28.03.2017 - 16:46 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Ferkelkastration: Biobauer, ein Ferkelerzeuger und Tierschützer diskutieren Pubertäre "Stinker"

Die Deutschen essen am liebsten Schweine. Doch Eberfleisch ist oft ungenießbar. Deshalb werden die Tiere traditionell kastriert - ohne Betäubung. Das verbietet der Gesetzgeber ab 2019. Ein Biobauer, ein Ferkelerzeuger und ein Tierschützer diskutieren Alternativen.

Schweine schmecken den Deutschen am besten. Doch das Fleisch mancher Tiere wird in der Geschlechtsreife ungenießbar. Die so genannten "Stinker" sind gerade Gegenstand aufgeregter Debatten. Bilder: blu, wsb
von Beate-Josefine Luber Kontakt Profil

Nittenau/Weiden. Wenn Jungs in die Pubertät kommen, bekommen sie oft Pickel. Einige Eber dagegen fangen an zu stinken, wenn sie geschlechtsreif werden. Zwar trifft das nur auf fünf Prozent zu. Aber dieses Fleisch riecht und schmeckt anders. "Extremst nach Urin und noch einen anderer Geruch, den ich nicht beschreiben kann. Grauenvoll. Ungenießbar", bezeichnet Peter Nissl, Abteilung Ferkelvermarktung der Erzeugergemeinschaft Südostbayern in Nittenau, das Geschmackserlebnis.

"Zack und weg"

Das Problem der "Stinker", wie diese Schweine genannt werden, ist schon immer bekannt. Seit Jahrhunderten gibt es auch eine Lösung dafür, die immer noch praktiziert wird. "Hoden raus, zack und weg", fasst Nissl die Prozedur zusammen. Innerhalb der ersten sieben Lebenstage setzt der Bauer zwei kleine Schnitte und entfernt die noch innen liegenden Hoden der Ferkel. Bei vollem Bewusstsein, durchaus mit Schmerzspritze, aber ohne Narkose. Rund 20 bis 25 Millionen Schweine werden nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur jährlich in Deutschland kastriert. Die betäubungslose Kastration hat der Gesetzgeber mit Wirkung zum 1. Januar 2019 verboten. Gerade sind drei Alternativen dazu im Gespräch: Die Ebermast mit nicht-kastrierten Schweinen; eine Impfung, die die Geschlechtsreife verzögert, die Immunokastration; die Kastration unter Vollnarkose.

Konzerne sind Vorreiter

Zwei Jahre vor dem gesetzlichen Verbot haben einige Einzelhändler Frischfleisch von betäubungslos kastrierten Schweinen aus ihren Läden bereits verbannt. So verkaufen nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur Aldi Nord und Aldi Süd seit 1. Januar 2017 neben Fleisch von weiblichen Schweinen nur noch Fleisch aus Ebermast. Rewe akzeptiert neben der Ebermast auch die Kastration unter Betäubung und die sogenannte Immunokastration. Nach Meinung von Nissl vom Ferkelerzeugerring lege das Gesetz den Bauern weitere Steine in den Weg. Die ganze OP dauere vielleicht eineinhalb Sekunden. Die "Sugerl" würden danach ganz normal reagieren, gingen zur Mutter und säugten.

Für Dr. Edmund Haferbeck von der Tierrechtsorganisation Peta dagegen ist das Verfahren "eine schwere Amputation, die hier stattfindet". Diese betäubungslose Amputation werde total verniedlicht. Nissl vom Ferkelerzeugerring, Haferbeck von Peta und der Naturland-Schweinemäster und Biobauer Reinhard Brunner diskutieren die drei Alternativen.

Vollnarkose: Die Kastration unter Vollnarkose bezeichnet Nissl als "Stress pur". Das Betäubungsgas "Isofluran" sei "der größte Treibhauskiller, den es überhaupt gibt". Das Ferkel erleide "massivste Erstickungsanfälle", bevor es weggetreten ist. Manche wachten aus der Narkose nicht mehr auf. "Für mich hat diese Art der Kastration nichts mit Tierschutz zu tun", sagt Nissl. "Da tut mir das Viech leid. Wenn sich diese Art der Betäubung durchsetzt, würde ich aufhören." Zudem müsse die Narkose der Tierarzt machen, was weiteren Aufwand und Kosten bedeute. Auch Biobauer Brunner ist kritisch gegenüber der Vollnarkose. "Es ist immer noch ein Schnitt." Die Wunde sei Eintrittspforte für Keime. Dazu gehe die Körpertemperatur nach unten, was besonders für Biobauern von Nachteil sei, die die Tiere draußen hielten.

Ebermast: Eine andere Möglichkeit ist, die Eber ganz normal zu mästen und dann die "Stinker" nach dem Schlachten auszusortieren. Für diese Aufgabe gibt es sogar eine Berufsbezeichnung: die "Schnüffler". Menschen, die diesen Beruf ausüben, riechen an geschlachteten Schweinehälften und identifizieren das ungenießbare Fleisch.

Doch auch bei dieser Methode, die vor allem in Großbritannien angewandt wird, gibt es Vorbehalte. Die geschlechtsreifen Tiere seien aggressiv, reiteten auf, bissen sich gegenseitig in den Penis, erklärt Nissl. Das sei enorm schmerzhaft und ein Einfallstor für Keime. Tierschützer Haferbeck jedoch behauptet, das liege vor allem an den engen Ställen. Hätten die Tier mehr Raum, wären sie nicht so aggressiv. Bauer Brunner bestätigt das Problem der Penisverbeißungen. Eine Ebermast sei zudem in der Biobranche nicht vorstellbar. Die Abnehmer sei oft das Handwerk, ganz normale Metzger. "Wenn da ein ,Stinker' versehentlich doch in der Fleischtheke landet, überlebt das der Metzger nicht", ist er überzeugt.

Immunokastration: Biobauer Brunner praktiziert die Immunokastration. Er betont, dass die Tiere bei dieser Methode nicht mit Hormonen geimpft werden. Der Impfstoff stimuliere das Immunsystem zur Bildung von Botenstoffen, die die Ausschüttung der Sexualhormone verhinderten. "Ähnlich wie ein Grippeschutzmittel." Seiner Erfahrung nach ist das die am wenigsten invasivste Methode. Nach der Impfung verhielten sich die Schweine auch anders. "Das männlich dominante, aggressive geht weg."


Nissl vom Ferkelerzeugerring weist jedoch auf die hohen Kosten hin, die bei dieser Methode auf den Schweinemäster umgelegt werden. Vier bis sechs Euro kosteten die beiden erforderlichen Impfungen pro Schwein. Das sei etwa die Hälfte dessen, was die Bauern an einem Schwein verdienen. Das Problem stellt sich auch Brunner, doch die Biolandwirte haben sich mit den Abnehmern geeinigt. Die fünf Euro pro Schwein bekommt Brunner vom Abnehmer Rewe erstattet, der neben der Ebermast nur noch geimpfte Schweine akzeptiert. Anders würde es nicht gehen. "Wir können den Bauern nicht noch mehr aufdrücken." Doch das Problem löst sich wohl bald von selbst, spätestens wenn der Pharmakonzern Zoetis 2018 sein Hauptpatent für das Medikament verliert. Danach könnte der Preis noch einmal deutlich fallen.

Wie wenn man einen Gummistiefel auf die heiße Herdplatte stellt.Reinhard Brunner über den Geruch des Eberfleisches von "Stinkern"

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