14.04.2017 - 21:10 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Fentanyl-Prozess Sechs Jahre und Unterbringung in Therapieeinrichtung

Urteil im Fentanyl-Prozess vor dem Landgericht Weiden: Eine 56-Jährige, die sich im Namen ihres krebskranken Sohnes 2600 Pflaster verschreiben hat lassen, wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt.

von Autor hczProfil

(hcz) Zu sechs Jahren Freiheitsstrafe mit gleichzeitiger Unterbringung in einer Klinik zur Therapie ihrer Suchterkrankung verurteilte die 1. große Strafkammer des Weidener Landgerichts die 56-Jährige, die über Jahre regen Handel mit - für ihren kranken Sohn verschriebenen - Fentanyl-Pflastern betrieben hatte.

Die Hausfrau hatte sich die Rezepte für insgesamt 2660 Schmerzpflaster bei 24 verschiedenen Ärzten ergaunert. Dabei war sie meist kurz vor dem Schluss der Sprechstunden aufgetaucht. Mal hatte sie gejammert, dass es ihrem Sohn so schlecht gehe, mal hatte sie geweint, mal war sie dominant und fordernd aufgetreten. Wenn sich ein Arzt weigerte, die Verordnung auszustellen, ging die Weidenerin zu diesem nicht mehr hin. In 13 Apotheken löste die Hartz-IV-Empfängerin die Rezepte ein, damit es nicht auffiel. Die Fentanyl-Pflaster benutzte sie jedoch nicht selbst, sondern verkaufte sie zum Teil für 100 Euro pro Stück an Drogensüchtige, beziehungsweise tauschte sie gegen Methamphetamin, das sie selbst konsumierte. Einen Großteil erhielt auch ihr Sohn. Dieser benutzte die Pflaster jedoch nicht zur Schmerztherapie wie vorgesehen, sondern kochte sie aus und spritzte das gewonnene Betäubungsmittel. In seinen Haaren fand das Landeskriminalamt später die höchste jemals gemessene Konzentration.

Die zwanzigfach vorbestrafte Frau, die wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz und anderer Delikte schon eingesessen hat, habe die Sucht ihres Sohnes gefördert, weil sonst ihre Einnahmequelle weg gefallen wäre, kreidete ihr Staatsanwalt Rene Doppelbauer an. Im betreffenden Zeitraum habe es in Weiden sechs bis sieben "Fentanyl-Tote" gegeben, berichtete er. Dafür habe die Angeklagte zwar nicht die juristische, jedoch eine moralische Verantwortung. Weil man die Konzentration des Wirkstoffs nicht einschätzen könne, sei das Spritzen des ausgekochten Wirkstoffs jedes Mal "russisches Roulette".

Doppelbauer übte auch Kritik an der betroffenen Krankenkasse. Penibel überwacht würden Ärzte und Apotheken. Wenn sich aber ein Patient sechs mal so viele Drogen verschreiben lasse, wie er theoretisch brauche, greife keinerlei Kontrollmechanismus. Knapp 70 000 Euro hatte die Kasse für die Verordnungen aufwenden müssen. Bei einem Umsatz von 300 Milliarden falle dies nicht auf, hatte am dritten Prozesstag ein Mitarbeiter gesagt. Rechtsanwalt Tobias Konze plädierte auf ein Jahr weniger als die von Doppelbauer geforderten sechseinhalb Jahre. Außerdem wandte sich der Verteidiger gegen die "Stimmungsmache". Seine Mandantin habe mit den Toten nichts zu tun gehabt. Außerdem habe es nach ihrer Verhaftung noch mindesten einen weiteren Toten gegeben.

Bald in Therapie

Landgerichtspräsident Walter Leupold nahm die Krankenkassen in der Urteilsbegründung in Schutz. "Wir leben in einer Zeit, in der wir gerade nicht von der Wiege bis zur Bahre überwacht werden wollen." Ärzte und Apotheker sprach er von Mitverschulden frei. Die Frau habe ihren Betrug sehr geschickt gemacht. Da die Verurteilte schon seit neun Monaten in U-Haft sitzt, kann sie in wenigen Wochen eine Drogentherapie, wie vom Sachverständigen Dr. Thomas Wenske empfohlen, antreten. Nach 18 bis 24 Monaten wird sie dann auf Bewährung entlassen.

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