13.04.2018 - 19:54 Uhr
Oberpfalz

Experten zu Listenhunden Beißkraft der "Knackpunkt"

"Der tut nix." Drei Wörter, ein Dilemma: Während Hundebesitzer meist vom Sanftmut ihrer Vierbeiner überzeugt sind, spricht die Statistik eine andere Sprache. Hundebisse sind keineswegs selten und enden im schlimmsten Fall sogar tödlich.

An "Kampfhunden" scheiden sich die Geister. Bild: Uli Deck/dpa
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Weiden/München. Vor allem an sogenannten Kampfhunden scheiden sich die Geister. Kritisieren die Liebhaber solcher Rassen bereits die Bezeichnung an sich als irreführend, so plädieren andere für ein komplettes Haltungsverbot. Tatsache ist: Innerhalb von kurzer Zeit führten die Attacken von als "Kampfhund" beschriebenen Tieren zu drei Todesopfern. In Hannover starben eine schwerbehinderte Frau und ihr schwerkranker Sohn, in Hessen überlebte ein sieben Monate altes Baby einen Biss in den Schädel nicht. In beiden Fällen war der Angreifer der eigene Familienhund.

Die Tierärztin Dr. Barbara Bäumler, Leiterin des Weidner Veterinäramtes, berichtet von 15 Listenhunden (siehe auch Hintergrund) im Stadtgebiet. "Alle haben ein Gutachten." Allerdings glaube sie nicht, dass jeder Besitzer seinen "Kampfhund" auch anmelde. Bäumler findet die bayerische Gesetzeslage zwar prinzipiell gut, hält jedoch die Rasseneinteilung für falsch. "Besser wäre es, wenn jeder, der einen Hund mit einer gewissen Größe besitzt, einen Hundeführerschein machen müsste, damit er auch weiß, was er da an der Leine führt." Denn nicht nur "Kampfhunde" könnten großen Schaden anrichten - das treffe beispielsweise genauso auf einen Malinois oder Deutschen Schäferhund zu.

Mensch das Problem

Bäumler wird deutlich. "Das größte Problem ist meistens das, was hinten an der Leine steht." Also der Mensch. "Kampfhunde" könnten durchaus gute Familienhunde abgeben, "aber man muss wissen, was man da hat". Und keinesfalls dürfe man einen Hund mit Kindern alleine lassen. "Es sind Tiere, das darf man nicht vergessen." Hunde würden durchaus aggressiv geboren und seien nicht von Natur aus alle zahm und harmlos. "Sogar ein Chihuahua kann einem Kind schon den Finger durchbeißen", warnt die Veterinärin. "Ein Molosser aber ist sogar in der Lage, einen Kinderkopf abzubeißen." Deshalb gehören nach Bäumlers Ansicht alle Hunde mit großer Beißkraft auf die Liste: "Die Gutachtenpflicht sollte ausgedehnt werden."

Ähnlich äußert sich Rebecca Steinke aus München, die dem beim Amtsgericht Weiden gemeldeten Verein "Listenhund-Care" angehört und gerade den Verein "Listenhund Helden" mit aufbaut. "Ab einem bestimmten Gewicht kann jeder Hund großen Schaden anrichten", sagt sie. Den Begriff "Kampfhunde" hält Steinke für schwierig. "Zwar wurden bestimmte Rassen tatsächlich vor einiger Zeit zum Kampf gegen andere Hunde oder auch Bullen gezüchtet und haben eine entsprechende genetische Disposition, aber ein Pitbull ist nicht von Natur aus aggressiver als ein Labrador." Trotzdem dürfe man die Diskussion nicht bagatellisieren, denn "diese Hunde sind wirklich Kraftpakete, das darf man nicht verharmlosen".

Qualität unterschiedlich

Steinke betont: "Jeder Hund braucht verantwortungsvolle Führung." Das betreffe den Pitbull genauso wie den Border-Collie von nebenan. Sie wünscht sich daher einen gesetzlich vorgeschriebenen Hundeführerschein für jeden Hundehalter, "vom Besitzer eines Chihuahua bis zum Rottweiler". Die Gutachter-Praxis in Bayern sieht Steinke kritisch: "Das ist immer nur eine Momentaufnahme und kann gar keine richtigen Ergebnisse liefern."

Rebecca Steinke weiter: "Man muss immer gucken, welcher Halter hat welchen Hund." Gut sozialisiert und verantwortungsvoll gehalten seien Listenhunde durchaus gute Familienhunde, mit denen auch Kindern aufwachsen könnten, glaubt sie. Angemerkt

Hunde von "gesteigerter Aggressivität und Gefährlichkeit"

In Bayern führt das Staatsministerium des Innern seit 2011 eine Statistik über Beißunfälle. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 1091 Vorfälle erfasst, die sowohl Menschen als auch Tiere betrafen. 39 Menschen wurden von sogenannten Listenhunden verletzt, 571 Personen wurden Opfer von Hunden anderer Rassen oder Mischlingen.

Den gesetzlichen Unfallversicherungsträgern in ganz Deutschland wurden im Jahr 2010 insgesamt 3610 Unfälle mit Bissverletzungen gemeldet, davon entfielen 75 Prozent auf Hunde und Katzen. Zwei Drittel der Opfer von Hunde-Angriffen sind Kinder und Jugendliche, davon sind wiederum 25 Prozent Kinder unter 6 Jahren. In 90 Prozent der Fälle ist der eigene oder ein bekannter Hund verantwortlich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sterben in Deutschland jährlich bis zu sechs Personen an den Folgen eines Hundebisses.

Spezielle Hunderassen - Pitbull, American Staffordshire Terrier, Bullterrier, Rottweiler und Schäferhund - dominieren bei den tödlichen Biss-Attacken, die sich meist unbeobachtet ereignen. Überwiegend handelt es sich um Opfer, die sich schlecht selbst verteidigen können, wie ältere Menschen und kleine Kinder. Auch Attacken von mehr als einem Hund können zu ausgedehnten Verletzungen führen. Schwere Verletzungen an Kopf, Nacken und Hals sind bei Kindern unter vier Jahren am häufigsten. Große Hunde können bei Säuglingen den gesamten Kopf in die Schnauze nehmen und unter starkem Schütteln sogar abbeißen.

Um solche Vorfälle zu verhindern, haben die einzelnen Bundesländer Regelungen zur Hundehaltung getroffen. In Bayern entschied sich der Gesetzgeber Anfang der 1990er Jahre dafür, bestimmten Rassen generell eine "gesteigerte Aggressivität und Gefährlichkeit" zu unterstellen. Diese Rassen werden im Gesetz "Kampfhunde" genannt. Die entsprechende Verordnung heißt "Verordnung über Hunde mit gesteigerter Aggressivität und Gefährlichkeit" - im Volksmund auch Kampfhundeverordnung genannt.

Zu diesen sogenannten Listenhunden der Kategorie eins zählen American Pitbull , American Staffordshire Terrier, Bandog, Staffordshire Bullterrier und Tosa Inu . Wer in Bayern einen solchen Hund halten will, benötigt dazu die Erlaubnis seiner Wohnsitzgemeinde. Eine solche Erlaubnis wird jedoch nur in Ausnahmefällen erteilt. Auch die Zucht von sogenannten Kampfhunden ist im Freistaat Bayern verboten und ebenso, diese nach Bayern einzuführen.

"Listenhunde der Kategorie zwei" sind Alano, American Bulldog, Bullmastiff, Bullterrier, Cane Corso, Dogo Argentino, Douge de Bordeaux, Fila Brasileira, Mastiff, Mastino Español, Mastino Napoletano, Dogo/Presa Canario, Presa Mallorquin/Ca de Bou und Rottweiler . Für diese Rassen sowie deren Kreuzungen untereinander oder mit anderen Hunden wird die Eigenschaft als "Kampfhund" zwar stets vermutet, sie ist jedoch durch ein Gutachten widerlegbar. Hierzu wird der Hund im Alter von 18 Monaten geprüft. (m)

Quellen: Deutsches Ärzteblatt; Bayerisches Staatsministerin des Inneren und für Integration

Natur der Bestie

Angemerkt von Tobias Schwarzmeier Er war ein mittelgroßer undefinierbarer Mischlingshund, der uns Schülern, die täglich an „seinem“ Hof vorbeigingen, bellend nachlief und manchmal in die Knöchel zwickte. Kleine Kinder hatten Angst vor ihm, wir anderen hakten es als übersteigertes Revierverhalten ab. Es nervte, aber es passierte ja nichts ernsthaftes. Bis der Besitzer in Bedrängnis kam, weil der Hund mehrmals „richtig“ zugebissen hatte. Ein frühes Verhaltenstraining hätte bei diesem Durchschnittshund sicher Früchte getragen.
Bei „Listenhunden“ reicht das – ebenso wie ein Hundeführerschein – aber nicht aus. Rassen, bei denen über Generationen bewusst die aggressivsten Exemplare zur Zucht verwendet wurden, gehören nicht in private Hände. Selbst die beste Hundeschule bietet bei Verhaltenweisen, die als genetische Prädisposition verankert sind, keine Sicherheit, dass etwa bei einem alten oder kranken Tier nicht irgendwann doch die Natur der Bestie zum Vorschein kommt.

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