte, ihr mangelndes Selbstwertgefühl mit Alkohol zu betäuben. Mit Anfang 40 war sie Mutter von zwei Kindern, alleinerziehend und in Vollzeit berufstätig. "Arbeit, Kindererziehung, Einkaufen, abends Hausaufgaben kontrollieren. Ich war überfordert." Dazu kam Mobbing durch die Kollegen. Der Griff zur Flasche wurde immer häufiger: "Angefangen hab ich mit Prosecco. Eine Flasche war nichts. Trotzdem hab ich sehr gut funktioniert, war im Betrieb nicht sturzbetrunken. Aber abends hab ich's krachen lassen." Lina M. vertrug sehr schnell, sehr viel, stieg um auf Schnaps, Jägermeister, Wodka: "Der läuft gut rein."

Es folgte der berufliche Wechsel nach Nabburg. Dort lief es in der Arbeit zwar gut. "Aber ich kannte niemanden, war sozial isoliert." Sie trank weiter: täglich, allein. "Wenn man anfängt, Flaschen zu verstecken, ist das ein Anzeichen, dass es nicht mehr ohne geht." Was ihr zu schaffen machte: Die Augen ihres Sohnes, wenn er seine betrunkene Mutter sah. Die ältere Tochter war bereits aus dem Haus. "Aber die Pubertät meines Sohnes hab ich versoffen", sagt Lina. Klare Worte sind bei den Anonymen Alkoholikern (AA) üblich. "Sieben Jahre war ich von Alkohol abhängig, hab ihn jeden Tag gebraucht." Dann konnte sie ihrem Sohn nicht mehr in die Augen sehen, informierte sich über die Anonymen Alkoholiker, ging - nach langem Zögern - zu Treffen. Parallel dazu verschaffte ihr die Psychotherapeutin für 23. Januar 2007 eine ambulante Therapie in Wöllershof.

"An Silvester wollte ich es nochmal krachen lassen." Die Folgen: Ein Sturz, Rippenbrüche, mehrere Wochen im Krankenbett und ab 23. Januar eine Therapie, zu der Lina M. jeden Tag nüchtern erschien. Sie hat es geschafft. "Aber nicht allein." Die Anonymen Alkoholiker geben ihr Rückhalt. Sie geht mindestens zwei Mal die Woche hin. "Dort werden mir Wege aufgezeigt, wie ich nüchtern, Tiefpunkte überstehen kann." Sie lernte: Egal, was passiert. Es gibt keinen Grund zu trinken. Denn Alkohol löst die Probleme nicht, sondern er verschlimmert sie. "Nüchtern kann ich agieren und die Probleme lösen."

"Seit ich nicht mehr trinke, ist mein Leben glücklich und ausgefüllt. Ich habe meine Kinder wieder gewonnen." Die Tochter hatte sich distanziert. "Ich habe meine Hunde und die Natur." Lina M., inzwischen Rentnerin, betreibt Sport. Sie rührt nicht mal eine Torte mit Alkohol an. Und sie hat ein neues Selbstbewusstsein gewonnen. "Es ist klar, dass man Cassius Clay nicht besiegen kann. Man kann nur eines tun: nicht zu ihm in den Ring steigen.
1 Kommentar
6
Iva Verosun aus Beratzhausen | 05.09.2017 | 20:13  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.